Kulturtransfer China – Deutschland

Eduard Kögel
23. Februar 2016
Chen Kuen Lee, Haus Dr. Gilliar, Nabburg, Deutschland, 1966-68, (Bild: A. Körner, © bildhübsche Fotografie)

Chen Kuen Lee verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Deutschland. Als Architekt prägte er die Tradition des «Neuen Bauens» mit. Die kürzlich bereits in Stuttgart gezeigte Ausstellung über seine Arbeiten ist nun nach Berlin «gewandert» und noch bis Ende März zu sehen.

Der in Wuxing (五星) in der Provinz Zhejiang geborene Chinese Chen Kuen Lee (李承寬, 1914–2003) verlies im Spätsommer 1930 zusammen mit einem Onkel Shanghai. Der Onkel hatte als Rechtsanwalt mit den Siemens-Schuckert-Werken zu tun und animierte den Neffen zu einer Ausbildung in Deutschland. Bis zum Vordiplom studierte Lee Architektur in Braunschweig und kam dann an die Technische Hochschule Berlin, wo er 1937 als Diplom-Ingenieur abschloss. Durch den japanischen Überfall auf China im selben Jahr verblieb er in Berlin, um hier Berufserfahrung zu sammeln und die Entwicklung in seiner Heimat abzuwarten.

Assistenzzeit bei Hans Scharoun
Nachdem in Deutschland 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, emigrierten fast alle Architekten der Moderne, da sie von den neuen Machthabern angefeindet und verfolgt wurden. Lee fand 1937 als Assistent bei Hans Scharoun, einem der letzten in Deutschland verbliebenen Architekten der Moderne, einen Arbeitsplatz. In dessen Büro arbeitete er bis 1943 und lernte in einer Nische verbliebener bürgerlicher Kultur im Geiste der Weimarer Republik die Konzepte der modernen Avantgarde unter dem ideologischen Druck der deutschen Nationalsozialisten neu zu denken. Zusammen mit Hugo Häring und Hans Scharoun diskutierte Lee in einem privaten Gesprächszirkel zwischen 1941 und 1943 Aspekte traditioneller, chinesischer Architektur. Die Nationalsozialisten forderten in dieser Zeit ein traditionelles «deutsches», steil geneigtes Dach, im Gegensatz zur Vorliebe der Architekten der Moderne für das Flachdach. Häring, Scharoun und Lee fanden den eleganten Ausweg zur «Dachlandschaft», die ihnen über die Schriften von Ernst Boerschmann als typisch Chinesisch vermittelt wurden. Boerschmann spielte in dieser Zeit eine wichtige Rolle für chinesische Studenten, da er sie teilweise während des Krieges mit Geld versorgte oder durch Bittbriefe vor Verfolgung schützen konnte.

Nachkriegsjahre und Bürogründung 
Als die Kriegsentwicklung 1943 bedrohlich auch die deutsche Hauptstadt erreichte, verhalf der renommierte Chinaforscher Ernst Boerschmann dem jungen Lee sogar zu einem Stipendium für eine Dissertation zum traditionellen Städtebau in China, an der er bis 1949 in Bad Pyrmont und an der Nordsee arbeitete, die er aber nach dem Tod Boerschmanns 1949 nicht abschließen konnte. Dennoch wirkten sich die Jahre bei Boerschmann nachhaltig aus, denn über dessen Sammlung von Dokumenten, Fotos, Pläne und seine Publikationen lernte Lee die traditionelle Architektur seiner Heimat von wissenschaftlicher Seite kennen und war später in der Lage, diese Kenntnis in abstrakter Form für seine Idee der Architektur nutzbar zu machen. Nach Aufhebung der Berlin-Blockade 1949 kehrte er in das Berliner Büro von Hans Scharoun zurück, bevor er 1953 seine eigenen Büros in Stuttgart und Berlin eröffnete. 

Chen Kuen Lee, Haus Audry, Steinfort, Luxemburg, (Bild: M. Koch)

China-Restaurants, Villen und sozialer Wohnungsbau
In ersten Aufträgen befasste sich Chen Kuen Lee mit der Innenausstattung von China-Restaurants in Berlin, von denen heute keines mehr erhalten ist. Mit eleganten Schwüngen, abstrakten Dekorationen und leichtem Mobiliar gelang ihm eine zeitgenössische Interpretation jenseits jeder platten Chinamode, die dennoch atmosphärisch dem fernen Osten verpflichtet war. Sein eigentliches Metier wurde jedoch der Wohnungsbau. Mit frei stehenden Villen in der Landschaft oder im urbanen Kontext machte sich Lee in den späten 1950er-Jahren einen Namen weit über die deutschen Grenzen hinaus. In- und ausländische Fachzeitschriften veröffentlichten seine kristallinen Bauten und er konnte im Laufe seiner Karriere mehr als sechzig Projekte unterschiedlicher Größe realisieren. Der größte Komplex umfasst mehr als 1200 Wohneinheiten für den sozialen Wohnungsbau im Märkischen Viertel in Berlin, die vor kurzem saniert wurden. 

