Marc Oei: „Wir sind in der Findungsphase“

Katinka Corts
23. April 2020
Foto: © LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, Architekten

Mit „Corona … so ein Mist“ beginnen die Zeilen, die uns Marc Oei zu seiner aktuellen Bürosituation schreibt. Die vermehrte Nutzung von Videokonferenzen empfindet er als hilfreich, die unterschiedlichen Standards dazu bei den am Bau Beteiligten seien aber eine Herausforderung.

Inwieweit sind aktuelle Baustellen von Ihnen betroffen und wie managen Sie den Kontakt zu Bauherrschaft und Bauausführung?
Die ersten Probleme (noch sind es Problemchen) ploppen in den letzten Tagen auf mehreren Baustellen auf. Noch ist alles lösbar, aber die Probleme werden sich vergrößern und manche Projekttermine werden dadurch nicht zu halten sein. Das bedeutet nicht nur, dass unsere Mitarbeiter länger an die Projekte gebunden sind. Wir rechnen mit steigendem Mehraufwand bei der Koordination und dem Management der Baustellen.
Den Kontakt mit Bauherren und Bauleitung halten wir unter Einsatz von Telefon, Handy, iPad, Facetime, Skype, TeamViewer, MS Teams, GoToMeeting und Zoom – leider hat jeder Bauherr und jede Firma eigene Standards, sodass wir gerade zu Allrounder-Spezialisten für Meeting-Apps mutieren.

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat die aktuelle Situation auf Ihre Arbeit und wie gehen Sie damit um?
Langsamere Leistungserbringung und Mehraufwand werden den jährlichen Honorarumsatz senken, und das bei gleicher Belegschaft. Wie wir damit umgehen, wissen wir noch nicht, wir sind sozusagen noch in der Findungsphase. Es wird schwierig sein bei unseren Auftraggebern Corona-Zusatzhonorare zu vereinbaren.

Wird die Krise dauerhafte Auswirkungen auf die interne Struktur Ihres Büros haben?
Nein, vermutlich nicht. Homeoffice funktioniert ganz gut. Der Kontakt zu den Baustellen auch. VPN ist ganz wichtig. Aber: Das haben wir auch schon vor Corona alles gemacht – wenn auch wenig. Es kann sein, dass sich das in Zukunft etwas stärker etablieren wird. Für die Qualität unserer Arbeit ist das eher abträglich.

Wird Ihrer Meinung nach das aktuell gelebte social distancing zukünftige Konzepte für architektonische oder städtebauliche Vorhaben verändern? 
Wir merken, dass wir bei aktuellen (neuen) Entwurfsaufgaben tatsächlich darüber nachdenken. Zum Beispiel beim Schulbau: Der Trend zu den All-In-Ones mit einer zentralen Halle und allen Verkehrswegen, die sich im „Herz“ des Gebäudes kreuzen – ist das mit Blick auf Infektionswege und auf zukünftige Pandemien richtig? Die Pavillon-Schulen aus den 1960ern hätten im Vergleich dazu Vorteile.

Wie, denken Sie, wird die Krise zukünftig Arbeitsprozesse beeinflussen?
Gut wäre ja, wenn sich Videokonferenzen etablieren würden. Was könnten wir an Zeit und Ressourcen sparen! Keine Reisezeiten von mehreren Stunden für eine 45-minütige Besprechung. Aber: Wir arbeiten sehr viel in Süddeutschland – und hier schätzt man noch den persönlichen Kontakt. Ich befürchte, dass wir nach dem Ende der Pandemie wieder in die alten Muster zurückfallen werden.

Basierend auf Ihren Erfahrungen aus den letzten Wochen: Haben Sie Tipps für andere Büros, ob hier oder weltweit?
Nicht jammern. Einfach weitermachen. Das Beste aus der Situation machen. Die „sicheren“ Projekte und die „guten“ Bauherren noch besser als bisher „bedienen“. Alles, was läuft, am Laufen halten – es gibt auch eine Zeit nach Corona!

Marc Oei ist seit 1992 Partner und seit 2012 Geschäftsführender Gesellschafter der LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei GmbH & Co.KG in Stuttgart. Das von Arno Lederer bereits 1979 gegründete Büro zählt heute rund 50 Mitarbeiter.

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