Tödden, sammeln und zeigen

 Ulf Meyer
29. November 2017
Links: Museum Voorlinden (Bild: Antoine van Kaam); Rechts: Museum Draifleesen (Bild: Roman Maerz)
Während die Kunstwelt in Berlin über die große staatliche „Kunstscheune“ streitet, machen im Nordwesten der Republik und im benachbarten Holland zwei kleine, aber feine private Museen vor, wie effektvoll zeitgenössische Architektur zum Nutzen des Kunstgenusses eingesetzt werden kann. Die „Draiflessen-Collection“ und die Voorlinden-Stiftung erweisen sich dabei als kunstsinnige Bauherren.
Von Mettingen hat noch kaum jemand gehört: Das kleine Örtchen im Tecklenburger Land mit 12'000 Einwohnern, zwanzig Kilometer westlich von Osnabrück gelegen, ist jedoch der Ursprungsort der Familie Brenninkmeijer, deren C&A-Kaufhäuser europaweit bekannt sind. Die über 500-köpfige katholische, niederländische Großfamilie Brenninkmeijer mit deutschen Wurzeln zählt mit einem Vermögen von mehr als 25 Milliarden Euro zu den reichsten Europas. Das Draifflessen-Museum ist eine private Initiative der Unternehmerfamilie: Im Jahr 2009 gründeten die Brenninkmeijers ihre „Draiflessen-Collection“, eine der großen Privatsammlungen Europas. Der Name stammt aus der Sprache der „Tüötten“ (Drai = drei, Flessen = Flachs/Leinen). „Tüötten“ oder „Tödden“ nannten sich wandernde Kaufleute und Hausierer aus Westfalen, die Leinen in den Niederlanden und bald in Nordeuropa verkauften. Das Wort „Tödden“ soll aus dem Flämischen kommen und „Tauschen“, „Handeln“ bedeuten.
Privatmuseum Draifflessen in Mettingen (Bild: Henning Rogge)
Studiensaal Liberna-Sammlung (Bild: Henning Rogge)
Erstmals öffentlich
Das Museumsgebäude wurde von Nattler Architekten aus Essen entworfen, die im Haus neben den Galerien auch ein umfangreiches Archiv und die „Liberna-Sammlung“ untergebracht haben. Zur dieser Sammlung gehören kostbare Manuskripte, Miniaturen, Inkunabeln, Druckgrafiken und Handzeichnungen.
Der im Grundriss eiförmige, weiß verputzte Bau des Brenninkmeijer’schen Privatmuseums bietet im Inneren einen Zugang zu den Preziosen über eine große, breite Treppe. Besucher „tauchen“ zunächst unter dem Erdgeschoss hindurch. Die große Treppe ist jedoch keine Hürde, sondern kann bei Bedarf als Auditorium und Ausstellungsraum dienen. Je drei Trittstufen sind zu einer Sitzstufe zusammengefügt. Elegante Lichtdecken dosieren Tages- und Kunstlicht je nach den Erfordernissen der Kuratoren.

Museum und Veranstaltungszentrum liegen in einem herrlichen Garten mit altem Baumbestand. Ein gläsernes Foyer verbindet das Museum mit dem benachbarten Konzert- und Festsaal und Seminarräumen in einer nach historischem Vorbild neu errichteten Villa. Dieses „Haus Overgünne“ wurde ab- und wieder aufgebaut. Wichtige historische Bauteile des ehemaligen Schwefelbads aus den 1870er-Jahren wie Fenster- und Türeinfassungen wurden dabei bewahrt. Im Haus, das während des Zweiten Weltkriegs als Hauptverwaltung von C & A diente, ist nun die Sammlung zur Unternehmens- und Familiengeschichte untergebracht. Der alte Nähsaal von 1950, der nach dem Krieg als Werkhalle für die Knaben- und Herrenkonfektionsfabrik entstand, wurde nun ebenfalls umfassend renoviert und fügt dem eleganten Neubau der Draiflessen-Collection eine industrie-historische Ebene hinzu.
Privatmuseum Voorlinden in Wassenaar (Bild: Pietro Savorelli)
Bibliothek (Bild: Pietro Savorelli)
In guter Nachbarschaft
Jenseits der deutsch-niederländischen Grenze hat das Architekturbüro Kraaijvanger ein ebenfalls abgeschiedenes und ebenso erstklassiges Privatmuseum für zeitgenössische Kunst gebaut. Es heißt „Voorlinden“ und liegt in Wassenaar. Das lange Rechteck des Museum-Neubaus, der aus sechs parallelen Wandscheiben besteht, passt sich dank heller Natursteinverkleidung in die umgebende Dünenlandschaft ein. In seiner Proportion ähnelt der Neubau der Fondation Beyeler bei Basel von Renzo Piano. 

Überall im Haus wird der Blick in die umgebende Natur inszeniert: „Museum und Garten" nennt sich der Kunst-Ort deshalb völlig zu recht. Tageslicht dringt nicht nur durch alle vier Glasfassaden, sondern auch von oben durch eine besondere Lichtdecke ein, in der 115'000 diagonal angeschnittene elliptische Zylinder das Licht brechen. Indirektes LED-Licht kann in der Dämmerung dazugeschaltet werden, um Kunst- und Sonnenlicht effektvoll zu mischen. Das Ziel, in „Voorlinden" Kunst „sinnlich erlebbar zu machen“ wird erreicht: In den strahlend weißen Sälen lenkt nichts von der Kunst ab, es gibt noch nicht eimal Spotlights unter den Decken.
Neben den zwanzig Galerien für Höhepunkte der Sammlung, Sonderausstellungen und In situ-Arbeiten gibt es ein Auditorium und eine beeindruckend gestaltete Kunst-Bibliothek. Das neue Museum Voorlinden mit 6'700 m2 Fläche gilt als wichtigste private Kunstinstitution des Landes.
Umgeben ist das Museum von hohen alten Bäumen und den Gärten – angelegt und gepflegt von dem Landschaftsarchitekten Piet Oudolf.
Objekte von Roni Horn in der Ausstellung (Bild: Antoine van Kaam)
Geschaffen wurde das Haus von Joop van Caldenborgh, Gründer des Rotterdamer Chemiekonzerns Caldic, der kurzerhand ein über 200 Jahre alten Landgut unweit seiner Villa kaufte. Beim Bau war van Caldenborgh nicht nur Geldgeber, sondern engagierte sich stark für sein bauliches Vermächtnis. „Bis zu den Steckdosen wollte er alles mitbestimmen“ – so heißt es. Auch wenn ambitionierte Bauherren für Architekten anstrengend sein können: Bei den beiden neuen Privatmuseen in Mettingen und Wassenaar haben sie erstklassige Häuser für erstklassige Sammlungen möglich gemacht.

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