Neue alte Hochhäuser

Ulf Meyer
21. August 2019
Das Finnlandhaus im städtischen Kontext (HPP Architekten, Foto: Hagen Stier)

Technisch, ästhetisch und auch sozial entsprechen die Gebäude der 1960er-Jahre heute oft nicht mehr den Anforderungen und müssen aufwändig saniert werden. Eine riesige Aufgabe für Architekt*innen angesichts der Vielzahl von Gebäuden aus dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Zu den markanten Gebäuden des „Mid-Century Modernism“ gehören Hochhäuser, die Mitte des Jahrhunderts zu unübersehbaren Elementen in den Silhouetten vieler Städte in Deutschland wurden. Als Pionier dieser amerikanischen Bautypologie gilt hierzulande das Architekturbüro HPP aus Düsseldorf. Die beiden namensgebenden Architekten Hentrich und Petschnigg entwarfen Hochhäuser im „International Style“ in mehreren deutschen Großstädten wie dem TÜV-Turm in Köln, dem Unilever-Tower in Hamburg oder dem Europa-Center in Berlin. Wenn sie nun reihenweise renoviert werden, sollen sie gleich modernen Anforderungen der Arbeitswelt gerecht werden und neue architektonische, wirtschaftliche, technische und vor allem ökologische Standards erfüllen.

Ursprünglich gebaut und Jahrzehnte später modernisiert von HPP: Das Dreischeibenhaus in Düsseldorf (HPP Architekten, Foto: MOMENI Gruppe)
Düsseldorf: Zusätzliche Primärfassade für das Dreischeibenhaus

Für das Büro HPP ist es ein Sonderfall, dass die Architekt*innen ihre eigenen Bauten sanieren können: In Düsseldorf beispielsweise modernisierten sie 2015 das Dreischeibenhaus, eine elegante Ikone der der Wirtschaftswunder-Jahre und des Rheinischen Kapitalismus. Die Fassade wurde dabei – natürlich unter strenger Berücksichtigung des Denkmalschutzes – auch an heutige energetische Standards angepasst, indem geschossweise eine zusätzliche Primärfassade von innen eingesetzt wurde. Die äußere, tragende Fassade inklusive Brüstung blieb in ihrer Erscheinung unangetastet, sodass die Proportionen des schmalen Hochhauses von 1960 schlank blieben. Ziel der Sanierung war es, die charakteristischen Eigenschaften des Turms zu erhalten, nachdem der Bauherr im Jahr 2010 aus dem Hochhaus auszog. Das Raumklima war angesichts alternder Haustechnik teils unkomfortabel und die Fenster ließen sich nicht öffnen. Für eine natürliche Luftzirkulation wurden die Scheiben der neuen Fassadenebene oben und unten mit einem 12 Zentimeter großen Abstand zum Rahmen montiert, ergänzt von der inneren Fassade, die geöffnet werden kann. Nach der Demontage der Luftzugkästen unter den Fenstern sind die Büroräume sogar etwas größer. In den Zwischenraum der Scheiben haben die Architekten einen außen liegenden Lamellen-Sonnenschutz eingebaut, die die Räume automatisch verschatten kann. Die Eingangshalle haben HPP gemäß dem ursprünglichen Bauzustand farblich und materialgetreu wiederhergestellt. Die Dachflächen auf dem 21. Obergeschoss sind nun eine begehbare Terrasse und durch die Verlagerung der Gebäudetechnik aus dem 23. und 24. Obergeschoss auf die einzelnen Stockwerke konnten zwei Büro-Etagen hinzugewonnen werden. So wurde die liebevolle, aber aufwändige Sanierung wirtschaftlich erleichtert.

Den Münchner HVB-Tower sanierte Henn (Foto: HG Esch)
München: HENN behält Details des HVB-Towers bei

