Neubau Wohngebäude mit Verbrauchermarkt „pa1925“ in Berlin von zanderrotharchitekten

Baulückenschluss in Berlin

 Thomas Geuder
10. Dezember 2018
Das neue Wohnensemble in der Berliner Pasteurstraße von zanderrotharchitekten ist eine zeitgemäße Form der innerstädtischen Nachverdichtung. (Bild: Simon Menges)
In den letzten rund 25 Jahren wurde Berlin spürbar nachverdichtet. Eine der noch wenigen Stadtwunden im Prenzlauer Berg haben zanderrotharchitekten mit einem Wohn- und Supermarkt-Ensemble gefüllt.
Projekt: Neubau Wohngebäude mit Verbrauchermarkt „pa1925“ (Berlin, DE) | Architektur: zanderrotharchitekten GmbH (Berlin, De) | Bauherren: Baugemeinschaft Pasteurstraße 19-25 GbR (Berlin, DE) | Hersteller: diverse | weitere Projektdaten siehe unten
Der Stadtteil Prenzlauer Berg – von den Berlinern liebevoll „Prenzlberg“ von der Abkürzung „Prenzl. Berg“ genannt – liegt etwas nördlich von Friedrichshain und Mitte, auf ehemaligen Ost-Terrain, und ist charakterisiert durch die größtenteils nahezu orthogonale Stadtstruktur mit dichter Blockrandbebauung aus der Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert. Nahe des Arnswalder Platzes in der Pasteurstraße wurde eine Baulücke zu DDR-Zeiten mit einem architektonisch notdürftig und eher pragmatischen Supermarkt-Gebäude gefüllt. Diesen aus dem Blickwinkel des Städtebaus Fehler in der Stadtstruktur haben die beiden Architekten Christian Roth und Sascha Zander von zanderrotharchitekten aus Berlin bei ihren Stadt-Recherchen ausgemacht: „Wir fanden das Grundstück spannend und haben deshalb versucht herauszufinden, wem es gehört. Schließlich gelang es uns, das Grundstück über eine Option, also ohne direkte Geldzahlung, zu erwerben“, erzählt Christian Roth über die Entstehungsphase des Projekts.
Bei der Gestaltung des Vorderhauses war es den Architekten wichtig, die Umgebung weiterzubauen und Fluchten, Materialien sowie Farben aufzunehmen. (Bild: Simon Menges)
Im Anschluss haben die beiden quasi proaktiv ein Konzept für die Bebauung mit Wohnungen und integriertem Supermarkt (wir berichteten im Oktober) erarbeitet. Mit ihrem Entwurf „pa1925“ (von: Pasteuerstraße 19-25) schließlich machten sie sich auf die Suche nach einem Bauherrn. Am Ende ließen sich sogar gleich mehrere Bauherren gefunden, da die Wohnungen als Eigentumswohnungen verkauft wurden. Die neuen Eigentümer haben sich zur „Baugemeinschaft Pasteurstrasse 19-25 GbR“ zusammengeschlossen und begleiteten fortan gemeinsam mit den Architekten das Projekt. Entstanden sind so 51 Wohnungen, die in insgesamt vier Gebäuden untergebracht sind, mit dem Supermarkt im Erdgeschoss. Das vier Parzellen breite Vorderhaus schließt die Baulücke komplett, nimmt die unterschiedlich hohen Traufhöhen der bestehenden Gebäude links und rechts auf und vermittelt mit unterschiedlichen Formen, Tiefen und Materialien in der gründerzeitlichen Bauflucht. Dahinter bilden die drei (die Architekten nennen sie) „Gartenhäuser“ ein zentraler „Gartenhof“, ein grüner Lebensraum inmitten der Stadt, der von allen Bewohnern als geschützter Bereich genutzt werden kann.
Hinter dem Vorderhaus entsteht im Zusammenspiel mit den drei „Gartenhäusern“ ein zentraler, gemeinschaftlicher „Gartenhof“, der sich auf dem Dach des Supermarkts befindet. (Bild: Simon Menges)
In einem urbanen Kontext nachzuverdichten bedeutet im Idealfall, das neue Bauwerk mit dem Bestand sinnvoll zu vereinen. In der Pasteurstraße sind die Gründerzeitbauten teilweise noch recht original erhalten oder wurden (nennen wir es einmal) „weitermodernisiert“. Die Planer von zanderrotharchiteken nahmen für die Fassade des Vorderhauses dazu zunächst den Rhythmus der Straßenflucht auf: „Das Haus ist formal unterteilt, die Körnung passt sich den alten Parzellen an“, erläutert Christian Roth. Hinzu kommt ein abwechslungsreiches Spiel mit der Tiefe, erzeugt durch faltbare Sonnenschutzelemente, die das Fassadenbild dominieren. Sie bestehen aus geschosshohen Streckmetall-Lamellen, die sich komplett über die gesamte Wohnungsbreite verschließen lassen oder, geöffnet, markant von der Fassade abstehen. Dadurch entsteht eine Art transluzente Fassadenoptik, die das Gebäude je nach Tageszeit, Beleuchtung bzw. Sonneneinstrahlung und Nutzung zwischen offen und geschlossen, leicht und schwer oder hell und dunkel pendelt.
Die Gestaltung im Blockinneren wird bestimmt durch weiße, horizontale Sichbetonbrüstungen. (Bild: Simon Menges)
Das Blockinnere konnte von den Architekten etwas freier gestaltet werden. Optisch vorherrschend sind hier die durchlaufenden Balkonbänder mit rohen Sichtbetonbrüstungen. Wurden die Fassaden und natürlich das Tragwerk hier noch von den Architekten entwickelt, dufte innen jeder Eigentümer selbst über die Raumaufteilung entscheiden. Das kann man als gelebte Basisdemokratie am Bau bezeichnen, auch es den Planungsprozess nicht vereinfacht. Dennoch: „Da es außerdem keinen Bauträger gab, der das Risiko hätte tragen müssen oder sogar auf Gewinn ausgerichtet ist, konnte die Qualität auf einem hohen Niveau gehalten werden“, ergänzt Christian Roth. So ist beim Projekt „pa1925“ eine gute Mischung aus 60 bis 200 m² großen Wohnungen entstanden, die sich zum Teil sogar über zwei Geschosse erstrecken. Raumhohe Fensterflächen sorgen für helle Räume und verstärken den Bezug zum Außenraum. Auch das ist wichtig in einer Großstadt wie Berlin: Jeder Wohnung ist ein privater Außenbereich mit Balkon, Terrasse, Garten oder Dachgarten zugeordnet. Den beiden Architekten Sascha Zander und Christian Roth und ihrem Team ist somit eine gesunde und wohltuende Nachverdichtung gelungen, die eine alte, geradezu notdürftig versorgte Wunde im Stadtgefüge wieder schließt.
Im Blockinneren sollen die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum bzw. zwischen Wohnung und Gartenhof verschmelzen. (Bild: Simon Menges)
Piktogramm städtebauliches Entwurfskonzept (Quelle: zanderrotharchitekten)
Lageplan (Quelle: zanderrotharchitekten)
Grundriss Regelgeschoss (Quelle: zanderrotharchitekten)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: zanderrotharchitekten)
Schnitt (Quelle: zanderrotharchitekten)
Faltbare Sonnenschutzelemente aus eloxiertem Streckmetall erzeugen eine transluzente Fassadenoptik mit abwechslungsreichen Effekten. (Bild: Simon Menges)
Eine einfache Rohbaustruktur ließ viel Gestaltungsspielraum für die einzelnen Bauherrn und bietet auch später noch die Möglichkeit der individuellen Veränderung. (Bild: Simon Menges)
Projekt
Neubau Wohngebäude mit Verbrauchermarkt „pa1925“ (Berlin, DE)

