Architektur als „soziales Instrument“?

 Ulf Meyer
20. Oktober 2018
Bonjour Tristesse, Das Elf Freunde Haus (Bild © BDA / Schink)
Die Berliner Büros AFF Architekten und Orange Architekten gewinnen mit sozialen Wohnbauten den BDA Preis Berlin. Dieser wirkt aufgeladen, findet Ulf Meyer.
„Gemeinschaftlich realisierter, bezahlbarer Wohnraum für Familien” ist derzeit die heißeste Kartoffel auf dem Berliner Immobilienmarkt. Dem Wohnhaus ‚Elf Freunde‘ (von AFF Architekten) und dem von Orange Architekten (beide Berlin) als Grundstückseigentümer, Planer und Bauträger realisierten Gebäude „Einfach gebaut“ wurde der BDA-Preis Berlin 2018 verliehen. Der Preis wird alle drei Jahre vergeben und ist un-dotiert.

Die Wohnanlage an der Rummelsburger Bucht von AFF ist fünf Jahre alt und besteht aus elf schmalen, mausgrauen Reihenhäusern mit jeweils vier Geschossen. Seitlich wurden „Parktaschen“ angefügt. Das „Einfach Gebaut“-Haus hingegen ist ein schmaler Loft-Riegel mit 13 Laubengang-Wohnungen unweit der Frankfurter Allee am Bersarinplatz in Friedrichshain und ein typisches Beispiel für die grassierende Nachverdichtung. Architektonische Offenbarungen sind beide Gebäude nicht. Die „Botschaft für Kinder“ des SOS-Kinderdorfs, die ebenfalls einen Preis vom Berliner BDA bekam, schon eher. Leider schreiben die Architekten Ludloff Ludloff aus Berlin dazu, ihr Haus sei „ein Botschafter, in dem man sich in Anerkennung und auf Augenhöhe begegnen wird“. Auch die Jury schrieb zur Rechtfertigung ihrer Entscheidung allerlei Quark: Die prämierten Gebäude „generierten alle sozialen Mehrwert und schufen unterschiedlichste Orte der Begegnung, die die Entwicklung der kollektiven und individuellen Sensibilität füreinander und für unsere Umwelt zukunftsweisend fördern“, zum Beispiel. Das tut weh.
Das Publikum entschied pragmatischer und ohne ideologischen Impetus: Der Publikumspreis ging an das „50Hertz Netzquartier“ von LOVE Architekten aus Graz, das den Eingang zur neuen EuropaCity unweit des Hauptbahnhofs prägt und dort auf absehbare Zeit auch das einzige ansehnliche Gebäude bleiben wird. 4'200 Stimmen für diesen Entwurf zeugen von einem weniger verzerrten Blick auf die Baukunst als die Jury ihn bewies. Fünf weitere Gebäude erhielten von ihr eine Auszeichnung, aber natürlich auch nur, weil sie durch „ihr soziales Engagement überzeugten“.
Der Name des Gebäudes 'Einfach gebaut' ist Programm (Bild: © BDA / Schuller)

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