Kein Restlicht

Ulf Meyer
28. April 2021
Foto: HG Esch

Walter Henns Opus Magnus ist unwiederbringlich und ohne Not zerstört worden. Obwohl der Stahlskelettbau des Leuchtmittelherstellers OSRAM seine Anpassungsfähigkeit jüngst bewiesen hatte.

Der Abriss der ehemaligen Hauptverwaltung der OSRAM AG in München ist ein Skandal. Mit dem Rückbau des Baudenkmals verliert Deutschland einen wichtigen Zeugen der Nachkriegs-Moderne: Walter Henn hatte 1965 (mit dem OSRAM-Hausarchitekten Dieter Ströbel zusammen) Europas erstes Großraum-Bürohaus im Geiste von Mies van der Rohe entworfen. Mit moderner curtain wall aus Leichtmetall, Bandfenstern und weißen Lamellen-Jalousien erstrahlte der silbrig glänzende Kubus in den Abendstunden von innen heraus wie seine Vorbilder in Nordamerika. Im Jahr 2012 hat das Unternehmen seinen Sitz in die Parkstadt Schwabing verlegt in ein Hochhaus von Helmut Jahn. Osrams Geschäft mit Leuchtmitteln wurde 2016 an ein chinesisches Konsortium verkauft, vier Jahre später die OSRAM von einer Firma aus Österreich übernommen.

Die Hauptverwaltung von OSRAM in München – Deutschlands erstes Großraumbüro (Foto: Heinrich Heidersberger)
 Foto: Heinrich Heidersberger

Ein kleiner Trost ist es, dass das bahnbrechende Verwaltungsgebäude nicht nur zur Bauzeit 1965, sondern auch kurz vor Abriss von einem hochrangigen Architekturfotografen dokumentiert wurde: in den 1960er-Jahren war es der Wolfsburger Architekturfotograf Heinrich Heidersberger (beauftragt von Walter Henn), 2010–2015 kam HG Esch zum Zug (beauftragt von Walter Henns Sohn Gunter). Die hochwertigen Schwarzweiß-Fotos Heidersbergers hielten die Eleganz der „Braunschweiger Schule“ fest. HG Esch dokumentierte das Gebäude zu einer Zeit, in der Flüchtlinge aus aller Welt in unwürdigen Wohn-Boxen in den ehemaligen Großraumbüros untergebracht waren. Auch die Zerstörung des Baus 2018 hat Esch fotografiert. Das Gebäude wird derzeit durch ein Wohnviertel von Ortner & Ortner aus Berlin ersetzt. Dem Sohn des Erbauers, dem Architekten Gunter Henn, war es nicht gelungen, den Bau zu erwerben und zu restaurieren.

In seinem zweiten Leben diente der OSRAM-Bau als Flüchtlingsheim (Foto: HG Esch)
Foto: HG Esch

Ein Buch im Wasmuth & Zohlen-Verlag und eine Ausstellung bei Aedes in Berlin setzen dem Osram-Bau nun ein Denkmal. Der nach einem Essay von Rolf Sachsse „Restlicht“ genannte Band zeichnet die Transformationen des Bürogebäudes nach. Das Buch erscheint anlässlich der Ausstellung „Haus und Horizont – Transformationen“ (bis 23. Mai 2021). 

Restlicht. Osram München

Restlicht. Osram München
HG Esch
deutsch, englisch

21 x 26 cm
168 Seiten
109 Illustrationen
Hardcover
ISBN 9783803022172
Wasmuth & Zohlen-Verlag
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