Architektur
zanderrotharchitekten GmbH
Berlin, De

Team
Christian Roth, Sascha Zander, Michael Spieler, Anne Kaiser, Tilman Heiring, Jan Conradi, Nils Schülke, Elisabeth Schwarz, Ronny Bittner

Bauherr
Baugemeinschaft Pasteurstraße 19-25 GbR
Berlin, DE

Hersteller
Sonnenschutzelemente: Hartig GmbH
Pfosten-Riegel Fassade: Schüco International KG
Dach Absturzsicherung: ZinCo GmbH
Klimaanlage: DAIKIN Airconditioning Germany GmbH
Türen: Prüm Türenwerk GmbH

Projektentwicklung
SmartHoming GmbH
Berlin, DE

Team
Sascha Zander, Claudia Schlüter, Kirka Fietzek, Irina Willing

Tragwerksplanung
Ingenieurbüro Hippe
Berlin, DE

Technische Gebäudeausrüstung
Ingenieurbüro Loose
Berlin, DE

Landschaftsarchitektur
Hager & Partner
Berlin, DE

Wohnfläche
7.088 m²

Daten
BRI: 64.235 m³
BGF: 14.667 m²
Kosten / KG 100–700 inkl. MwSt.: 29,03 Mio. €

Fertigstellung
2017

Fotografie
Simon Menges, Berlin
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