Vielfalt mit System

Ulf Meyer
29. Mai 2019
Foto: ZKB

Bei Aedes in Berlin fand vergangene Woche eine Tagung zum Wohnungsbau unter dem bezeichnenden Titel „Vielfalt mit System“ statt. Man diskutierte – veranstaltet von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte – Wohnformen für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Das Wohnen ist plötzlich die heißeste Kartoffel der deutschen Architekturdiskussion: Besonders in Berlin, wo der Bürohausbau schwächelt und der Strom der Neuhinzugezogenen nicht abreißen will, ist das Wohnen längst kein bloßes Party-Gespräch mehr. Vielmehr wird das Thema mit großem Ernst diskutiert angesichts der galoppierenden Immobilienpreise und einer Linken, die die Vergesellschaftungs-Keule herauszuholen bereit zu sein vorgibt. 

In diesem aufgeheizten Klima fand bei Aedes in Berlin eine bemerkenswerte Diskussion über den Wohnungsbau unter dem Titel „Vielfalt mit System“ statt. Dieses Oxymoron charakterisiert den Status Quo des Wohnbaus hierzulande vortrefflich: Mit großem Aufwand und Mega-Überbau werden an der einen Stelle der Stadt „alternative Modelle“ erprobt und gefördert, während überall sonst die Gesetze des Marktes greifen und immer deutlicher zeigen, wie eine wirtschaftlich schwache und gespaltene Stadt segregiert werden kann.

In Workshops ging es um Themen wie Initialnutzungen, Wohnmodelle, Bebauungsdichte, Bebauungsplan, nutzergetragene Stadtentwicklung und das Rathaus der Zukunft für Mitte. (Foto: ZKB)

Veranstalter der Berliner Tagung war die WBM, die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte, die wie kein zweiter Immobilien-Besitzer in dem derzeit grün regierten Bezirk Mitte Zukunft und Bestand vieler Wohngebäude in der Hand hat. Eines ihrer Groß-Projekte ist die Revitalisierung des ehemaligen „Hauses der Statistik“, einem seit zehn Jahren völlig verwahrlost am Alexanderplatz dahinvegetierenden sozialistischen Gebäudekomplex aus dem Jahr 1970. Schon seit 2015 setzt sich eine Bürger-Initiative für die Entwicklung des Areals und der vier Hochhausscheiben darauf als „Zentrum für Geflüchtete – Soziales – Kunst – Kreative“ ein. 
Geplant ist heute eine Mischnutzung „für Verwaltung, Kultur, Bildung, Soziales und Wohnen“. Bezirksamt, WBM, Senatsbauverwaltung, BIM und eine Genossenschaft schlossen sich zusammen, um dem Haus neues Leben einzuhauchen. Das Bezirksamt Mitte benötigt ein neues Rathaus und die WBM hat sich verpflichtet, im Bezirk 4000 neue Wohnungen errichten. Mindestens 100 Millionen Euro soll der Umbau des Komplexes am Alex kosten und ein Fanal der neuen Städtebaupolitik darstellen. Auf dem Areal soll ein neues Stadtquartier mit 300 Wohnungen, gebaut von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte, entstehen. Noch in diesem Jahr sollen Pioniernutzungen einziehen. Den Plänen von Teleinternetcafe zufolge sind zwei 15- und 12-geschossige Wohnhochhäuser zur Berolinastraße und ein 16-geschossiger Büroturm zur Otto-Braun-Straße geplant, in den das Rathaus Mitte einziehen soll. Dazwischen liegen Innenhöfe und drei Stadtplätze, Experimentierhäuser, Dachgärten und Gemeinschaftsterrassen. Der Baubeginn ist für 2021 angesetzt, der Bezug für 2024.

Haus der Statistik, „Zusammenkunft“ (Visualisierung: Raumlaborberlin)
Haus der Statistik als sozialer Hub am Alexanderplatz (Grafik: Raumlaborberlin)
Erstes Baugruppenhaus für Gewerbe

