Eine Haltung, kein Stil

Manuel Pestalozzi
9. März 2021
Die Milchbar am Flamingosee in Stuttgart entstand für die Deutsche Gartenschau 1950 am oberen Ende einer Freitreppe, die noch von der Reichsgartenschau 1939 stammt. (Foto: Christoph Engel)

Kann man Architekt*innen ein größeres Lob spenden, als ihnen eine Haltung zu bescheinigen? Der Architekt Rolf Gutbrod (1910-1999) hat es verdient, dass die erste vollständige Werkmonografie über ihn den Titel trägt, der auch diese Kurzrezension schmückt.

Mit dieser Werksmonographie des Historikers Dr. Joachim Kleinmanns liegt „endlich ein fast zwei Jahrzehnte fehlender Baustein in der Erforschung der Architektur deutscher Nachkriegsmoderne vor“, freut sich Prof. Dr. Georg Vrachliotis in seinem Vorwort. In der Tat gehört der aus Stuttgart stammende Rolf Gutbrod zu den bedeutendsten Architekten jener Epoche. Seine Tätigkeit erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte und Kontinente, sein Werk umfasst den anspruchsvollen Kleinbau ebenso wie repräsentative Großstrukturen. Wiederholt hat er mit dem Leichtbauspezialisten Frei Otto zusammengearbeitet, quasi als Co-Autor, so beispielsweise beim deutschen Pavillon für die „Expo 67“ in Montreal.

Auffallend scheint an der Person Rolf Gutbrod seine Unauffälligkeit; er baute zwar viel und lehrte während mehr als drei Jahrzehnten an der TU Stuttgart. Ein eigentlicher „Stararchitekt“ war er aber nicht; es scheint kein bedeutendes Schriftwerk von ihm zu geben. Dieses Buch präsentiert ihn als talentierter „Macher“, der sich nicht groß erklärt. Es fehlen berühmte Manifeste oder prägnante sprachliche Verlautbarungen. Die Werkmonographie folgt dieser „Haltung“ und fasst sich in Sachen Biographie und gestalterisches Credo kurz. Umso mehr Raum erhalten eine gute Auswahl von Bauten, welche die Breite des Werks beeindruckend dokumentieren. 

Am Heizhaus der Flakkaserne Friedrichshafen-Fallenbrunnen (1937-1939) mag man Anklänge an die Architektur der Antroposophie, der Rolf Gutbrod von Kindheit an verbunden war, erkennen. (Foto: Christoph Engel)

26 ausgewählte Bauten werden ausführlich erläutert mit Material aus dem Werkarchiv des Architekten, welches am saai, dem Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie, aufbewahrt wird. Das Spektrum reicht vom faszinierenden Haus der Holzberufsgenossenschaft, dem LOBA-Haus in Stuttgart (1947-1952) über die Wohnhochhäuser BBR in Berlin (1961-1969) bis zum Hotel und Konferenzzentrum mit Moschee in Mekka (1966-1974). Auch die möglicherweise bekanntesten Bauwerke Gutbrods, die Liederhalle Stuttgart (1949-1956) und der erwähnte Expo-Pavillon finden gebührend Raum. Bei der IBM-Verwaltung Berlin (1959-1963) werden auch modular aufgebaute Möbel des Architekten vorgestellt. Ein abschließender Werkkatalog erlaubt eine Gesamtübersicht.

Ein wertvolles Kapitel stellen die 30 Farbaufnahmen von Gutbrod-Bauten dar, angefertigt von den Fotografen Christoph Engel und Bernd Seeland zwischen 2010 und 2020. Sie legen ein interessantes Zeugnis über die Dauerhaftigkeit der Bauten aber auch über den Umgang mit ihnen und ihrer Details ab. Und welches ist denn die architektonische „Haltung“, welche aus dem Buch zu den Leser*innen spricht? Dr. Kleinmanns versucht im Kapitel „Merkmale“ eine sprachliche Annäherung. Das Werk entziehe sich einer pauschalen Beurteilung, meint er, man glaube kaum, dass es nur von einer Person zu verantworten sei. Dennoch gebe es wiederkehrende Merkmale. Er schreibt: „Es ist eine neue, Aufmerksamkeit weckende Architektur, die Rolf Gutbrod entwirft, wobei ‚Aufmerksamkeit weckend‘ hier nicht im Sinne laut schreiender, kurzlebiger Effekte gemeint ist, sondern in einem nachhaltigen Verständnis. Anpassung an die Umgebung, räumliche Gestalt, Lichtführung, Materialien und Farbigkeit bestimmen seine Entwürfe.“

Eleganz und eine fast minimalistische Palette an Materialien und Details prägen das Foyer der IBM-Verwaltung in Berlin. (Foto: Christoph Engel)
Eine Haltung, kein Stil – Das architektonische Werk von Rolf Gutbrod

Eine Haltung, kein Stil – Das architektonische Werk von Rolf Gutbrod
Joachim Kleinmanns

210 × 230  mm
300 Seiten
260 Illustrationen
Softcover
ISBN 9783869227573
DOM publishers
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