Impulsgeber für das neue Kunstquartier Göttingen

Lichtblick in der Düsteren Straße

Ulf Meyer
12. Mai 2021
© Simone Bossi, Mailand

Die kleinteilige Göttinger Altstadt wird durch das neue Kunsthaus, entworfen von Atelier ST aus Leipzig, behutsam vervollständigt. Als „Speicherhaus mit Charakter“ und „unaufgeregten Stadtbaustein an der Düsteren Straße“ lobte die Jury den Entwurf schon im Wettbewerb. Das Versprechen wurde eingelöst. Das städtische Kunsthaus wird im Mai eingeweiht.

Das „KuQua“ genannte  Kunstquartier rings um den Neubau bietet bereits ein Atelier, eine Werkstatt für Bilderrahmen, zwei Buchbindereien, eine Bildergalerie, einen Buchladen, das Literarische Zentrum, das Büro des Göttinger Literaturherbstes, ein Verlag für Literatur und Fotografie und eine Werkstatt für Drucke und das Günter-Grass-Archiv. Das Spitzdach-Haus orientiert sich an den benachbarten Fachwerkhäusern – nach oben erweitert sich die Grundfläche. Das Kunsthaus ist ein Ausstellungshaus für Arbeiten auf Papier (Zeichnungen, Druckgrafik, Buch- und Plakatkunst), Fotografie und neue Medien. Pro Jahr sind bis zu vier Ausstellungen geplant.  Die Stadt hat 4,5 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ erhalten. Auch der Unternehmer Hans Georg Näder unterstützt den Bau finanziell.

Die stützenfreie Stahlbetonstruktur erlaubt trotz des beengten Grundstücks große Ausstellungsflächen und Flexibilität über alle Geschosse. Durch die Auskragung der Geschosse haben Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut die Ausstellungsfläche maximiert und eine Verknüpfung zu den umgebenden Fachwerkhäusern geschaffen. Mit nur wenigen, metallisch-schimmernden Öffnungen markiert das Kunsthaus einen zeitgenössischen Ort der Kunst.
Die lineare Struktur des Modellierputzes an den Fassaden erinnert an gestapelte Papiere. Für die Fassade wurde eine historische Handwerkstechnik gewählt – gekämmter Modellierputz. Mit einer eigens angefertigten Schablone mit unregelmäßigen Vertiefungsrillen wurde der Mineralputz je Geschoss gekämmt. Es ist ein Verweis auf Oberflächen der Umgebungsbauten.
Schon vom Foyer fällt der Blick zum begrünten Innenhof, den der Berliner Landschaftsarchitekt Stefan Bernard gestaltet hat. Das Kunsthaus teilt sich den Hof einen Kinderspielplatz und einen Pavillon mit einer Installation des amerikanischen Künstlers Jim Dine mit dem benachbarten Buchladen und dem Büro des Literaturherbstes.

Das Foyer als Bindeglied zwischen Straßenraum, Kunsthaus und Innenhof (Foto: © Simone Bossi, Mailand)
Die Straßenfassade hat horizontal gekämmte Putzoberflächen (Foto: © Simone Bossi, Mailand)
Im Dach befinden sich die Räume der Kunstvermittlung (Foto: © Simone Bossi, Mailand)

Der fünfgeschossige Bau mit ausgebautem Dach bietet Raum für Wechselausstellungen auf drei Ausstellungsebenen. Die Schwerpunkte liegen auf Fotografie, neuen Medien und Arbeiten auf Papier. Die Ausstellungsräume haben nur Kunstlicht. Die wenigen Fenster bieten Ausblicke, sie können mit einer Schiebewand aber bei Bedarf auch verschlossen werden, um lichtempfindliche Papierarbeiten zu schützen und Videoinstallationen oder Projektionen zu ermöglichen. Im Dachgeschoss befindet sich der Raum für Kunstvermittlung. In einem weiteren Raum können Seminare, Präsentationen und Eröffnungen stattfinden. 
Strom, Wärme und Kälte liefert ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk, dessen Abwärme mit einer Absorptionskältemaschine für die Klimatisierung genutzt wird. Durch ein adiabates Rückkühlsystem kann die natürliche Verdunstungskälte für die Kälteerzeugung genutzt werden. Alle Ausstellungsräume werden über ein Zentrales Lüftungsgerät belüftet, das bis zu 90% der Wärme zurückgewinnen kann. In den Galerien gibt es ein Stromschienensystem mit Strahlern und Leuchten mit digitaler Lichtsteuerung (DALI). Die massive und hoch wärmegedämmte Gebäudehülle trägt zur Energieeffizienz bei.

Lageplan: atelier ST
Grundriss EG: atelier ST
Grundriss OG1: atelier ST
Grundriss OG3: atelier ST
Schnitt A–A: atelier ST

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