Learning from Jettingen

Ulf Meyer
27. April 2021
Der Robatherm-Neubau an der A8 zwischen Ulm und Augsburg bietet 200 Arbeitsplätze. (Foto: HG Esch)

Die Robatherm-Hauptverwaltung von Henn Architekten im bayerischen Jettingen-Scheppach an der Autobahn ist von weither sichtbar. Es hat nur eine Sekunde Zeit zu gefallen, denn es ist ganz und gar ein Kunstwerk der Kinästhese.

Als Robert Venturi mit seinen Studenten aus Yale erstmals in Las Vegas die Architekturwahrnehmung aus dem fahrenden Fahrzeug bei verschiedenen Geschwindigkeiten studierte, wurde seine Analyse „Learning from Las Vegas“ bald nach 1968 zu einem der intellektuellen Grabsteine der Moderne und Bibel der Postmoderne. Das der Postmoderne sonst unverdächtige Büro Henn aus München und Berlin hat für die Firma Robatherm, ein Hersteller von Raumlufttechnik, einen neuen Hauptsitz auf halber Strecke zwischen Ulm und Augsburg entworfen, der die Eleganz eines modernen Solitärs mit den Kniffen der postmodernen Architekturwahrnehmung verbindet.

Sichtbeton und Stahlbänder mit Schattenfugen umlaufen die Geschossebenen und Glas-Fassaden. (Foto: HG Esch)
Der Zugang erfolgt über Einschnitte im Gelände-Sockel. (Foto: HG Esch)
Die Landart-artige Böschung schafft einen schönen Kontrast zur Präzision der Fassade. (Foto: HG Esch)

Die Lage an der A8 München-Stuttgart und die Wahrnehmung des Gebäudes vom schnell vorbeifahrenden Auto aus waren ausschlaggebend für den Entwurf. Der Neubau ist eine Erweiterung des bestehenden Produktionsgelände, aber wegen seiner erhöhten Lage das einzige weithin sichtbare Element.  Das Erdgeschoss ist in eine begrünte Schallschutz-Böschung eingelassen, die das Firmengelände zur lauten Schnellstraße hin begrenzt.
Ein tiefer Geländeeinschnitt führt zum Empfang, von dort erreichen Besucher*innen eine Ausstellungsfläche sowie Showrooms, Technikräume oder das Mitarbeiterrestaurant. Geneigte Wände und gefaltete Stahldecken prägen das Erscheinungsbild im Sockel. Die Konferenzebene darüber ist zurückgesetzt, der hundert Meter lange, dreigeschossige Büroriegel kragt auf beiden Seiten weit aus wie ein „T“. Diagonale, geschossübergreifende Druckstäbe an beiden Kernen nehmen die Lasten der Auskragungen auf.
Die stützenfreien Büroetagen erhalten Tageslicht von allen Seiten. Durch die Doppelfassaden geht der Blick an klaren Tagen bis auf die Schwäbische Alb. Der Bau soll Vorbeifahrenden „die Engineering-Kompetenz“ des Unternehmens vermitteln – ganz en passant und zehntausendfach pro Tag. Venturi hätte seine Freude daran. 

Lageplan: HENN
Grundriss Standardgeschoss: HENN
Im Schnitt zeigt sich die Fuge zwischen Sockel und Barren (Plan: HENN)

Andere Artikel in dieser Kategorie