Architektur und Karikatur

Elias Baumgarten
8. Oktober 2020
Was Rem Koolhaas – gemäß Klaus Toon – unter vertiefter Recherche versteht. (© Klaus Toon)

Unsere Disziplin ist schon lange ein Thema für Karikaturist*innen. Mit spitzem Stift, scharfer Beobachtungsgabe und gern auch ziemlich fies nehmen sie sich ihr an. Darüber kann man herzlich lachen. Doch was können wir aus ihren Arbeiten lernen?

Oft sind Karikaturen beißend spöttisch, boshaft und ideologisch stark aufgeladen. Und sie bringen uns zuverlässig zum Lachen. Doch sie sind auch wertvolle Zeitdokumente. Für Historiker*innen ist ihre Interpretation längst ein wichtiges Betätigungsfeld. Denn aus ihnen lassen sich jede Menge Rückschlüsse sowohl auf die Urheber als auch auf gesellschaftliche, politische und ökonomische Entwicklungen zu ihrer Entstehungszeit ziehen. Karikaturen bieten auch einen guten, unkonventionellen Zugang zur Architekturgeschichte. Durch sie kann man eintauchen in kontroverse architektonische Debatten und Auseinandersetzungen um städtebauliche und raumplanerische Problemstellungen. Bis 26. Februar 2021 ist jetzt in Halle 180 der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) auf dem Sulzer-Areal in Winterthur (Tössfeldstrasse 11) mit der Ausstellung „Architektur und Stadt im Spiegel der Karikatur“ eine wundervolle Auswahl zu sehen. Andri Gerber vom Institut Urban Landscape der ZHAW hat sie zusammengetragen.

Auch Peter Eisenman ist ein beliebtes Opfer. (© Klaus Toon)

Die Schau ist großartig: Die Arbeiten sind oft schrecklich gemein, aber auch urkomisch und ziemlich lustig. Für Rem Koolhaas zum Beispiel ist, laut Klaus Toon wenigstens, die Lektüre eines Wikipedia-Artikels schon eine vertiefte Recherche – eine doch recht böse Kritik an der Ignoranz mancher Architekt*innen. Anthony Vidler lässt Charles Jencks neben einem angriffigen Aufsatz, in dem er dessen Theorien attackiert, allmählich zur Ruine zerbröckeln. Spannend indes ist auch zu sehen, dass bestimmte Themen über die Zeit nichts von ihrer Aktualität verlieren. So werden Umweltzerstörung und Zersiedelung in der Karikatur „London Going out of Town“ von George Cruikshank aus dem Jahr 1827 genauso angeprangert, wie 1964 von Virgil I. Partch in „The Masked Builder Strikes Again“. Kurz: Ein Besuch der Schau sei Ihnen wärmstens empfohlen.

Karikatur von Kurt Werth zum Bauhaus aus der satirischen Wochenzeitschrift „Simplicissimus“ vom 25. August 1930 

Für Andri Gerber ist die Schau auch ein Startpunkt, denn er möchte zum Thema weiter und noch umfangreicher forschen. Das allerdings wäre auch eine Detektivarbeit: Die Bilder seien oft schwer zu finden beziehungsweise zu beschaffen, erklärt er. Es wäre schön, würde er seine Arbeit fortsetzen und mit einem Buch abschließen, sind Karikaturen von und über Architekt*innen doch so heiter und unterhaltsam wie interessant und aufschlussreich.

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