Neue Schulen braucht das Land!

Falk Jaeger
19. Februar 2014
Schulbau als pädagogischer Maßregelvollzug oder inspirierender Lern- und Lebensraum? Die Grundschule Uto in Japan von CAt Architects ermöglicht neue Lernformen und ist in einem intensiven Partizipationsprozess entstanden. (Bild: Sadao Hotta)

Dass die Schule heute neben der puren Wissensvermittlung ganz andere Aufgaben zu erfüllen hat als noch vor Generationenfrist, wissen die freien Schulträger; das blieb aber auch den staatlichen Schulämtern und Kultusverwaltungen nicht verborgen. So macht nicht nur der Blick auf neue Schulbauten freier Träger neugierig, sondern es stellt sich auch die Frage, wie viel an neuen Erkenntnisse und Anforderungen, architektonischen Freiheiten und Flexibilität sich dem öffentlichen, behördlich reglementierten und kameralistisch verwalteten Baubetrieb abringen lässt. Falk Jaeger über Schulbau als pädagogischer Maßregelvollzug oder inspirierender Lern- und Lebensraum.

Die Schulbaudiskussion kreist um einen einzigen Punkt: Wie kommt man am weitesten von der Normschule weg? Vom eingefahrenen Schema Klassenzimmer für Frontalunterricht, Fachräume, Aula, Lehrerzimmer, Turnhalle, das Ganze verbunden durch Flure mit bauordnungsbedingten Abmaßen – der Fluchtweg als Entwurfsmaxime.
Alles, was dieses Schema aufbricht oder ergänzt, wird unbesehen als positiv beurteilt. Dabei kommt im Betrachter manchmal die Frage auf, ob manch bewährte Form nicht auch ihre Berechtigung habe? Ob zum Beispiel geschlossene Klassenzimmer und Aulas angesichts der heute schwerer zu disziplinierenden Kinder nicht auch ihren Charme haben könnten.
Das Schema aufgebrochen hat zum Beispiel Hans Scharoun in den 1950er-Jahren. Seine funktionale Differenzierung des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Lünen in Grundschule, Hauptschule und Gymnasium, seine «Schulwohnungen» im Grundschulbereich mit Garderobe, Haupt- und Nebengruppenraum sowie Frei- und  Pflanzbereich einschließlich des überlegten Farbkonzepts zeigte neue Wege – die leider kaum ein Nachfolger beschritt. Das Anliegen «Hinwendung zum Schüler» mit daraus folgender räumlicher und formaler Differenzierung leiteten später vor allem Behnisch und Partner bei ihren Schulbauentwürfen ab. Eine schöne Entwicklungslinie mit steigender Freiheit der Grundrisse zeigen 1969 die Mittelpunktschule «In den Berglen» bei Oppelsbohm, 1973 das Progymnasium und 1982 die Hauptschule, beide in Lorch.

Erdgeschoss des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Lünen von Hans Scharoun. Funktionale Differenzierung in Grundschule, Hauptschule und Gymnasium.

Vitruvs «Utilitas» und «Venustas» haben die Behnisch Architekten interessiert – die «Firmitas» nicht so vorrangig, was ihnen in manchen Architektenkreisen viel Kritik einbrachte. Dennoch, ihre Schulen haben mit den Maximen Hinwendung zum Schüler (und Lehrer) und flexibles Nutzungsangebot das ganze Metier geprägt. Atmosphäre, Stimmung und Lebensgefühl waren die Parameter, die über das Funktionale hinaus bei Gestaltung und Farbgebung im Fokus standen.
Behnisch, der dogmatische Antidogmatiker, ist das auf architektonisch informelle Weise angegangen; nicht weitab von anthroposophischen Vorstellungen, die sich ja auch von klassischen, vitruvschen Zusammenhängen von Form und Geist distanzieren. Freilich hat er nicht angestrebt, Vitruv oder Mies durch ein eigens definiertes Formenrepertoire (oder gar einen Stil) zu ersetzen wie Rudolf Steiner, sondern er versuchte, die architektonischen Formen von ihrer semantischen Fracht zu befreien, ihnen den Ernst zu nehmen, bis hin zu dekonstruktivistischen Elementen.

