Repräsentatives Gesicht an der EU-Außengrenze

Manuel Pestalozzi
5. Juli 2022
Von der Hochstraße Elbmarsch zeigt sich B.O.S.S. als diskrete Infrastrukturanlage, auf der ein Glaskubus thront. (Visualisierung: ATP/bloomimages)

Der Umgang mit der Außengrenze der EU ist in der Architektur noch immer Neuland. Doch offenbar bemüht sich der Staatenverbund, die damit verbundenen Grenzformalitäten effizient und angenehm zu machen. Im Rahmen einer europäischen Strategie sollen alle EU-Mitgliedsstaaten an allen europäischen Eingangsstellen die verschiedenen Kontrollen nach Möglichkeit zur selben Zeit und am selben Ort vornehmen, berichtet Hamburgs Behörde für Justiz und Verbraucherschutz auf dem Portal hamburg.de. In Deutschland will die Freie und Hansestadt vorangehen und im nationalen Pilotprojekt „Border One Stop Shop“ (B.O.S.S.) die veterinär- und lebensmittelrechtlichen Einfuhrkontrollen, die Pflanzengesundheitskontrollen, die Konformitätskontrollen und die Zollkontrollen am Standort Waltershof/Finkenwerder Straße, an dem bisher schon das Zollamt Hamburg tätig ist, zusammenführen.

Am B.O.S.S.-Standort soll deshalb neben dem Zoll das Veterinär- und Einfuhramt Hamburg vertreten sein, das seine bisherigen Kontrollzentren am Reiherdamm und am Altenwerder Kirchtal aufgeben wird. Ebenso werden die Pflanzengesundheitskontrolle sowie die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung jeweils eine Einrichtung am B.O.S.S.-Standort unterhalten. Das Projekt dient außerdem der Umsetzung neuer europäischer und nationaler Vorgaben hinsichtlich der Einfuhr von Waren aus Drittländern sowie künftiger rechtlicher Kontrollanforderungen.

Ein Atrium schafft im dynamischen Umfeld einen introvertierten, ruhigen Raum. (Visualisierung: ATP)

Im Rahmen des Mieter-Vermieter-Modells der Freien und Hansestadt Hamburg wird die Sprinkenhof GmbH als Realisierungsträger den Neubau des Veterinär- und Einfuhramtes planen und realisieren. Sie führte ein Verhandlungsverfahren mit Teilnahmewettbewerb (EU) (VgV) durch, mit dem Zuschlagskriterium „wirtschaftlichstes Angebot“. Eigentlich handelt es sich um eine Architekturaufgabe, die Signalwirkung haben sollte, verleiht sie doch der EU-Außengrenze ein potenziell repräsentatives Gesicht. So ist es zu begrüßen, dass das ATP-Hamburg-Team unter Designchef Alexander Montero eine Ideenskizze zu diesem Bauvorhaben veröffentlicht hat. Es zeigt ein „selbstbewusstes Landmark am Tor zur Stadt“. Erkennbar ist eine relativ schlichte Infrastruktur-Anlage, die von einem Glaskubus gekrönt wird. Der Bau entspreche trotz architektonischer Finesse mit Funktionalität und Effizienz den unterschiedlichen Bewegungsabläufen und Bedürfnissen der Nutzer*innen, beteuert das Design-Team.

Hinter der Form der ATP-Skizze verbergen sich Programme und Prinzipien. Oberste Priorität hat bei diesem Vorschlag im Sinne des Green Deals die Nachhaltigkeit: hohe Luftdichtheit, eine hochwärmegedämmte Hülle sowie wärmebrückenarme Anschlüsse reduzieren den Energiebedarf dieses Entwurfs auf ein Minimum. Ökologische, nachhaltige Materialien sollen gesunde Arbeitsräume schaffen. Die frühe Implementierung der Rückbau- und Recyclingfähigkeit gewährleiste eine flexible, nachhaltige Gebäudenutzung sowie die umweltschonende Verwertung des Gebäudes am Lebensende, schreibt ATP. Der Vorschlag ist somit alles andere als ein Bollwerk oder eine Schwelle, die Anspruch auf Permanenz erhebt. Die leichte Durchgängigkeit ist das Thema, nicht der Übertritt von außen nach innen. Ob die Werte, die Europa repräsentiert, jenseits der effizienten Bürokratie mit einem solchen Vorschlag nachhaltig und prägend zum Ausdruck gebracht werden? Darüber müsste man vielleicht doch noch einmal gründlich nachdenken, vor allem bei den Entscheidungsverfahren im Zusammenhang mit solchen potenziell symbolträchtigen Projekten und den ideellen Zielen, die man mit ihnen verfolgt.

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