Garnisonkirchenturm und „Haus der Demokratie“

Manuel Pestalozzi
13. Dezember 2021
Das Original war einst ein wichtiger Zeuge des norddeutschen Barocks. Alexander Gläßer hat diese Abbildung der Garnisonkirche 1730 als Kupferstich für den Baumeister Philipp Gerlach ausgeführt. (Bild: Wikimedia Commons)

In die Geschichte der Rekonstruktion der Garnisonkirche von Potsdam kommt Bewegung. Nach der Wiederrichtung des knapp 90 Meter hohen Kirchturms soll auf dem Platz des früheren Kirchenschiffs ein „Haus der Demokratie“ entstehen.

Die Barockkirche wurde nach Plänen des Architekten Philipp Gerlach in den Jahren 1730–1735 an der Breiten Strasse errichtet, wobei ihr Turm in diese hineinragte. Nach dem Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, beherbergte sie nach Instandsetzungen bis in die 1960er-Jahre als Heilig-Kreuz-Kirche Gottesdienste. 1968 wurde das Bauwerk samt Turm auf eine Verfügung der Bezirksparteileitung Potsdam der SED hin gesprengt.

Die Idee für den Wiederaufbau der Garnisonkirche keimte in der BRD in den 1980er-Jahren. Schon vor der Wende begann eine „Traditionsgemeinschaft“ das Geläut des Glockenspiels wiederherstellen. 2004 entstand die Initiative zur Rekonstruktion der Kirche, aus der dann die Stiftung Garnisonkirche Potsdam (SGP) hervorging. Die Pläne stießen auf Widerstand. Manche sahen in ihnen eine Würdigung des preußischen Militarismus. German Architects berichtete 2014 darüber

Seit 2017 ist die Rekonstruktion des Turms im Gange. Die Arbeiten sind etwas in Verzug – und auch sie sind auf Widerstand gestoßen: Im März dieses Jahres sprachen sich knapp hundert „internationale Wissenschaftler, Architekten, Künstler, Kirchenvertreter, Kulturschaffende und zivilgesellschaftlich Engagierte“ in einem offenen Brief (und auf einer eigenen Website) dafür aus, bei dem Wiederaufbau des Kirchturms auf den Nachbau der Turmhaube zu verzichten. Auch diese stehe für einen problematischen Nationalprotestantismus. Offenbar besteht aber keine Bereitschaft, auf die Haube zu verzichten. Der Rohbau des Turms sei fast fertig, geplant sei danach eine Ausschreibung für die Turmhaube, die dann neben der Baustelle errichtet und in einem Stück auf die Spitze gehoben werde, sagte Peter Leinemann, der Verwaltungsvorstand der Stiftung Garnisonkirche, am 8. Dezember 2021 den Potsdamer Neuesten Nachrichten

Nachgiebiger zeigt sich die Stiftung beim Kirchenschiff: Auf seinem Platz soll nach der Wiedererrichtung des Kirchturms ein „Haus der Demokratie“ mit einem Plenarsaal für die Stadtverordnetenversammlung und Räumen für das Potsdam Museum entstehen. Dann könnte, so gehen die Überlegungen, auch das in DDR-Zeiten gebaute und jetzt als Kreativhaus genutzte ehemalige Rechenzentrum unmittelbar am Turm weitgehend erhalten bleiben. Diesen Kompromiss stellten die Stiftung Garnisonkirche, Vertreter des Rechenzentrums und der Verhandlungsführer, Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD), am Mittwoch bei einer gemeinsamen Pressekonferenz vor. Im Januar soll die Vorlage für den Grundsatzbeschluss in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht werden. „Wenn die Stadtverordneten den Vorschlag zu Beginn des Jahres annehmen würden, können wir in das Raum- und Funktionsprogramm einsteigen“, sagte Schubert gemäß PNN. 

Das geplante „Haus der Demokratie“ soll keine Rekonstruktion des Kirchenschiffs sein, sondern ein neuer Entwurf. Die Rede ist von „einer Machbarkeitsstudie in Form eines Architekturwettbewerbs“. Der Oberbürgermeister hatte allerdings bereits den Stararchitekten Daniel Libeskind „als Möglichkeit“ ins Spiel gebracht. Wie auch immer, diese Geschichte bleibt spannend. 

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