Lee entwickelte jede Aufgabe aus dem konkreten Kontext und bezog die umliegende Landschaft als wichtiges Gestaltungselement in die Planung ein. Bei vielen Projekten arbeitete er mit Landschaftsarchitekten wie dem renommierten Hermann Mattern oder dessen Schüler Hannes Haag zusammen. Manche Entwürfe entstanden in Kooperationen mit ehemaligen Kollegen aus dem Büro Scharoun. So arbeitete oft der Designer Günter Ssymmank an extravaganten Treppen, Balustraden und Möbeln. Die elegante Innenausstattung und die teilweise raffinierte Einbindung der Bauten in die Landschaft brachten Lösungen hervor, die ein Leben in und mit der Natur ermöglichten. Die wie gefaltet wirkende Dachlandschaft seiner Bauten, die polygonalen Grundrisse und die offenen Gemeinschaftsräume standen im Gegensatz zur üblichen Idee des kleinteiligen Hauses in Nachkriegs-Westdeutschland.

Chen Kuen Lee, Haus Dr. Gilliar, Nabburg, Deutschland, 1966-68, (Bild: A. Körner, © bildhübsche Fotografie)
Chen Kuen Lee, Haus Dr. Gilliar, Nabburg, Deutschland, 1966-68, (Bild: A. Körner)

Zwischen China und Deutschland
Chen Kuen Lee sah sich in der Tradition des Neuen Bauens in Deutschland und verstand sein Raumkonzept in Anlehnung an den amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright als Spielart der organischen Architektur. Entscheidend für seine Haltung war jedoch der erste Arbeitgeber Hans Scharoun und dessen Freund Hugo Häring, mit denen er während der Kriegsjahre theoretische Probleme einer neuen Architekturauffassung diskutierte. Das chinesische Naturverständnis und die traditionellen Vorbilder seiner Heimat lernte er als junger Mann von Ernst Boerschmann. Der Diskurs des Philosophen Jean Gebser über eine aperspektivische Welt, in der die Zentralperspektive durch ein poly-fokussiertes, fließendes Weltbild abgelöst wird, festigte die Haltung und fand ihre Entsprechung in den alten chinesischen Rollbildern, die in einem fortlaufenden Bewegungsfluss erfahrbar werden. Das Amalgam aus einem abstrakten chinesischem Naturverständnis und den Möglichkeiten der radikalen Moderne, brachte beeindruckende Raumkonzepte hervor, die bis heute ihre Kraft bewahren konnten. Die Architektur von Chen Kuen Lee in Deutschland ist spektakulär und einige seiner Bauten stehen bereits unter Denkmalschutz.

Chen Kuen Lee, Märkisches Viertel, Wohnblock, Berlin, Deutschland 1972, (Bild: Andreas Körner, © bildhübsche Fotografie)
Chen Kuen Lee mit Lehrenden der Tunghai Universität in Taiwan, Archiv Wen-Chi Wang

Chen Kuen Lee ( 1914 – 2003)
Nach Ende seiner aktiven Laufbahn als Architekt in Deutschland lehrte Lee in den 1980er-Jahren als Gastprofessor an der Tunghai Universität in Taiwan und konnte bis Mitte der 1990er-Jahre noch einige Projekte verwirklichen. 1981 besuchte ihn der ehemalige Architektur-Dekan der Tongji-Universität, Feng Jizhong (冯纪忠), den er noch von seiner Schulausbildung in Shanghai und von dessen Studium in Wien während der 1930er-Jahre kannte. Auf Einladung Fengs kam Lee dann auch Mitte der 1980er-Jahre zu seinem einzigen Besuch nach Shanghai und hielt einen Vortrag an der Universität. 

Zur Ausstellung «Chen Kuen Lee»
ifa-Galerie Berlin, Linienstraße 139/140, 10115 Berlin
Dienstag – Sonntag 14 – 18 Uhr
Montags und an Feiertagen geschlossen
22.01.2016 – 24.03.2016
Weitere Informationen

Dieser Text erschien zuerst für das Magazin des Goethe-Institutes in China.

Dr.-Ing. Eduard Kögel befasst sich mit der Architekturgeschichte im Kontext der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. Dabei steht der Austausch zwischen Asien und Europa als ein Schwerpunkt im Vordergrund seiner wissenschaftlichen Aktivitäten. Eduard Kögel kuratiert die Plattform chinese-architects.com

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