Einsichten

Susanna Koeberle
19. Juni 2020
„en passant #1“ : Klodin Erb, „Remember your dreams“ , jevouspropose, Zürich, 2020 (Foto: jevouspropose)

Der Lockdown ist zwar vorbei und die Galerien sind wieder offen. Doch diese außergewöhnliche Zeit hat in den Konzepten vieler Kunsträume ihre Spuren hinterlassen. Mehrere Zürcher Galerien reagieren auf diese Situation.

In dieser Woche hätte ursprünglich die Art Basel stattfinden sollen. Später wurde sie auf September verlegt, seit Anfang Juni steht fest: Die Kunstmesse findet dieses Jahr aufgrund der Corona-Krise und den damit verbundenen Reisebeschränkungen nicht statt. Stillstand und Kunst passen allerdings nicht zusammen. Viele Kunstschaffende nutzten den Lockdown für konzentriertes Arbeiten, und einige Galerien erfanden neue Formen, ihre Schützlinge zu unterstützen. Auch das Zurich Art Weekend, das traditionell vor der Art Basel stattfindet, reagiert mit seinem Format „Opening Up“  spontan auf die Umstände: Es gab einige on-site-Anlässe, andere Events fanden online statt. Letztere haben so ihre Tücken, die Macher*innen müssen mit schlechten Netzverbindungen kämpfen und vieles ist improvisiert. Doch dieses Unperfekte gehört irgendwie auch zur Kunst und macht sie gerade menschlich. 

„Online viewing rooms“ , wie die Art Basel sie zurzeit anbietet, sind zeitaufwendig in der Organisation und haben finanziell nicht immer den gewünschten Effekt. Eine spannende Form der Präsentation, welche Distanz und Nähe verbindet und für alle ohne große Mühe zugänglich ist, haben verschiedene Kunsträume in Zürich gefunden. Sie entwickelten spezielle Installationen, die von außen sichtbar sind. So nutzt etwa die Galerie Karma International diese „storefront shows“ , um in unregelmäßigen Abständen die Arbeiten ihrer Künstler*innen zu präsentieren. Üblicherweise dauern die Ausstellungen zwei Monate, nun wechseln diese bis Ende August alle zwei bis drei Wochen. Das Display der Arbeiten ist so konzipiert, dass Leute, die – auch nachts – an der Galerie vorbeigehen einen optimalen Blick  auf die ausgestellten Werke erhalten. So wird nur der vordere Teil der Galerie bespielt und einige Kunstwerke – wie etwa aktuell die wunderbaren Keramikarbeiten von Simone Fattal – stehen auf einem Podest. Das Echo sei bis anhin sehr positiv gewesen, sagt Marina Olsen, Mitinhaberin der Galerie. Für sie sei das auch eine schöne Gelegenheit, Dinge wieder wie zu Beginn ihrer Tätigkeit vor zehn Jahren unkompliziert zu handhaben.

Blick von draußen auf die Arbeiten von Simone Fattal (Foto: Karma International)

Eigens für das „storefront“ -Format hat die Zürcher Künstlerin Klodin Erb die Installation „Remember your Dreams“  im Schaufenster von jevouspropose geschaffen. Sie greift damit die aktuellen Ereignisse auf. Das Thema Natur in der Stadt wurde vielfach diskutiert, und es ist wirklich erstaunlich zu beobachten, wie die Natur während des Lockdowns den Weg in urbane Gebiete fand. Nun steht in einem zentralen Stadtraum plötzlich ein Reh vor uns. Das Reh ist einerseits ein vertrautes Tier, andererseits steht es auch für eine verdrängte Seite in uns. Das ist auch im Grimm-Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“  so, in welchem sich der Bruder in ein Reh verwandelt, nachdem er von der Quelle trinkt, welche die böse Stiefmutter verhext hat. Dieses Märchen erzählte die Künstlerin im Vorfeld, während sie das Reh mit Gouche auf die Scheibe malte. 

Die Hinterglasmalerei schafft zusammen mit dem etwas davon abgerückten, mit Pflanzenmotiven besprayten Vorhang einen eigenen Raum. Die Installation, die nur von außen als Ganzes funktioniert, franst in den öffentlichen Raum aus und spricht in erster Linie Aussenstehende an. Sabina Kohler, die den Kunstraum jevouspropose gründete, hat mit „en passant“  ein Format kreiert, das in der Übergangszeit zwischen zwei Ausstellungen stattfinden soll. Sie reagierte damit auch spontan auf die Schließung der Kunsträume. Die Arbeit von Klodin Erb ist die erste in dieser Reihe. Auch wenn die Pandemie für viele Galerien finanzielle Einbußen bedeutet: Der Erfindergeist der Menschen ist doch bemerkenswert. Kultur bietet eben gerade in Krisenzeiten ein konkretes Narrativ. Das ist umso wichtiger, als die aktuelle Bedrohung auch etwas Abstraktes und schwer zu Fassendes hat. 

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