Lernen von Otto Haesler in Celle

Manuel Pestalozzi
31. Mai 2022
Der „otto-haesler-Rundweg“ führt auch zum „Lungenflügel“ der Siedlung Blumläger Feld. (Foto: © Celle Tourismus)

Seit Jahren vermarket sich die niedersächsische Stadt Celle mit dem Erbe des Architekten Otto Haesler (1880–1962) als Tourismusdestination. Aktuell wird der Beitrag dieses Meisters der neuen Sachlichkeit an den „Tiny House“-Trend hervorgehoben. Ein Begleitthema ist jenes der Vergänglichkeit.

Otto Haesler wirkte ab 1906 in Celle. In den 1920er-Jahren wandte er sich der Moderne zu. Bis zu seinem Wegzug im Jahr 1934 schuf er verschiedene Werke, welche die Stadt bis heute prägen. Besonders bekannt sind die späteren Wohnsiedlungen, die kostengünstig und rationell erstellt wurden. Dieses Erbe der neuen Sachlichkeit wird von Celle Tourismus aktiv genutzt, um interessiertes Publikum in die Stadt zu locken. So gibt es auf der Website der Organisation einen eigenen Link „Bauhaus in Celle“. Er befasst sich ausschließlich mit dem der Moderne verpflichteten Werk Haeslers, der zwar nie am Bauhaus war, sich aber sicher von der Architektur des Campus in Dessau beeinflussen ließ. Er weist auf den „otto-haesler-Rundweg“ hin, der auch zum Otto-Haesler-Museum führt. Im Bauhaus-Jahr 2019 ließ Celle Tourismus 0-Euro-Souvenir-Scheine mit Haeslers „Glasschule“ drucken.

Auch in diesem Jahr soll architekturinteressiertes Publikum nach Celle reisen. Als Lockvogel dient der Trend Tiny Living, also das Ziel, auf wenig Raum komfortabel zu wohnen. Otto Haesler wird als Experte präsentiert; er entwickelte für seine Siedlungen Kleinstwohnungen für den sozialen Wohnungsbau. Die effiziente Bauweise aus Stahl und Zement machte schnelles und vergleichsweise günstiges Bauen möglich, die praktische Aufteilung der etwa 50 Quadratmeter großen Wohnungen mit „pfiffigen Ausstattungsfeatures“ wie Einbauschränken, Doppelstockbetten oder versenkbaren Bügelbrettern, bot für damalige Verhältnisse ungeahnten Komfort. Im Otto-Haesler-Museum in der Siedlung Blumläger Feld sind Musterwohnungen aus dieser Zeit zu besichtigen.

Ein Kennzeichen der Siedlung Blumläger Feld sind die Rohre der Fernwärmeversorgung. (Foto: © Celle Tourismus)
Der Zahn der Zeit

Die Siedlung Blumläger Feld hat allerdings eine unklare Zukunft vor sich. Sie wurde 1931 fertiggestellt und besteht aus zweigeschossigen Zeilenbauten in Stahlskelettbauweise mit ursprünglich 147 kostengünstig hergestellten Kleinstwohnungen. Wahrzeichen sind die frei auf der Höhe der Obergeschosse geführten Rohre der Fernwärmeanlage. Neben Etagenwohnungen bietet die Siedlung auch Einfamilien-Reihenhäuser, die über eine Liegeterrasse im Erdgeschoss und einen Balkon im Obergeschoss verfügen. Sie wurden früher vom Gesundheitsamt mit Familien belegt, in denen es Tuberkulose-Erkrankungsfälle gab. Die Zeile wird deshalb Lungenblock oder Lungenflügel genannt. Eine Foto des Lungenflügels begleitete den Presseversand von Celle Tourismus. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass die Häuser mit neuen Fenstern, einer Außendämmung und Vordächern über den Eingängen versehen wurden – Maßnahmen, die zwar sinnvoll sind, aber die Architektur empfindlich stören. Sie zeugen von der Schwierigkeit, kostengünstig errichtete Bauten der neuen Sachlichkeit ästhetisch befriedigend zukunftstauglich zu machen.

Das Überleben der Siedlung ist bereits ein längerer Kampf: 1998 war die Rede von der „wirtschaftlichen Unzumutbarkeit einer Sanierung“ von Blumlänger Feld, was zu einem großen Denkmalpflegestreit in Niedersachsen führte. Ab 2000 wurde eine Zeile ausgekernt und aufgestockt, eine andere ganz abgerissen. 2017 ergaben Untersuchungen, dass die Stahlskelette mehrerer Gebäude erhebliche Korrosionsschäden aufweisen. Die betreffenden Häuser wurden geräumt. Es folgten Debatten über die hohen Mittel, welche eine Instandsetzung kosten würde. Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass die Celler Politik wegen der hohen Sanierungskosten zum Abriss tendiert. Am 10. Mai dieses Jahres gab es zu dieser schwierigen Situation die letzten Nachrichten. Der Vorstand der „otto haesler initiative“ rapportierte gegenüber celleheute.de „keinen neuen Sachstand“ hinsichtlich der Zukunft der Siedlung. Ziel könne nur sein, dass so rasch wie möglich alle notwendigen Maßnahmen der Instandhaltung und Instandsetzung realisiert werden, und zwar hinsichtlich der gesamten Siedlung, meint der Vorstand. Bebildert ist dieser Bericht ebenfalls mit einem Foto des „Lungenflügels“. Dieser wird als „Beispiel für eine musterhafte Sanierung“ bezeichnet. Der Eingriff erfolgte 2005/2006. Ein Foto aus dem Jahr 2015 deutet an, dass die Zeile von Algen befallen wurde – in der Regel kein Bauschaden, sondern das Zeichen einer wirkungsvollen Dämmung. Falls diese ein erhaltenswertes, historisches Interieur wirksam schützt, sollte man die Eingriffe trotz der geäußerten Kritik begrüßen und sie als besuchenswerte Fallstudie wertschätzen, welche die Schwierigkeiten im Umgang mit historischen Bauwerken der neuen Sachlichkeit dokumentiert.

Ein Foto des „Lungenflügels“ aus dem Jahr 2015 deutet auf einen Algenbefall der Fassade hin. (Foto: Charles01/Wikimedia Commons)

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