Verleihung 18. Hugo-Häring-Landespreis 2018

Ohne Wohnung

 Thomas Geuder
5. Juli 2018
Hochschule der Medien, Erweiterung Süd, Stuttgart, Architekt: Simon Freie Architekten BDA, Stuttgart, Bauherr: Hochschule der Medien, vertreten durch Universitätsbauamt Stuttgart und Hohenheim (Bild: Brigida González)
Am 3. Juli wurden im Stuttgarter Wechselraum des BDA die Preisträger des 18. Hugo-Häring-Landespreises bekannt gegeben. Architektonisch hochwertige wie auch ganzheitlich stimmige Lösungsansätze wurden ausgezeichnet. Eine Sparte aber fehlte komplett.
Seit 1969 wird alle drei Jahre der Hugo-Häring-Landespreis vom Bund Deutscher Architekten BDA, Landesverband Baden-Württemberg an Bauherren und Architekten verliehen. Zum Auszeichnungsverfahren 2017/18 wurden stolze 648 Bauwerke eingereicht, die in einem zweistufigen Verfahren juriert wurden. Aus den 151 Bauwerke, die eine Auszeichnung erhielten, wählte die Jury nun sieben aus, die mit dem Landespreis prämiert wurden. In dieser Preisträgerliste finden sich – man ahnt es zunächst – alte Bekannte, aber auch erfrischend selten publizierte Projekte. Das zeugt von einer gewissen inhaltlichen Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit der Jury, was dem (lt. BDA) „bedeutendsten baden-württembergischen Architekturpreis“ schlussendlich nur zugutekommen kann.

Vor dem Hintergrund der sich derzeit stark verändernden architektonischen und städtebaulichen Gegenwart suchte die Jury vor allem nach Lösungsansätzen, die innerhalb der „heterogenen, meist wenig qualitätsvollen architektonischen Umwelt Maßstäbe für eine hochwertige Baukultur setzen“ und „neben der erfüllten Funktion einen weiteren Wert“ geben können. Das drückt sich auch in den beiden übergeordneten Bereichen aus, die die Jury in der großen Bandbreite an Architekturthemen ausgemacht hat: Kulturbauten im weitesten Sinne sowie Gebäude, die durch ihre Funktion eine kulturelle Würde per se besitzen.

Begeistert zeigten sich die Jurymitglieder von den vielen ganzheitlich stimmigen Lösungsansätzen, die nicht nur ein in sich abgeschlossener Architekturkosmos sind, sondern über ihren Tellerrand hinaus blicken, ihr Umfeld oder sogar ganze Quartiere positiv beeinflussen und so die kulturelle Bedeutung von Architektur eigentlich erst demonstrieren. Architektur kann eben „als hochwertige Baukultur das gesamte kulturelle Leben bereichern“, so die Jury in ihrer Präambel.

Leider führte dieser Ansatz auch dazu, dass in der derzeit enorm wichtigen Sparte „Wohnungsbau“ kein einziges Bauwerk ausgezeichnet werden konnte, trotz zahlreicher Einreichungen mit durchaus hoher architektonischer Qualität. Eine Wirkkraft über ihre Funktion hinaus konnte die Jury bei keinem der Projekte erkennen. Verantwortlich für die Misere zeichnet der BDA in seiner Präambel deshalb nicht die Architekten, sondern die grundsätzlichen strukturellen Schwächen im Bereich der Landesentwicklungsplanung und der derzeitigen städtebaulichen Planungen, „die nach wie vor auf Konzepte der Nachkriegsmoderne zurückgehen und die nicht geeignet sind, soziologisch und stadträumlich Grundlagen zu bieten, auf denen heute hochwertige Architektur geschaffen werden kann. Vor dem Hintergrund dieser stadträumlichen Misere, die nicht von Architekten verursacht wurde, und die grundsätzlich auch nicht durch mehr oder weniger private Initiativen wie Baugemeinschaften ausgeglichen werden kann, ist es derzeit kaum möglich, beispielhaften Wohnbau zu gestalten. Die Jury fordert daher die verantwortlichen Politiker und Stadtplaner dazu auf, dichte und vernetzte städtebauliche Grundlagen zu schaffen, die sozial und wirtschaftlich verträgliche sowie architektonisch und stadtstrukturell hochwertige Architektur, also Baukultur, erst ermöglichen. Wir müssen zusammen Baukultur schaffen.“

Die Jury:
Dipl.-Ing. Peter Haimerl, München
Prof. Dipl.-Ing. Marcel Meili, Zürich
Dipl.-Ing. Herwig Spiegl, Wien
Amber Sayah, Architekturjournalistin, Stuttgart
Prof. Dr. Inés de Castro, Direktorin Linden Museum, Stuttgart

Mehr Informationen sowie die Jurywürdigungen unter: www.hugo-häring-preis.de

Die Bilder im Beitrag zeigen die ausgezeichneten Projekte (Reihenfolge ohne Wertung).
Generalsanierung Haus des Landtags in Stuttgart, Architekt: Staab Architekten, Berlin, Bauherr: Land Baden-Württemberg, Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Stuttgart (Bild: Marcus Ebener)
Neubau Kärcher-Areal, Winnenden, Architekt: Reichel Schlaier Architekten GmbH, Stuttgart, Bauherr: Alfred Kärcher GmbH & Co. KG (Bild: Brigida González)
Kreativwirtschaftszentrum, Mannheim, Architekt: hartwig schneider architekten, Stuttgart, Bauherr: Stadt Mannheim (Bild: Christian Richters)
Turmbergterrasse, Karlsruhe-Durlach, Architekt: Architekten Hähnig | Gemmeke, Freie Architekten BDA, Tübingen, Bauherr: Amt für Hochbau und Gebäudewirtschaft, Stadtbauamt Durlach (Bild: bild_raum Stephan Baumann)
Tankturm, Heidelberg, Architekt: AAg LoebnerSchäferWeber BDA Freie Architekten GmbH, Heidelberg, Bauherr: Wasserturm Grundstücksverwaltungs GbR (Bild: Thomas Ott)
Hof 8 - Umnutzung einer landwirtschaftlichen Hofanlage, Weikersheim-Schäftersheim, Architekt: Architekturbüro Klärle, Bad Mergentheim, Bauherr: Prof. Dr. Martina Klärle und Andreas Fischer-Klärle (Bild: Brigida González)

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