Heute verfolgen Behnisch Architekten und die Schüler von Günter Behnisch dieselben Maximen in architektonisch disziplinierter Weise. «Das Gebäude organisiert das Raumprogramm einer Schule so, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Unterrichts- und Lernarrangements möglich ist, ohne die Prägnanz und Klarheit architektonischer Lösungen zu vernachlässigen», heißt das dann zum Beispiel in den Leitlinien Pädagogische Architektur der Montag Stiftung. Vielleicht wird das Anliegen deutlich, wenn man sich das Gegenmodell besieht, etwa die Grund- und Hauptschule Berlin Hohenschönhausen von Max Dudler. Der wuchtige, grün-schwarze, 300 m lange, gebogene Riegel mit schematischen Querflügeln hat sich nie der Sympathie der Bürger erfreut.
Es gibt gemäßigtere Beispiele, das Kepler-Gymnasium in Freiburg zum Beispiel (Ernst Spycher), oder das Schulhaus Brühl 2 in Gebenstorf (Burkard Meyer Architekten), die jedoch auch mehr an architektonischer Ordnung und Disziplin als an Lern- und Lebenslust orientiert zu sein scheinen. Sie repräsentieren «saubere», ehrenwerte, tadellose Architektur zweifellos; wenn nur die ungebärdigen Schüler nicht wären! Solche Bauten entstehen durch architektonische Entwurfsroutine, bei dem ein Funktionsschema aufgestellt und dann in eine räumlich-gestalterische Ordnung gebracht wird. Dass dabei eine Reihe von Aspekten gänzlich ausgeblendet wird, erweist sich erst im späteren Gebrauch – leider findet ein Feedback kaum statt.

Grund- und Hauptschule Berlin Hohenschönhausen von Max Dudler. Der wuchtige, grün-schwarze, 300 m lange, gebogene Riegel mit schematischen Querflügeln hat sich nie der Sympathie der Bürger erfreut.

Immerhin, es sind die Architekten selbst, die auf die neuen Herausforderungen durch Ganztagesschule und Inklusion, Lernen in Kleingruppen usw. reagieren. Es ist der BDA, der 2013 die in Zusammenarbeit mit der Montag Stiftung und dem Verband Bildung und Erziehung herausgegebenen Leitlinien «Pädagogische Architektur» propagierte. Ausdrücklich ist darin von Atmosphäre, Gestalt, Wertschätzung und Orientierung, Anpassung und Raumqualität die Rede. Die Zielsetzung ist eine sozialästhetische. Es geht um die Bedürfnisse der Lehrenden und der Lernenden, die Pädagogik muss die Prioritäten setzen, die Architekten sollen sie umsetzen.
Ein normatives Raumprogramm wird nicht vorgegeben, statt dessen Orientierungen, die im «Planungsprozess individuell zu konkretisieren sind». Als Aspekte der Veränderung werden unter anderem genannt: vom Klassenraum zum Lernort, vom Fachraum zum Mehrzweckraum, von der Bibliothek zum Selbstlernzentrum, von der Aula zum Marktplatz, vom Speiseraum zur Mensa+ (was immer darunter zu verstehen ist), von der Turnhalle zum Bewegungszentrum, vom Pausenhof zum Lebensort, von der Schule zum Bildungs- und Nachbarschaftszentrum.

Frank Hausmann, Florence Pfaff: Das offene Klassenzimmer

Es geht also in der Summe um den Wandel der Lehranstalt zum Lebensraum.
Dieses Schlagwort hat es allerdings in sich. Mit einem Satz ist ein fundamentaler Widerspruch gefasst: Lernen verlangt Konzentration, Ungestörtheit. Mit Leben ist hier Ausleben gemeint, Emotion, Bewegung, (laute) Interaktion, speziell bei Kindern. Bisher hat man Schulstunde und Pause, emotionslose Konzentration versus wilde Freiheit streng getrennt. Wenn beides parallel möglich sein soll, gibt es Handlungsbedarf, nicht nur für die Architekten.
Aber auch der erste Punkt – vom Klassenraum zum Lernort – hat es in sich: Wie soll gelernt werden – frontal, in der Gruppe, in der Kleingruppe, zu zweit, allein? Das pädagogische Konzept ist räumlich äußerst relevant. Hier sind die Pädagogen als Bauherren gefragt.
Soweit so gut, Aber was bedeutet das für die Architekten? Für sie kann es ganz schön kompliziert werden: Zusammen mit Behörden, Träger, Pädagogen, und nicht zu vergessen die Eltern, arbeitet man in der Konzeptionsphase. Das bedeutet, der Architekt hat nicht mehr die Deutungshoheit und die Kontrolle über das Verfahren; ein schmerzlicher Verlust. Am einfachsten noch ist die Konstellation, wenn der Schulträger Inhalte und Raumprogramm vorgibt. Ist der Schulträger hingegen pädagogisch allzu offen, ergibt sich womöglich ein langwieriger interaktiver Prozess.

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