Potsdams Staudenhof ist rettungswürdig

Manuel Pestalozzi
28. November 2022
Das architektonisch ambitioniert wirkende Gebäude aus der DDR-Zeit steht direkt neben der Nikolaikirche. (Foto: Gunnar Klack/Wikimedia Commons)

Der Staudenhof erhebt sich im Zentrum von Potsdam, zwischen der Nikolaikirche und dem Platz der Einheit. Der Entwurf stammt von den Architekten Hartwig Ebert, Fritz Neuendorf und Peter Mylo. Ausgeführt wurde der Bau 1971–1972 vom Wohnungsbaukombinat Potsdam. Die architektonische Qualität des L-förmigen Komplexes ist erheblich: Der kürzere Gebäudeflügel verläuft parallel zur Straße Am Kanal. Ihm ist ein niedriger Sockelbau vorgelagert. Der längere Flügel folgt hinter einer Grünfläche der Straße Am Alten Markt zur Nikolaikirche. Es handelt sich um einen Sichtbetonbau, der hauptsächlich aus vorgefertigten Elementen erstellt wurde. Ein markantes Detail sind die grossen Balkonloggien der Wohnungen, die aus den Volumen vortreten.

Die Website „Potsdamer Mitte neu denken“ zeichnet die Geschichte des Staudenhofs anhand einer Sammlung von Pressemeldungen nach. Ursprünglich hätte er größer sein sollen, liest man dort. Geplant war ein Hochplateau entlang der früheren Kaiserstraße, vom Platz der Einheit bis zum Alten Markt. Treppen führten beim realisierten Bau beidseits einer Bauminsel vom Platz der Einheit zum Hochparterre mit seinen Stauden, Gesträuch, Blumeninseln und Skulpturen, einem Trinkbrunnen, Wegen, Plätzen und Bänken, das zum Wirtschaftshof hin von einer Pergola begrenzt wurde. Mit der Umsetzung des Leitbautenkonzepts Potsdamer Mitte zur Wiederherstellung der historischen Straßenzüge verschwand der grüne Korridor zwischen dem Platz der Einheit und dem Alten Markt. Und auch der Wohnkomplex soll gemäß Leitkonzept einem Ersatzneubau weichen.

Nicht ohne Diskussionen

Der tiefe Eingriff ins vertraute Stadtbild löste wie auch andere Projekte in der Potsdamer Mitte Diskussionen aus. Unter anderem gab es Streit um das Schicksal der Staudenhof-Skulpturen, die zuerst auf die Freundschaftsinsel „verbannt“ und dann auf dem Neuen Friedhof eine neue Heimat hätten finden sollen. Im August dieses Jahres war von ihrer „Rückkehr in die Innenstadt“ die Rede. Derweil werden die Proteste gegen den Abriss des Wohnkomplexes konkreter. Eine eigene Website publiziert einen Aufruf mit zahlreichen prominenten Unterzeichner*innen. In einer Pressemitteilung gaben die Architektenkammern Brandenburg und Berlin bekannt, sie unterstützten die Sanierung und Weiterentwicklung des Bestandes. Sie setzen sich ein für eine öffentliche Debatte und eine seriöse Abwägung der Interessen, Herausforderungen und Schutzziele. Die beiden Verbände wiesen bei dieser Gelegenheit auch darauf hin, dass sie das Abrissmoratorium unterzeichnet haben. Wie die Märkische Allgemeine (MAZ) mitteilt, sprachen sich für den Erhalt und die Sanierung des Staudenhofs im aktuellen Bürgerhaushalt auch über 6600 Potsdamer*innen aus – damit sei dieses Ziel unter den zehn meistgewählten Vorschlägen des Bürgerhaushaltes und werde den Stadtverordneten zur Entscheidung vorgelegt.

Das Gebäude gehört der städtischen Immobilienholding Pro Potsdam. Geschäftsführer Bert Nicke erklärte auf MAZ-Anfrage, dass es derzeit zwar vermehrt Forderungen gibt, die Wirtschaftlichkeitsberechnungen für den Abriss und den geplanten Neubau eines Wohn- und Geschäftskarrees zu aktualisieren. Doch das lehne Nicke ab, berichtet die Zeitung. Der Abriss soll 2023, der Neubau ab 2027 erfolgen. Er halte sich an den Abrissbeschluss der Stadtverordneten und sei an den energetischen Standard 40 NH für den Neubau gebunden. Derzeit bereitet die Pro Potsdam den Architektenwettbewerb für das neue Karree vor. Es wäre schön, wenn die Stadt diesbezüglich nochmals über die Bücher gehen könnte.

Die Ecke bei der Einmündung der Straße am Alten Markt in die Straße Am Kanal dokumentiert das Fingerspitzengefühl, mit dem das Entwurfsteam den Staudenhof ins urbane Gefüge einpasste. (Foto: Leon Lenk, zVg staudenhof.info)

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