Terrassen und Voids

Ulf Meyer
13. April 2021
Umbau vom Waren- zum Bürohaus: Das frühere Centrum-Gebäude am Berliner Ostbahnhof wird zum Zalando-Bürohaus (Foto: Nils Koenning)

Am „Hauptbahnhof der Hauptstadt der DDR“, heute schlicht „Ostbahnhof“ in Berlin, wurde 1979 das Warenhaus Centrum mit einer orange-türkisen Pixel-Fassade als größtes Haus der Centrum-Warenhaus-Kette eröffnet. Jetzt wurde es zu einem modernen Bürohaus mit „Shabby Chic“ umgebaut.

Der Bautypus Kaufhaus steckt angesichts des Online-Shopping-Booms und dem weit verbreiteten Einkauf per Auto am Stadtrand in einer schweren Krise. Das ehemalige Centrum Kaufhaus am Berliner Ostbahnhof wurde nach der Wende ein Hertie-, dann Kaufhof-Haus, 2017 musste es schließen. Für den leeren Betonskelett-Kubus wurde ein Nutzungskonzept entwickelt für den neuen Groß-Mieter, das Internet-Modehaus Zalando. Die Firma SIGNA wählte in einem Wettbewerb den Entwurf von Jasper Architects aus und beauftragte das Büro in Planungsgemeinschaft mit dem Büro Gewers Pudewill (beide Berlin) mit der Umplanung. Der Umbau des ehemaligen Kaufhauses, einst Stolz der DDR, zum retro-chicen Bürohaus für den Online-Händler Zalando ist ein Ausdruck des Umbruchs im Einzelhandel, der mit dem Ende der Corona-Krise erst beginnen und alle Innenstädte verändern wird.

In den Büroetagen dominiert der Shabby Chic (Foto: Nils Koenning)
Foto: Nils Koenning
Die Draufsicht zeigt die vier Einschnitte auf den Seiten mit den kaskadenförmigen, schmalen Terrassen (Foto: HG Esch)

Das Warenhaus funktionierte ohne Öffnungen in den Fassaden, aber die neue Nutzung forderte eine völlige Umkehrung des introvertierten Grundrisses. Durch vier „Subtraktionen im Volumen“ wurden hellere Innenräume für die neue Nutzung als Großraumbüro geschaffen. Der Flächenverlust wurde durch zwei neue zusätzliche Geschosse kompensiert. Die terrassierten Einschnitte bringen Licht und Luft in die Büros des nun „UP!“ genannten Gebäudes. 
Selbst in zentralen Bereichen in dem Bau mit 80 m Kantenlänge sollten Büroflächen geschaffen werden. Als Alternative zu zentralen Lichthöfen wurde keilförmig an jeder Seite eine „Schlucht“ in die Flanken geschlagen, die sich nach oben weitet. Dadurch vergrößerte sich die Außenfläche der Fassade um mehr als ein Drittel. Der Innenraum hat nun die Form eines „X“; auf jeder Etage ergeben sich vier Flächen um einen Kern herum. Entlang der Voids liegen schmale Terrassen.

Die Fassade wurde abgetragen und der Bau bis auf sein Stahlbeton-Skelett zurückgebaut. Übrig blieb eine generische Fläche mit Raster aus Betonstützen, die alle zwölf Meter den Grundriss unterteilen, sowie vier Erschließungskerne. Der raue Charme der Bestandsbauteile wurde beibehalten, als „Leinwand für die neue Zeit“ wie die Architekten es nennen. Die Geschosshöhe von 5,40 m und die Rippenstruktur der Decke blieben erhalten und sichtbar, alle Installationen wurden sichtbar montiert. Weiße Akustik-Elemente mit Sprinklern bilden nun ein Raster der Deckenuntersichten. Lüftung, Kabel, Rohre und Schienen bleiben dahinter sichtbar.
Die Fassade besteht aus vollverglasten und geschlossenen Elementen im Verhältnis drei zu eins. Um die Büroflächen zu gliedern, wurden Kaffeeküchen, schallisolierte Raumboxen für den Rückzug und opake Wände aus Steg-Glas integriert.

Boxen dienen dem konzentrierten Arbeiten (Foto: Nils Koenning)
Dachpavillon mit Freifläche (Foto: Nils Koenning)

Auch die Fußböden aus Kautschuk helfen bei der Zonierung. Ihre Farbflächen definieren kleinere räumliche Inseln. Die Kuben, die als Besprechungszimmer und Arbeitszonen dienen, sind mit Teppich ausgelegt, der sich monochrom an den Kautschuk-Boden anschließt. Das Erdgeschoss wurde auf eine Ebene mit der Fassade gebracht, die ehemaligen Arkaden also zum Innenraum. Im Zentrum liegt die Lobby, alle anderen ebenerdigen Flächen dienen als Läden, Supermarkt oder Café. Läden orientieren sich zu allen vier Seiten. Rückseitig wurde eine PKW-Einfahrt eingebettet, Fahrzeuge werden über einen Aufzug in die Tiefgarage transportiert.
Beleuchtung und Blendschutz werden von einer Wetterstation geregelt. An einigen Betonstützen gibt es Steuerungsstationen, an denen Nutzer per Touchscreen in die Gebäude-Automation eingreifen können. Auf dem Dach befindet sich ein Rückkühlwerk, das mit Hilfe von Wärmetauschern im Abwasserkanal zur Energiezentrale wurde. 

 

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