Schauspiel Köln startet Pilotprojekt

Theater macht Stadt

Oliver Pohlisch
12. März 2016
Workshop «Am ersten Tag erschaffen wir Mülheim», Foto: Schauspiel Köln/Martin Miseré

Sanierungsbedingt hatte das Schauspiel Köln 2013 sein Stammhaus verlassen müssen. Für mehrere Jahre führt es nun den Betrieb in einer Interimsspielstätte in Mülheim fort. Der traditionelle Arbeiterstadtteil liegt auf der «Schäl Sick», der aus der Sicht von Kölns Innenstadtbewohnern falschen Seite des Rheins. Er durchlief eine Phase der Deindustrialisierung, zeichnet sich durch einen hohen Anteil an migrantischen Bewohnern aus und lässt erste Anzeichen einer Gentrifizierung erkennen.

Schon in den vorangegangenen Spielzeiten hatte das Theater sich intensiv mit seiner neuen Umgebung auseinandergesetzt. So handelte das Stück «Carlswerk 1» von der Geschichte der Kabelfabrik Felten & Guilleaume, in deren ehemaligen Werkshallen das Schauspiel seine vorübergehende Heimat gefunden hat. Das Stück «Die Lücke» setzte sich mit dem Nagelbombenattentat in der Mülheimer Keupstraße im Jahr 2004 auseinander, das auf das Konto des NSU ging und dessen Folgen bis heute nachwirken. Und in «Glaubenskämpfer», bei dem ebenfalls Bewohner der Keupstraße auf der Bühne stehen, geht es um die alltägliche Koexistenz der Religionen im Stadtteil.

Schauspiel Köln, Ausweichspielstätte „Depot“ im Carlswerk, Foto: Raimond Spekking via Wikimedia Commons

Nun geht das Schauspiel Köln noch einen Schritt weiter: Unter dem Motto «Die Stadt von der anderen Seite sehen» will es aktiv an der Entwicklung Mülheims teilhaben, sich selbst als Instrument der Stadtentwicklung begreifen. Das vom Bundesbauministerium und vom Land NRW geförderte Pilotprojekt ist auf zwei Jahre angelegt und soll Führungen, Workshops, öffentliche Veranstaltungen, Aktionen im Stadtteil und künstlerische Arbeiten beinhalten. Unbedingtes Element des Projekts ist die Partizipation von Menschen und Gruppen, die von den Veränderungen in Mülheim direkt oder indirekt betroffen sind. Die konkreten Formate und Inhalte sollen sich aus dem Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten Perspektiven ergeben, hoffen die Verantwortlichen. Am Ende entsteht dann so etwas wie der Entwurf eines städtischen Leitbildes.

Das Schauspiel versteht sein Mülheimer Projekt dabei als Labor für die ganze Stadt. Auf seiner Homepage fordert es plakativ: Köln muss besser werden. Gefragt seien «Bewegung statt Stillstand, Mut statt Verzagtheit, Offenheit statt Klüngel und genaues Hinschauen statt selbstbesoffenem Lokalpatriotismus».

Die ProjektleiterInnen Eva-Maria Baumeister und Isabel Finkenberger betonen die Offenheit des Vorhabens. Wie das Projekt sich bis zum Sommer 2017 entwickeln wird, sei nicht durchgeplant. Arbeiten innerhalb des Theaters, die Anbindung an schon vorhandene oder neue Initiativen im Stadtteil, die Ausweitung der Projektstrukturen im Prozess, eine Einwirkung auf den regulären Repertoirebetrieb: Alles sei möglich. Stadtplanungsexperten sollen das Ganze begleiten und die konkreten Auswirkungen des Projekts auf den Stadtteil bewerten.

Teilnehmerinnen des Workshops von Labor Fou vermessen Mülheim, Foto: Schauspiel Köln/Martin Miseré

Immerhin hatte «Die Stadt von der anderen Seite sehen» eine halbjährige Vorbereitungszeit. Und setzte den Ton mit einer Auftaktveranstaltung am 5. März, die als Bestandsaufnahme der für Mülheim relevanten Themen gedacht war. Einen Nachmittag lang konnten rund 200 Teilnehmer aus Mülheim und anderen Gegenden Kölns gemeinsam mit Planern, Künstlern und lokalen Experten im Rahmen von zehn Workshops das Gebiet rund um die Spielstätte neu oder überhaupt erst entdecken und aus der Erfahrung Fragen nach der Zukunft des Viertels sowie letztlich der gesamten Stadt artikulieren.

