Jung, aber gebaut?

Ulf Meyer
20. April 2021
Benjamin Eder: „Umbau eines Bergbauernhofes“ (Foto: Sebastian Schels)

Ein Gebäude zu entwerfen und den Entwurf umzusetzen ist in einem hochgradig regulierten Land wie Deutschland eine komplexe Aufgabe. Kaum hat man genug Erfahrung, ist man schon ein alter Knochen, der Gefahr läuft, Anschluss an die junge Szene zu verlieren. In München stellen ein Streitgespräch und eine Ausstellung die Hürden für Berufsanfänger zur Diskussion.

Jüngere Architekten tun sich schwer, an interessante Aufträge zu kommen, weil die Zugangshürden zu vielen Wettbewerben hoch sind. Welche Potenziale dadurch ungenutzt bleiben, will die Ausstellung „max40 – Junge Architektinnen und Architekten 2021“ zeigen, die der BDA Bayern derzeit in der Architekturgalerie München präsentiert. Anlässlich der Vernissage stellten zwei der Preisträger der älteren Generation von Bauherren, Berufs- und Baupolitiker unbequeme Fragen.

Die beiden Münchner Architekten Benjamin Eder und Fabian Wagner, beide „max40 Preisträger“, diskutierten „Wege, wie die nächste Architektengeneration Zugang zu interessanten Bauaufgaben bekommen kann, die den Weg in die Selbstständigkeit ermöglichen“, so der BDA in seiner Einladung. Eder und Wagner sind allerdings bereits selbständige Architekten und haben mit der Sanierung eines Bergbauernhofes (Eder) und  dem „Schwarzen Haus“ (Wagner) bereits Wohnhäuser (um-)gestaltet, die der Preis-Jury eine Auszeichnung wert waren.  
Beim einsamen Bergbauernhof auf 1'100 m Höhe am Juffinger Jöchl mit Aussicht auf das Brixental war es Anspruch des Entwerfers „das Alte zu bewahren und wo nötig, mit Neuem zu stärken“. Stahl hat Eder kontrastierend zum Bestand eingesetzt: Wände und Boden wurden wo nötig „ohne Scham vor Flickwerk“ ergänzt. Eders minimalinvasiver Umgang stellt den traditionellen Kastenfenstern des Hauses zeitgenössische gegenüber und bereichert so das Haus um eine Zutat.
Wagners  „Schwarzes Haus“ am Ammersee hat hingegen eine verkohlte Holzfassade und „fügt seiner heterogenen Nachbarschaft ein weiteres Element hinzu“. Unterschiedlich hoher Räume wurden ineinandergesteckt.  Mit zwei Pivot-Fenstern lassen sich die Räume vollständig öffnen. Küche, Schränke, Türen und Fenster sind aus geölter Eiche, Wände und Decken aus Sichtbeton wurden sandgestrahlt.

Fabian A. Wagner: „Das schwarze Haus“ (Foto: Florian Holzherr)

Aber nicht jeder junge Architekt und jede junge Architektin hat reiche Verwandte, die ein Erstlingswerk beauftragen. Deswegen ist der Zugang zu Wettbewerben für den Nachwuchs essentiell. Eder und Wagner forderten deshalb, dass „junge Architekten in Preisgerichten“ besser repräsentiert werden. Allzu oft „behindert Sicherheitsdenken die Innovation“.  Das konnte Michael Hardi, Leiter der Stadtplanung in München so nicht stehenlassen. Sein Rat an die neue Generation lautete vielmehr „schon während des Studiums ein Netzwerk aufzubauen“ und „Guerilla-Planning“ zu betreiben, also ohne Bauherren zu entwerfen, um so einen Auftrag zu ergattern. Das setzt allerdings Kapital voraus.  
Einen ganz anderen – aber ebenfalls nicht jedermann offen stehenden Weg – schlug Max von Bredow von der Quest AG vor. Für ihn sind regionale Herkunft und Orts-Verbundenheit entscheidende Qualitäten für Berufsanfänger. „Junge Architekten in oder aus Oberbayern, die ein Grundstück haben“, sollen sich bei ihm melden. Für von Bredow sind auf dem Land „Großbüros eher schädlich“. Ein namhaftes Büro, „das schon fünf Glaspaläste in Berlin gebaut hat“, überfordert die Gemeinden der Provinz seiner Meinung nach. „Auf dem Land gibt es dadurch zwar weniger progressive Ästhetik, aber auch weniger Klagefreudigkeit“, so sein Fazit. Verzagtheit nützt jedenfalls nicht: Hardi verglich Architekten mit Juristen, die von sich behaupten „alles zu können“. Architekten müssen darauf achten, fachlich die „Fäden zusammenzuhalten“, so Hardi. Man muss die „Fachthemen im Blick haben, aber nicht alles lösen können“ – so formulierte es von Bredow.

Wenn die Vergabe-Kriterien weitgehend auf Referenzen beruhen, haben es Neueinsteiger schwer. Auf „Belgien und die Niederlande werfen wir neidische Blicke“, so Edner, weil dort Wettbewerbsteilnahmen bezahlt werden und „mehr Experimentierfreude und Vertrauen“ herrschen. Die junge Generation sollte neue Themen besetzen: Nachhaltigkeit natürlich, aber auch die „Untrennbarkeit von Freiraum und Hochbau“, die dabei helfen kann, in der Post-Corona-Zeit in den „leeren Innenstädten Bauqualität zu erhalten“, so Hardi. Denn: „Die nächste Pandemie kommt bestimmt!“

Ausstellung

Architekturgalerie München, Türkenstraße 30, 80333 München
bis 15. Mai 2021

gezeigt werden die 22 ausgezeichneten Arbeiten, begleitet von Präsentationen der Preisträger
www.bda-max40.de

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