Retrospektive zu Doshi

Susanna Koeberle
1. Mai 2019
Balkrishna Doshi, Sangath Architekturstudio, Ahmedabad, 1980 (Bild © Iwan Baan, 2018)

Das Vitra Design Museum zeigt mit der Ausstellung «Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen» die erste Retrospektive über das Gesamtwerk des indischen Architekten ausserhalb Asiens. Doshi wurde 2018 als erster Inder mit dem Pritzker Prize geehrt.

«Architektur ist dem Leben untergeordnet», findet Balkrishna Doshi. Diesem Motto ist der 1927 in Pune als Sohn eines Tischlers geborene Architekt stets treu geblieben. Das zeigt sich an seinen über 100 Bauten, die er in Indien realisiert hat. Aber auch seine Geisteshaltung widerspiegelt dieses Prinzip. Der 92-jährige Mann ist zur Eröffnung der Ausstellung im Vitra Design Museum von Indien nach Weil am Rhein angereist. Sein Gesichtsausdruck sowie seine physische Erscheinung strahlen die Lebensfreude und Vitalität eines Kindes und die Weisheit und den Gleichmut eines Gurus in Personalunion aus. Und noch etwas: Zufriedenheit. Dass das etwas so Berührendes hat, hängt wohl damit zusammen, dass man hierzulande gar nicht so häufig  Menschen begegnet, die Zufriedenheit ausstrahlen. Aber das ist ein anderes Thema. Zufrieden sollten allerdings auch Häuser machen, schliesslich verbringen wir einen Grossteil unseres Lebens darin. Beim Durchschreiten der Ausstellung im Vitra Design Museum weiss ich instinktiv, dass ich mich wohl fühlen würde in einem von Doshi entworfenen Gebäude. Als Besucher*in der Schau erhält man nicht nur Einblick in das eindrückliche Werk des Architekten, sondern taucht auch ein in das bunte Treiben indischer Städte. 

Doshis Werk umfasst Privathäuser, institutionelle Bauten und Stadtplanung; seine Entwürfe sind geprägt durch einen Dialog zwischen lokaler Bauweise und dem Erbe der Moderne. Das ist nicht zufällig so. Balkrishna Doshi hat mehrere Jahre bei Le Corbusier gearbeitet. Und das kam so: Während seines Studiums der Architektur in Bombay freundete er sich mit einem Zimmergenossen an, der eines Tages einen Job in London bekam. Ohne genau zu wissen, was auf ihn zukommen würde, folgte er einer inneren Stimme und ging mit nach Europa. In London angekommen, hörte er von einem Architektenkongress und schaffte es trotz fehlendem Diplom, dort teilzunehmen. Am Kongress traf er Germán Samper, einen Mitarbeiter von Le Corbusier. Aufgrund seines indischen Aussehens sprach dieser Doshi an und erzählte ihm von Chandigarh, der Stadt, welche das Büro in Indien plante. Daraufhin bewarb sich Doshi mit einem Brief (diesen schrieb er mehrmals ins Reine, bevor er ihn abschickte, er hatte gehört, dass Le Corbusier dem Schriftbild grossen Wert beimass) beim berühmten Schweizer Architekten und bekam die Gelegenheit für ein Praktikum in seinem Architekturbüro in Paris – unbezahlt, notabene. Dort habe seine eigentliche Ausbildung zum Architekten begonnen, sagt Doshi. Die Zeit in Paris war zwar hart, aber für seinen Werdegang bedeutsam. Auch wenn Doshi kaum Französisch sprach, verstand er sich offensichtlich gut mit Le Corbusier und bekam nach dem Praktikum eine bezahlte Stelle im Büro. Er arbeitete an den Plänen von Chandigarh und später auch an anderen Projekten von Le Corbusier in Indien. 

Balkrishna Doshi, «Indian Institute of Management», Bangalore, 1977, 1992 (Bild © Iwan Baan, 2018)
Der Weg zu indischer Baukultur

1954 kehrt Balkrishna Doshi nach Indien zurück und überwacht Le Corbusiers Projekte, bevor er dann 1956 sein eigenes Architekturbüro in Ahmedabad gründet. Der Name des Büros ist auch Programm: «Vastu-Shilpa» setzt sich zusammen aus den Wörtern «Vastu», das die Welt um uns herum beschreibt, und «Shilpa», was entwerfen oder gestalten bedeutet. In Ahmedabad begegnet Doshi dem amerikanischen Architekten und Visionär Buckminster Fuller. 1958 reist er erstmals in die USA. Die Reise durch die USA ist lehrreich und inspirierend. Er trifft dort auch Grössen der Architektur-, Kunst- und Designwelt, wie Ludwig Mies van der Rohe, Josep Lluís Sert, Charles und Ray Eames, Friedrich Kiesler und Eduardo Chillida. Von den Vereinigten Staaten aus geht er nach Japan, wo er vier Monate bleibt. Für Doshi sind die traditionelle und die zeitgenössische japanische Architektur eine Offenbarung. Die Erfahrungen im Ausland prägen ihn. Sie führen aber zugleich zu einer Auseinandersetzung mit typisch indischer Bauweise und zu einer Beschäftigung mit den lokalen Gegebenheiten seiner Heimat, die fortan seine architektonische Sprache beeinflussen werden. Nach seiner Rückkehr erhält Doshi seinen ersten grossen Auftrag als selbstständiger Architekt: eine Werksiedlung mit Gästehaus für die Ahmedabad Textile Industry’s Research Association. Bei diesem Projekt zeigt sich auch erstmals die Bedeutung, die Doshi dem Thema Gemeinschaft beimisst. Nachhaltigkeit drückt sich für ihn nicht nur in der Materialwahl aus, sondern ebenso in der sozialen Dimension von Architektur. Bei seinen Entwürfen stehen der Mensch und seine Bedürfnisse bis heute an vorderster Stelle.