Im Workshop «Am ersten Tag erschaffen wir Mülheim» wurde aus einem riesigen, 1000 Kilo schweren Lehmhaufen ein Stadtmodell geformt. «Es geht nicht darum, die Stadt eins zu eins abzubilden. Das Modell darf ruhig lebendig sein und erst bei der Arbeit werden wir uns über unsere gemischten Umwelt-Vorstellungen und verschiedenen inneren Landkarten bewusst», sagte Workshop-Leiter und Künstler Boris Sieverts, der «Die Stadt von der anderen Seite sehen» bis zum Projektende mitgestalten soll. Ebenso wie das deutsch-russisch-ukrainische Trio subbotnik und die Gruppe Labor Fou, die in ihrem Workshop die Teilnehmer Mülheim mit Zollstöcken vermessen ließ. Filmemacherin Gesine Danckwart erstellte mit ihrem Workshop ein Werbevideo über des Stadtteil, während lunatiks produktion dazu animierte, Mülheim aus Legosteinchen nach eigenem Gusto neu zu bauen.

Im Workshop von lunatiks produktion wird Mülheim mit Legosteinen nachgebaut, Foto: Schauspiel Köln/Martin Miseré

Erstaunlich, dass Fördergelder des Bundes für sozialräumliche Stadtentwicklung hier mal in Kanäle jenseits der bisherigen Projektträger mit ihrer Quartiersmanagement-Routine fließen. Und insgesamt ist es sehr zu begrüßen, dass ein Theater wie das Schauspiel Köln sich nicht einfach nur von der Kommune als Werkzeug benutzen lässt – für die x-fach erprobte Aufwertung eines vermeintlich problematischen Viertels durch die Ansiedlung kultureller Institutionen. Sondern, dass es sich seines Standorts gewahr wird und die Entwicklungen in der Umgebung sowie die eigene Rolle darin – hoffentlich kritisch – analysiert und mitzugestalten versucht.

Die behauptete völlige Offenheit von «Die Stadt von der anderen Seite sehen» darf angesichts der üblichen Projektelogik und der finanziellen Grenzen, denen auch diese Unternehmung unterliegt, ruhig in Frage gestellt werden. Und man kann nur wünschen, dass die Verantwortlichen auch über eine realistische Einschätzung des partizipativen Charakters ihres Projekts verfügen. Bei beteiligungsorientierter Planung machen ja oft genug nur solche Akteure und Gruppen mit, die sowieso schon über Einfluss und Ressourcen verfügen. Eigentlich müsste also permanent der Grad an Inklusivität geprüft werden, den die Aktionen und Interventionen des Theaters aufweisen. Schließlich sollen diese ja substanzielle Effekte auf Mülheim und darüberhinaus haben und damit theoretisch auch alle Bewohner etwas angehen. Nach welchen Kriterien die begleitenden Experten diese Effekte messen, lässt sich im übrigen nirgendwo lesen.

Überhaupt bietet die Webseite für «Die Stadt von der anderen Seite denken» außer Foto-Material bisher recht wenig Informationen über Verlauf und Resultate der Auftakt-Workshops sowie über Schlußfolgerungen aus dieser ersten Veranstaltung. Hier ist noch Bedarf nach Verbesserung, denn Transparenz ist unabdingbar für den Erfolg partizipativer Prozesse. Wie sonst können die nicht-theaterinternen Projekt-TeilnehmerInnen erkennen, ob ihre Erklärungen und Anregungen auch weitere Berücksichtigung im Verfahren finden. Das Schauspiel Köln sollte seine eigenen Ankündigungen also ruhig ein wenig ernster nehmen, will es verhindern, dass die Nachbarn im Stadtteil sich frustiert abwenden und denken: Ist doch alles nur Theater.

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