IBA27: Entwurf soll Wunden der Industrialisierung heilen

Leonhard Fromm
8. Dezember 2021
Grafik: JOTT architecture & urbanism GbR

Graue Gewerbegebiete säumen etliche historische Stadtkerne in ganz Deutschland. Auch in Baden-Württemberg gibt es kaum eine Kommune, die infolge von Industrialisierung sowie späterer (Zer-)Siedlungspolitik stolz auf ihren städtebaulichen Wandel in den Randgebieten ist. Geht es nach dem Willen der IBA-Macher der Region Stuttgart, soll sich das ändern.

Die Fünf-Minuten-Stadt ist die Vorgabe, in der Arbeiten und Wohnen nebeneinander möglich sind. „Eine Stadt, die gleichermaßen der Flächenknappheit für Industrie und dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen begegnet“, heißt es in der Ausschreibung für das Stadtquartier Winnenden. Produktive Stadtquartiere gelten in der Fachwelt als Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel. 

Diesem Bild nahe kommt die Sieger-Präsentation des Städtebau-Wettbewerbs, den die Stadt Winnenden mit der IBA´27 ausgerufen hat. Nordöstlich von Stuttgart gilt es, ein 5,5 Hektar großes, bisher landwirtschaftlich genutztes Areal, zu bespielen. Im Gewinnerentwurf des Frankfurter Architekturbüros Jott stehen Gewerbeflächen neben Wohnräumen, auch für sozial Schwächere. Eine Kita, ein Mobilitätszentrum, ein Hofladen, ein Café und eine Besenwirtschaft runden das verkehrsarme Stadtviertel zwischen Bahnhof und vierspuriger B14 ab. Inmitten der sieben gemischten und dicht gebauten Häuserblöcke, die hier Cluster heißen, gibt es viel Grün. Streuobstwiesen und Bolzplätze sollen genauso zu finden sein wie Dachgärten und großflächige Gemüsebeete. In den innenliegenden Höfen der Blocks hingegen herrscht städtischer Betrieb.

Plan: JOTT architecture & urbanism GbR
Visualisierung: JOTT architecture & urbanism GbR

Einer der Schlüssel des Konzepts sind diese „umgekehrten Blockstrukturen“, wie Jott-Architekt Josh Yates verdeutlicht. Statt innenliegende Höfe als Ruhepol zu nutzen, wie im Wohnbau üblich, sollen die Flächen in den Clustern von Betrieben und Dienstleistern genutzt werden. Sie erinnern damit an Stadtviertel, die im 19. Jahrhundert entstanden sind, als Arbeit und Wohnen noch nicht von der Industrialisierung räumlich getrennt waren. Die Werkshöfe des Quartiers dienen vor allem dem Lieferverkehr. Denn der ist es, der laut Studien Lärm verursacht und Anwohner stört. Konsequent sind deshalb im Entwurf die Wohnungen nach außen gerichtet, weg von den Innenhöfen, dafür mit Blick ins Grüne. Alle sieben Cluster sind über großzügige Freiräume verbunden. Diese Allmende sollen von den Bürgern genutzt werden, sie dienen der Erholung und dem landwirtschaftlichen Anbau. 

Die Architektur der Gebäude entspringt einem Baukasten: Sechs hybride und flexible Bauformen kombinieren Gewerbe mit Wohnraum, Industrie mit Handwerk, Ateliers mit Büros. Siebter Baustein ist ein Initialmodul, das als Bürgerhaus, Start-up-Zentrum oder FabLab nutzbar ist und entlang der Quartiersroute „als Katalysator der Gemeinschaft dient“, wie Jott erklärt. Je nach Bedarf und Experimentierfreude lassen sich die Haustypen mischen. Und die Dächer begrünen, teils sogar mit Gewächshäusern. Der Entwurf folgt dem Urban Gardening-Trend und nimmt zugleich das Umfeld auf. Das Areal grenzt im Osten an die Kernstadt, westlich formen Äcker und Felder das Landschaftsbild. Auch eine Gärtnerei ist heute schon angedockt. Diese Gegensätze fließen im Städtebauplan ineinander und bilden damit eine Alternative zu Stadträndern, die mit sterilen Gewerbeflächen und reinen Wohnsiedlungen gesäumt sind.

Foto: Stadt Winnenden / Benjamin Beytekin
Die Internationale Bauausstellung der Region Stuttgart startet 2027. Seit Sommer 2020 stehen 14 ausgesuchte IBA-Projekte in den Startlöchern. Das „Produktive Quartier Winnenden“, wie der prämierte Entwurf heißt, ist eines der größten. 34 Büros hatten Entwürfe eingereicht. Juryvorsitzender Prof. Tim Rieniets lobt den Jott-Entwurf als „echtes Pionierprojekt“. IBA-Intendant Andreas Hofer meint, es sei ein „Meilenstein für die IBA“. Es versöhne Wohnen mit Produktion und Landschaft in einem urbanen Raum. Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth spricht gar von einem „Glücksfall für Winnenden“, der ein „echtes Vorbild für andere produktive Stadtquartiere in nah und fern“ werden könne.

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