Den umgekehrten Weg geht das Projekt „Frizz23“, das auf der Berliner Tagung die Architektin Britta Jürgens von Deadline Architekten vorstellte. Jürgens hat „Berlins bekannteste Baugruppe für Gewerbe“ als „kleinteilige Mischung aus Kunst, Kreativwirtschaft, Bildung, Gastronomie, Einzelhandel und Wohnen“ konzipiert, also mit engagierten Bürgern statt dem Staat. Der von ihr entworfene schwarze Riegel enthält Werkstattläden, Seminarräume, Wohnateliers, Studios für Kreative, Co-Working-Räume, Büros, Minilofts, ein Café, eine Projekthalle und eine kleine Galerie. Alle Einheiten von 28 bis 280 Quadratmeter Größe wurden individuell geplant. Auch wenn das Projekt nur am Rande mit dem Tagungs-Thema „Wohnen“ zu tun hat, ist es dennoch schnell zum Goldstandard für den Ansatz geworden, Projektbeteiligte als Nutzer und Investoren zugleich anzusehen. Die zugrundeliegende Partizipation folgte dem Leitprinzip von Deadline Architekten: „Erst der Dialog, dann der Entwurf“.
Während andere Referenten auf dem Symposium das ganze sprachliche Repertoire der „Gutfind-Mitmach-Projekt-Mode“ ausbreiteten (die Vokabeln „Netzwerk“, „Prozess“, „kuratierte Erdgeschossnutzung“, „zivilgesellschaftliche Akteure“ oder „Teilhabe“ wirken ebenso sinnvoll wie überstrapaziert), gingen Jürgens überraschend frische und selbstkritische Kommentare über die Lippen: Als „nicht schön, aber speziell“ bezeichnete sie die Architektur ihres Projektes und dessen Nutzer- und damit Bauherrenschaft als „elitär“, weil Bildungs- und Alters-mäßig homogen. Das will nicht recht in das alternative Heile-Weltbild passen, dass hinter vielen Projekten, die sich mit der „Zukunft des Wohnens“ beschäftigen, steckt.

Nanni Grau vom Architekturbüro Hütten & Paläste etwa stellte ihre Konzepte für die Umnutzung einer kleinen Plattenbausiedlung in Nordhausen/Thüringen vor. Plattenbauten findet sie „als gebaute Utopie“ schlicht „toll“ und behandelt sie, als „stünden sie unter Denkmalschutz“. Als Grau vorschlug, die Parkplätze zu „entsiegeln“ sei sie von den Bewohnern der Beton-Siedlung fast mit faulen Tomaten beworfen worden. Die angestammten Bewohner wollten „explizit lieber Park- als Spielplätze“, weil sie „keine Kinder haben“, so Grau. Von den Argumenten der Bewohner wollte sich die Planerin „nicht erschüttern lassen“. Das zeugt zwar von Courage, aber sicher ebenso von mangelnder Kommunikation zwischen Planerin und Bewohnerschaft.

Frizz23 von Deadline Architekten (Foto: Matthew Griffin)
Wohnen und Arbeiten für die Kultur

Solche Probleme kennt das Frizz-Haus in der südlichen Friedrichstadt in Berlin-Kreuzberg am Blumengroßmarkt nicht. Ob der Erfolg des Projektes wiederholbar ist, hängt entscheidend an der politischen Unterstützung für die Grundstücksvergabe. Denn die Grundstücke waren nicht an die Meistbietenden, sondern in einem „Konzeptvergabeverfahren“ vergeben worden. „FRIZZ23“, Deutschlands erstes Baugruppenhaus für Gewerbe, bietet Wohn- und Arbeitsräume für die Kulturszene. Der lange Riegel des Gebäudes mit geschwärzter Holzverkleidung ist dreigeteilt. Das Raum-Programm der „Stadt in der Stadt“ entspricht fast einem kommerziellen Immobilien-Ansatz. Das erste Bauteil ist ein Forum für Berufsbildung mit zwölf Seminarräumen und großem Veranstaltungssaal. Das zweite Bauteil gehört einer Baugruppe und bietet 46 Gewerbeeinheiten in einem „leeren Regal“ (Jürgens), deren Ausbau durch die Eigentümer selbst organisiert wurde. Im schmalen Turm von Bauteil 3 betreiben Deadline Architekten 14 Minilofts. Jürgens Mann, der Architekt Matthew Griffin, sei bereits „halb Jurist und halb Banker“ geworden angesichts der „Erweiterung der architektonischen Praxis“, den die neue Immobilien-Wirklichkeit Architekten abverlangt. Nachdem sich Deadline Architekten und „Forum Berufsbildung“ 2011 mit ihrem Konzept im Vergabeverfahren durchsetzen konnten, mussten sie die Baugruppe formieren und 16 Millionen Euro für den Grundstückskauf und Bau zusammen bekommen.
Nach „Jahren der Co-Ignoranz“, wie es auf der Berliner Wohn-Konferenz hieß, sollen nun im Städtebau und der Liegenschaftspolitik „Jahre der Ko-Operation“ folgen. Die ersten fertiggestellten Projekte dieser neuen Zeit wecken das Interesse auf die Umsetzung der großen Pläne, die derzeit heiß diskutiert werden.

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