Behutsame Umnutzung in Ilmenau

Manuel Pestalozzi
3. Mai 2022
Foto: © Projekt 95/Michael Reichel

Die thüringische Goethe- und Universitätsstadt Ilmenau war mehr als 200 Jahre auch eine Porzellanstadt. Diese Industrie hinterließ viel Bausubstanz. Das größte Werk soll revitalisiert werden – mit Fokus auf die „Work-Life-Balance“.

Goethe und das Porzellan suchten Ilmenau fast gleichzeitig heim: Der Dichter verbrachte 1776 erstmals einige Tage in Ilmenaus Amtshaus, die Porzellanfabrikation startete 1777 und dauerte an bis 2002. Von Anfang bis zum Schluss war die Graf von Henneberg Porzellan mit von der Partie. Der adlige Name dieser Manufaktur hat nichts mit Besitztum zu tun, er geht auf ein bei der Gründung bereits erloschenes Geschlecht zurück. Die Firma trug folglich in der DDR den etwas widersprüchlich tönenden Namen Kombinat Graf von Henneberg. Die Privatisierungen nach der Wende führten zur endgültigen Einstellung der Produktion im Jahr 2002. Zurück blieb das Gelände des Porzellanwerks mit einer Fläche von rund 120'000 Quadratmetern. Es befindet sich in einer Waldlichtung am Nordostrand des Stadtgebiets, steht größtenteils leer und wurde nur teilweise als Büro- und Lagerflächen nachgenutzt. Auch die noch junge Technische Universität Ilmenau konnte sich hier ausbreiten. Nun soll das Areal zu neuem Leben erweckt werden.

Anfang Februar hat der Projektentwickler Projekt 95 Baumanagement GmbH das Gelände von der insolventen Graf von Henneberg Porzellan GmbH erworben. Die neue Eigentümerin wurde 1995 gegründet, sie entwickelt und baut seither Immobilien in Thüringen. Ein wichtiger Fokus des Unternehmens liegt beim Umgang mit Bestandsliegenschaften. Dies ist auch der Schwerpunkt bei der Weiterentwicklung des Geländes am Rand von Ilmenau, das fortan als „Gewerbeprojekt Ilmwerk“ bekannt werden will. „Unsere Vision ist es, die Liegenschaft zu einem innovativen, klimafreundlichen, nachhaltigen und profitablen Vorzeigeobjekt für die gesamte Region zu entwickeln“, wird Normen Fabig, Gründer und Geschäftsführer von Projekt 95, in einer Pressemitteilung zitiert. Offenbar hat Projekt 95 auch schon eine Bestandsanalyse vorgenommen und erste Richtungsentscheide getroffen. „Die sechs Haupt- sowie mehrere Nebengebäude umfassen eine Bruttogeschossfläche von insgesamt rund 82'600 Quadratmetern und wurden in Grundriss und Anordnung für den Zweck der Porzellanherstellung entworfen und gebaut. Dabei spielten die effektive Anordnung und der Entwurf des jeweiligen Gebäudeteils passend zur geplanten Nutzung die größte Rolle. Eine so durchdachte Architektur, die wie eine riesige Maschine entworfen wurde, um den Kreislauf der Herstellung von Porzellan sowie aller Bedürfnisse von Mitarbeitern sicherzustellen, ist erhaltenswert“, erklärt Erik Hupke, ebenfalls Geschäftsführer beim Entwicklungsunternehmen.

Behutsame Schritte

Für die Umsetzung der „visionären Neuausrichtung“ ist die Revitalisierung der bestehenden Haupt- sowie mehrerer Nebengebäude geplant. Hierbei sollen die Produktions-, Lager- und Logistikflächen nach dem Bedarf der künftigen Mieter saniert werden und eine entsprechende Aufwertung im Erscheinungsbild erhalten. Die Büro- und Laborflächen sowie die Werkstätten erwartet eine Sanierung von Grund auf. Sie sollen energetisch auf den neuesten Stand gebracht und „mit dem Fokus auf Work-Life-Balance“ gemeinsam mit den künftigen Nutzern entwickelt werden. Erik Hupke sieht im Bestand in räumlicher und energetischer Hinsicht einiges Potenzial: „Die Sheddachkonstruktion mit der Ausrichtung des Belichtungsbandes nach Norden ist nicht nur gut für die gleichmäßige natürliche Belichtung von Produktionsstätten, sondern kann künftig durch die Südausrichtung der geschlossenen Sheddachseite auch hervorragend für die Produktion von Solarstrom genutzt werden“, meint er. Mit dem vielfältigen Ansatz, den unterschiedlichen Nutzungsbereichen und den teilweise weitläufigen zusammenhängenden Flächen möchte Projekt 95 vor allem innovative Unternehmen und Start-ups gewinnen. Erste Gespräche fänden aktuell bereits statt. „Wir möchten mit dem Gesamtkonzept beispielsweise Nutzer aus der Labor-, Sensor- und Mikrotechnik erreichen, aber auch aus dem medizintechnischen Gewerbe sowie aus der Lager- und Logistik-Branche. Selbst eine Anfrage für ein Hotel ist bereits bei uns eingegangen“, umschreibt Normen Fabig den aktuellen Stand.

Die ersten Resultate der Transformation in kleinen Schritten sind die Beseitigung offensichtlicher Mängel wie fehlende Scheiben im Sheddach. Mit einer Verhüllung der Nordwestfassade des Kopfbaus sowie der Südfassade des Verwaltungsgebäudes mit Bannern macht man den geplanten Neuanfang sichtbar und möchte zugleich den „optischen Makel der alten Gebäude“ am Ortseingang Ilmenaus beseitigen. Grundsätzlich sollte es auch architektonisch spannend werden, sobald erste Mietparteien konkrete Wünsche äußern. Es bleibt zu hoffen, dass die Chancen, die sich in diesen Bestandsbauten eröffnen, sowohl ästhetisch als auch im Sinne einer nachhaltigen, das Ensemble berücksichtigenden Lösung genutzt werden können. Die Anlage verdient es, nicht als Ruine zu enden.

Die riesigen Hallen lassen sich frei gliedern. (Foto: © Projekt 95/Michael Reichel)

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