Berlins Hochhausstrategie?

Ulf Meyer
2. Februar 2021
Foto: Markus Gröteke

Grüntuch Ernst Architekten haben in der Berliner City-West ein Bürohochhaus fertiggestellt. Unkritisch kann das Projekt nicht betrachtet werden, wurde dafür doch ein Hochhaus aus den 1980er-Jahren abgerissen.

Am Eingang zum Berliner Aquarium wurde in den 1980er-Jahren der Hauptsitz einer Bank gebaut, dessen rotbraune Natursteinverkleidung mit „goldenen“ Akzenten gut in die postmoderne IBA-Zeit in West-Berlin passte. Dieses Hochhaus, entworfen von den Architekten Pysall Stahrenberg, wurde nun nach weniger als 35 Jahren abgerissen, um einen ähnlichen Neubau an selber Stelle zu errichten. Angesichts der grauen Energie, die verschwendet wird, ein Wahnsinn!

Der Lageplan zeigt, wie das Gebäude als unregelmäßiges Oktogon eckige Straßenkanten erzeugt.

Der nur geringfügig höhere schwarze, „Westlight“ genannte Neubau stammt aus der Feder von Grüntuch Ernst Architekten aus Berlin. Die kristalline Form soll darüber hinwegtäuschen, dass das Gebäude – ebenso breit wie hoch – eine unglückliche Proportion für ein Hochhaus hat. Der Berliner Senat hatte es nicht nur versäumt, den Vorgängerbau unter Denkmalschutz und/oder einen B-Plan aufzustellen. Überhaupt tut sich die Stadt schwer damit, ihr Hochhauswachstum in irgendeiner Form städtebaulich zu lenken. Am Breitscheidplatz wurden höhere Türme zugelassen, am Olof-Palme-Platz fehlte dafür leider der Mut. Nur von der Nürnberger Straße aus betrachtet, wirkt der Bau als hoch aufragende, schlanke Figur.

In der obersten Etage führt eine Wendeltreppe hinauf zur Dachterrasse. (Foto: Markus Gröteke)
Die opaken Fassaden-Elemente lassen sich öffnen, die Fenster hingegen nicht. (Foto: Markus Gröteke)
Die prismatische Doppelfassade ist leicht gefaltet. (Foto: Markus Gröteke)

Große Fenster erlauben gute Aussichten über den Zoo im Westen und den unschönen Mix an 1960er-Jahre-Hotels im Osten. Im 16. Geschoss mündet das Hochhaus in einer Dachkrone mit Aussichtsterrasse, deren Form aus den Abstandsflächen abgeleitet wurde. 

Die doppelte Glas-Fassade ist leicht gefaltet, als hätte sie einen facettenartigen Schliff. Damit wird ein Minimum an Plastizität erzeugt. Vertikale Fugen aus Edelstahl (als Reflektoren für eine Lichtinszenierung von art+com) verleihen dem Bau einen vertikalen Ausdruck. 

Das Gebäude wurde im Core-and-Shell-Verfahren vergeben, das heißt, die Architekten konnten die Interieurs der Etagen leider nicht mitgestalten. Das Delfter Büro Fokkema hat die ersten Etagen aber im Geist des Gebäudes ausgestattet. Der Hauptmieter, eine große amerikanische Anwaltskanzlei für Immobilienrecht wollte – aus Diskretionsgründen – traditionelle Zellenbüros mit Deckenuntersichten aus Streckmetall. 

Ein Einschnitt im Erdgeschoss bildet den Haupteingang. An der Kurfürstenstraße springt die Fassade über zwei Geschosse zurück. Hier sollen vier Geschäfte im Erdgeschoss Passanten anlocken, bislang sind sie aber nicht vermietet. 

Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Grundriss 9. Obergeschoss
Schnitt

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