Bei der Sanierung des HVB-Towers in München wählten HENN Architekten eine ähnliche Lösung. Bei dem Gebäude der Architekten Walther und Bea Betz haben sie im Zuge des Umbaus 2017 die einschalige Fassade durch eine zweischalige Elementfassade ersetzt. Das denkmalgeschützte Hochhaus der Architekten Walther und Bea Betz sollte in seinem Ausdruck en détail erhalten bleiben – zugleich musste die Fassade aber energieeffizient umgestaltet werden. Die ehemals einschalige Fassade wurde wie beim Thyssen-Hochhaus in Düsseldorf nach innen durch eine zweischalige Elementfassade ersetzt. Die innere Schale besteht aus einem akustisch wirksamen Brüstungspaneel und einem Kipp-Öffnungsflügel mit Isolierverglasung. Die Bankmitarbeiter können die inneren Öffnungsflügel per Tastendruck elektrisch kippen und schließen; alternativ geht das auch über eine zentrale Steuerung. Die Perforation der Fassaden-Elemente für die Frischluftzufuhr ist so gestaltet, dass sie von der Straße aus nicht wahrnehmbar ist. Die alten Fassadenelemente wurden einer sortenreinen Trennung unterzogen. Alle nicht nutzbaren Teile konnten rezykliert und die Aluminium-Brüstungspaneele gesäubert und wiederverwendet werden. Das in München prägende Hochhaus sieht nach der Sanierung – ganz der Bestellung entsprechend – aus wie zuvor.

Das „Finnlandhaus“ in Hamburg wurde von HPP gebaut und saniert (HPP Architekten, Foto: Jan Heinze)
Hamburg: HPP sanieren das „Finnlandhaus“

Das gilt auch für die Revitalisierung des „Finnlandhauses“ in Hamburg an der Alster von 1966, das seit 2002 unter Denkmalschutz steht. Ein halbes Jahrhundert später haben HPP Architekten das Mini-Hochhaus ebenfalls revitalisiert. Interessant ist das 50 Meter-Bürohochhaus wegen seiner Hängekonstruktion: Zuerst wurde der Stahlbetonkern errichtet und danach acht vorgespannte Kragarme betoniert, von denen die zwölf Regelgeschosse abgehängt wurden. Gebaut wurde das „Finnlandhaus“ damals also erstmalig mit Hilfe einer Schalungsplattform von oben nach unten. Die Sanierung sah hier die Wiederherstellung der Fassade vor und im Inneren einen Rückbau bis auf die Grundstruktur. Das Haus entspricht nun den Anforderungen an ein zeitgemäßes „Multi-Tenant-Gebäude“, das verschiedenen Mietern dient.

C10 von Staab Architekten nach der Sanierung (Foto: Jtb at the German language Wikipedia CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)
Darmstadt: Staab Architekten geben C10 neue Fassade

Dass auch die Neugestaltung einer Hochhaus-Fassade der richtige Weg sein kann, zeigt das Hochschul-Hochhaus von 1965 in Darmstadt: Staab Architekten sanierten das Gebäude „C10“ hinsichtlich sommerlichen Wärmeschutz, Energieeffizienz und Brandschutz. Die Architekt*innen haben sich getraut, die Proportion des Altbaus zu verändern: Die Erweiterung bietet Raum für einen Feuerwehr- und einen weiteren Personenaufzug. Der vier Meter breite Anbau ist eine Fortschreibung des bestehenden Achssystems. Die beiden Längsfassaden des im Grundriss rechteckigen Turms sind im Bestand und Anbau genau gleich, sodass der Anbau visuell nicht ablesbar ist. Er enthält Lager, Archive und Teeküchen. An der Südfassade hingegen hat Volker Staab auffällige, dreidimensional gefaltete Sonnenschutzelemente aus eloxiertem Aluminium-Blech montieren lassen, die den architektonischen Ausdruck des Hauses umkrempeln. Die 368 feststehenden Verschattungselemente haben die Architekten zusammen mit dem Büro Transsolar entwickelt. Diese sind so konzipiert, dass Sonnenlicht zu unerwünschten Zeiten nicht in das Gebäude eindringen kann, aber genügend Tageslicht. Aufgrund seiner Fassadenstruktur wird das Gebäude „Käsereibe“ genannt.
Die neue Farbgestaltung erleichtert die Orientierung im Gebäude. Die Wände des Kerns sind in einem warmen Braun-Ton gestrichen, die Aufzugsvorräume kräftig rot und die Wände der Nutzbereiche weiß. Die Architekten haben sich noch ein besonderes Recycling-Detail einfallen lassen: In den Rücksprüngen einer Flurwand haben sie Sitznischen eingerichtet, deren Sitzflächen mit Marmorplatten aus der früheren Fassadenbekleidung belegt sind. 
Das C-10-Hochhaus ist mit einer Höhe von 66 m das höchste Gebäude in Darmstadt und bietet eine Aussicht auf Innenstadt bis zur Mathildenhöhe, bei gutem Wetter sogar bis zum Taunus, den Odenwald und der Skyline Frankfurt. Dort sind noch viele weitere Büro-Türme zu sehen, die bald saniert werden müssen.

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