Einer der vier Bereiche der Ausstellung befasst sich mit dem Thema Heimat und Identität. Das Zuhause und die Stadt sind Bauaufgaben, die über das reine Bauen hinausgehen, sie betreffen auch gesellschaftliche und kulturelle Fragen. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Wohnsiedlung «Aranya» in Indore (1989). Sie wurde für einkommensschwache Gruppen (in Indien als «Economically Weaker Sections» oder EWS bezeichnet) konzipiert. Doshi analysierte im Vorfeld die Elendsviertel und reagierte mit einem ungewöhnlichen Vorschlag darauf. Sein Entwurf sah soziale Durchmischung vor: Einkommensschwache Menschen sollten Tür an Tür mit Personen aus der Mittelschicht leben. Das tat er mit einem Trick. Die öffentlichen und kulturellen Einrichtungen befanden sich an einer diagonal verlaufenden Achse, die von der einkommensschwachen Bevölkerung bewohnt wurde. Auf diese Weise hatten Kinder der unterschiedlichen Schichten den gleichen Schulweg, was zur Überwindung von sozialen Grenzen beitrug. Der Weg als Ort, aber auch als verbindendes Element im physischen wie auch im übertragenen Sinne, ist ein wiederkehrendes Merkmal von Doshis Bauten. «Aranya» macht auch vor, wie er Architektur als einen flexiblen Organismus versteht: Ausgehend von einer Parzelle mit Fundament, Sanitärblock und einem einzigen Raum, konnten die Bewohner dank eines Modulsystems ihren Wohnraum nach ihren Bedürfnissen gestalten. Die Räumlichkeiten wuchsen nach und nach. Der Architekt entwickelte einen Formenkatalog mit Elementen, die vor Ort von lokalen Handwerker*innen gefertigt wurden. Doshi fand weitere Wege, um die Gemeinschaft der Bewohner*innen zu fördern. Das Projekt wurde ein Erfolg, heute gehören die Bewohner*innen von «Aranya» zur Mittelschicht. Die meisten Menschen, die damals einzogen, wohnen immer noch dort. 

Balkrishna Doshi, «Aranya Low Cost Housing», Indore, 1989 (Bild © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad)
Häuser für gutes Leben

Dass Häuser auch Identitäten bauen können und zugleich offen für Veränderungen sein sollten, zeigt sich auch in Doshis eigenem Wohnhaus, das er 1963 entwarf. Es wurde nach seiner Frau benannt: «Kamala». Sowohl die Konstruktion wie auch die Materialwahl folgen einfachen Prinzipien, die zudem auch seine Spiritualität widerspiegeln. Täglich besucht Doshi den kleinen Tempel, der zum Haus gehört. Der Anbau, den er 1986 realisierte, umfasst auch eine offene Pergola, die den Blick in den Sternenhimmel erlaubt. Typisch für seine Bauweise ist auch das Reagieren auf klimatische Bedingungen. 

Balkrishna Doshi, «Kamala House», Ahmedabad, 1963, 1986 (Bild: © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad)

Als eine Art Manifest seiner Baukunst kann sein eigenes Architekturbüro gelesen werden, das er 1980 fertigstellt. «Sangath» (was «sich zusammen bewegen» bedeutet) ist mehr als ein Bürohaus, es hat eher etwas von einem Atelier und Denklabor. Die Räumlichkeiten werden auch regelmässig für Veranstaltungen genutzt. Im Raumvokabular dieses Baus vereinen sich Doshis Erinnerungen an Orte, die für ihn wichtig waren. Zugleich führt das Bauwerk seine ganz eigene Architektursprache vor, die sich im Verlauf der Jahre herausgebildet hat. Teilweise sind die Räume in die Erde gebaut und haben dadurch eine höhlenartige Anmutung. Bewusst habe er den Eingang etwas versteckt platziert. Offenbar damit die Besucher*innen länger im riesigen Garten verweilen, der den Bau umgibt, und ganz entspannt zu ihm kommen, berichtet Jolanthe Kugler vom Vitra Design Museum, welche die Ausstellung für das Museum angepasst hat. Balkrishna Doshis Enkelin, die Architektin Khushnu Panthaki Hoof, hatte schon 2014 in Indien eine erste Retrospektive zum Werk ihres Grossvaters in der «National Gallery of Modern Arts» in Delhi kuratiert. Die Ausstellung macht auch die Pionierleistung von Doshis Schaffen in seinem Land deutlich; bereits 1962 entwarf er die «School for Architecture» in Ahmedabad und schuf damit einen neuen Typ von Schule, der sich an einem multidisziplinären Konzept orientierte. Sein Lehransatz und Bildungskonzept beeinflussten das Unterrichten von Architektur in Indien massgeblich und prägten dadurch eine ganze Architektengeneration 

Die Ausstellung im Vitra Design Museum kam dank der Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung und der von Doshi gegründeten Vastushilpa Stiftung zustande. Eine wunderschöne Publikation sowie verschiedene Vorträge ergänzen die Schau. 

Balkrishna Doshi in seinem Architekturbüro Sangath. Bild © Iwan Baan, 2018

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