Das Einfamilienhaus und die Vernunft

Manuel Pestalozzi
26. Februar 2021
Der deutsche Fertighausanbieter WeberHaus wirbt aktuell mit einer „Architektenvilla“ in der Schweiz. Die Luftaufnahme zeigt die landschaftlichen Folgen, die der Bautyp nach sich ziehen kann. (Foto: WeberHaus)

Derzeit wogt in Deutschland eine reichlich unkoordinierte Einfamilienhausdebatte. Das frei stehende Eigenheim – ziemt es sich noch? Für viele Architekt*innen ist das wohl eine existenzielle Frage. Emotionen wird man bei der Auseinandersetzung nicht ausmerzen können, Besonnenheit tut Not.

Das Einfamilienhaus ist so etwas wie eine „Urhütte de Luxe“; es umschließt die so genannte Kernfamilie und schützt sie vor der feindlichen Umwelt. Diese Wohnform umgibt auch eine Aura der Autarkie, es vermittelt mitunter den Eindruck, man sei sich selbst genug und lebe in einem Kleinstaat, in dem die eigenen Gesetze gelten – auch wenn man vollständig von einer funktionierenden Infrastruktur abhängig ist. Und schließlich definiert sie auch einen Rückzugsort, der Distanz zu den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft gewährt. Es verwundert nicht, dass im Rahmen der Berichterstattung zu COVID-19 daran erinnert wurde, dass sich in vergangenen Jahrhunderten reiche Städter*innen ihre Villa Suburbana auch deshalb leisteten, weil sie hofften, sich in dieser besser vor Seuchen schützen zu können.

Es gibt aus der Optik des Individuums also nicht nur viele emotionale sondern durchaus auch rationale Gründe, die für ein frei stehendes Einfamilienhaus sprechen. Dies widerspiegelt auch die Rolle des Bautyps in der Architekturgeschichte, aus der er nicht wegzudenken ist. Aus der Perspektive des Gemeinwesens sieht die Geschichte anders aus: Einfamilienhäuser sind Landfresser par excellence, sie breiten sich mitunter wie Geschwüre über Naturräume aus und treiben kommunale Kosten für die Infrastruktur und deren Unterhalt in die Höhe. Unter ihnen leiden die herkömmliche Flora und Fauna sowie die Artenvielfalt. Die Aufteilung des Geländes in Kleinparzellen ist schwer rückgängig zu machen. Und überhaupt: Familie, ist das im herkömmlichen Sinn nicht ein Auslaufmodell?

Das Für und Wider rund um das Thema Eigenheim ist nichts Neues. Doch in den letzten Wochen hat die Diskussion dazu an Vehemenz zugenommen. Es macht den Anschein, als würde das kleine gebaute Objekt Gegenstand einer weiteren Gesinnungsfrage zwischen „progressiven“ und „konservativen“ Grundhaltungen. Anlass waren neue Bebauungspläne in Hamburg-Nord, in denen keine Einfamilienhäuser mehr vorgesehen waren. Der Bezirksamtsleiter vor Ort kommt von den Grünen. Den „Spiegel“ veranlasste dies zu einem Interview mit Anton Hofreiter, dem Grünenfraktionschef im Bundestag. Sein Gegenstand war die Frage, ob sich der weitere Bau von Einfamilienhäusern angesichts des Klimawandels noch ziemt und ob die Grünen ganz generell „eigentumsfeindlich“ sind.

Das Echo in den Medien war so stark, dass sich die Grünen zu einer Klarstellung gedrängt sahen. Titel: Die Behauptung, Grüne wollten Einfamilienhäuser verbieten, ist falsch. Das Bemühen ist spürbar, die Diskussion wieder in geordnete Bahnen zu lenken: Es geht nicht um Eigentum oder die Wohnform per se sondern um eine sinnvolle Bewirtschaftung der bebaubaren Flächen, die nun einmal nicht unendlich zur Verfügung stehen. Diese Flächen sollten je nach Lage und Bedürfnis Freiheiten zulassen und jenen Wohnraum schaffen respektive erhalten, der nachgefragt ist. Dass die gewählten Behörden bei der Planung auch politische Ziele in die Erwägungen mit einbringen, gehört zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Und eine Debatte über das Einfamilienhaus muss sicher geführt werden: Denn es ist oft nicht besonders langlebig, häufig schwer vererbbar und legt der Möglichkeit einer späteren Nachverdichtung Hindernisse in den Weg.

Andere Artikel in dieser Kategorie

Campus Vertikal
vor 4 Tagen
Sakralraum am Ortsrand
vor einer Woche
Kliniken für die Zukunft
vor einer Woche
Real Estate Matters
vor einer Woche
Berlins Brutalist
vor einer Woche