Jetzt ohne Pound

Manuel Pestalozzi
30. Januar 2020
Nach dem Wort „Usura“ sucht man hier jetzt vergebens. Der Walter Benjamin Platz in Berlin-Charlottenburg wurde im Jahr 2000 fertiggestellt. (Foto: Emmeff/Wikimedia Commons)

Sie sorgte während Jahren für Unmut. Die Bodenplatte mit einem eingemeisselten Zitat des amerikanischen Dichters Ezra Pound vermittelte auf dem Walter Benjamin Platz in Berlin eine antisemitische Botschaft. Jetzt wurde sie entfernt.

Das Pound-Zitat ist weg. Die „Welt“ spricht von einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Die Granit-Bodenplatte mit der Inschrift „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein. Die Quadern wohlbehauen fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert“ wurde diskret durch ein blankes Exemplar ersetzt. Was bleibt ist die Architektur, welcher die Inschrift als „Kunst am Bau“ huldigte. Kritische Stimmen verglichen sie mit jener aus der Zeit des Nationalsozialismus. Der abschätzige Begriff „Usura“ in der Inschrift hat eine antikapitalistische und antisemitische Bedeutung, weist sie doch auf Wuchergeschäfte hin, welche im antisemitischen Diskurs Juden ganz allgemein vorgeworfen werden.

Veranlasst hatte die Installation der Platte Architekt Hans Kollhoff, der die Bauten an den Platzrändern, die Leibniz-Kolonnaden, gemeinsam mit Helga Timmermann verantwortet. Das Zitat aus den „Cantos“ von Ezra Pound (1885-1972), ein notorischer Antisemit und Antikapitalist, sollte wohl Kollhoffs architektonisches Credo in Worte fassen und auch irgendwie kulturell verankern. Heute kann man sagen: Das ist schiefgegangen. Der Anspruch an architektonische Qualität mit Zeugen aus Literatur und Lyrik quasi zu veredeln, ist ein heikles Unternehmen mit vielen Fussangeln. Dies mag die Lehre sein, die Unbefangene aus dieser Geschichte ziehen können.

Der Auswechslung der Platte vorausgegangen war gemäß „Welt“ ein Beschluss der Berliner Bezirksverordnetenversammlung, den Bezirk zu beauftragen, „sich dafür einzusetzen, dass die antisemitisch konnotierte Bodenplatte auf dem Walter-Benjamin-Platz entfernt wird“. Doch der Eigentümer des Platzes sei der Entscheidung des Bezirks zuvorgekommen. Dieser ist nämlich nicht im städtischen Besitz, sondern gehört seit dem Jahr 2018 der international agierenden Investmentgesellschaft Blackstone. Die Realität liefert immer die besten Pointen. Gespannt darf man warten, ob es noch ein Urheberschutz-Nachspiel absetzt.

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