Kultur-Akropolis

Ulf Meyer
10. Juli 2019
Ansicht von der Schlossbrücke (Foto: © Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects)

Die James-Simon-Galerie komplettiert die Museumsinsel in Berlin. Die Funktion des Neubaus ist dabei eher symbolischer Art, denn er dient als Tor zum vielfältigen musealen Angebot.

Berlin wäre gern wie Paris und die Museumsinsel so beliebt wie der Louvre. So wie I. M. Pei der verworrenen Erschließungssituation im Grand Louvre mit seiner gläsernen Pyramide einst wie im Handstreich mit einem Schlag Ordnung gegeben und eine „Adresse“ des Museums geschaffen hat (und zugleich nach jahrelangen Anfeindungen ein architektonisches Meisterwerk schuf), so soll die neue James-Simon-Galerie zur zentralen Anlaufstelle für die Besucher der Berliner Museumsinsel werden. Namensgeber des Neubaus ist der Berliner Kunst-Mäzen James Simon (1851–1932), der den Berliner Museen seine Kunstsammlungen und Grabungsfunde vermachte. Das Besucherzentrum für die fünf Museen wurde im Dezember 2018 übergeben, nun wird es eröffnet. Das Werk von David Chipperfields Berliner Büro ist für Berlin wichtig: Nicht nur, weil die Museumsinsel (neben den Siedlungen der Moderne) die einzige historische UNESCO-Weltkulturerbestätte der deutschen Hauptstadt (seit 1999) ist, sondern auch, weil sich die Staatlichen Museen immer wieder als Bauherren ohne Geschmack, Stilsicherheit und Kompetenz erwiesen haben und hunderte Millionen von Euro Steuergelder für Neu- und Umbauten ausgeben. Weil die Museumsinsel der Heilige Gral der Berliner (und Bundes-) Museums-Landschaft ist, wurde die Frage, ob ein konservativer oder moderner Entwurf an dieser Stelle geeignet sei zu einem wichtigen Punkt im Berliner Architekturstreit. Chipperfields Neubau löst diesen gordischen Knoten, denn die Gestaltung der James-Simon-Galerie ist progressiv und konservativ zugleich. Das gelingt nur, weil Chipperfield im Klassizismus nicht (allein) den Vorläufer der karikaturhaften Nazi-Architektur sieht, sondern im Gegenteil die Baukunst der Demokratie und des Bürgertums.

Verbindung zum Pergamonmuseum (Foto: © Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects)

Das neue Eingangsgebäude für die Berliner Museumsinsel liegt zwischen dem Kupfergraben und der Westfassade des Neuen Museums auf einem langen, schmalen Grundstück. Es enthält nur wenig Programm: Neben den Einrichtungen für Museumsbesucher gibt es einen kleinen Raum für Wechselausstellungen und ein Auditorium mit 230 Sitzplätzen.

Die Form des Baukörpers ist einfach: Über einem steinernen Sockel liegt ein hoher Säulengang, der die bestehende Stüler’sche Kolonnade fortführt und einen kleinen Hof formt. Der schlanke Gang reicht nun vom Pergamonmuseum bis fast zur Spree. Eine breite Freitreppe führt Besucher hinauf zu einem „Stadt-Balkon“ und eine schmale Stiege hinab zum Wasser. Im neun Meter hohen Pfeilerwald fühlt man sich wie auf der Akropolis von Athen. Das Foyer öffnet sich zu einer Terrasse über die gesamte Länge des Gebäudes. Das verglaste Museums-Café thront hier  wie ein Hochsitz. Chipperfields klare und strenge Ästhetik überführt an dieser Stelle das Pathos der Klassik ganz leger in die Spätmoderne. Die fantastischen Ausblicke ringsum fallen nicht zuletzt auf das von Chipperfield selbst entworfene Galeriehaus am Kupfergraben und natürlich das von ihm umgebaute Neue Museum, das 2009 seinen Ruhm in Deutschland begründete und ihn zum inoffiziellen Hausarchitekten der „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ machte. Derzeit renoviert Chipperfield für den selben Bauherren Mies‘ Neue Nationalgalerie am Kulturforum – ein nicht minder delikater Auftrag.

Ansicht von der Terrasse auf Kupfergraben und Lustgarten (Foto: © Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects)

Hauptaufgabe der James-Simon-Galerie ist es, die 2,5 Millionen Besucher jährlich (das entspricht etwa 8000 pro Tag) zu lenken und ihnen „Information, Orientierung, Übersichtlichkeit und Gastlichkeit“ zu bieten. Unter dem Foyer liegen Museumsshop, Garderobe, WCs und Schließfächer. Chipperfield hat alle Funktionen in den Sockel seines Neubaus verbannt, um in der Etage „darüber völlig frei“ zu sein, wie er sagt. Als Verteiler soll der Neubau eilige Bus-Touristen schnell zu den wichtigsten Exponaten bringen. Jede der drei Etagen des Neubaus ist deshalb als Durchgang konzipiert: Im Obergeschoss gelangen Besucher ins benachbarte Pergamonmuseum, im Parterre in das Neue Museum und im Tiefgeschoss in die Archäologische Promenade, die zum Neuen-, Alten- und dem Bode-Museum führt. Die Eingänge der fünf Museen bleiben auch nach der Einweihung der Simon-Galerie erhalten. Zugleich reorganisiert der Neubau die stadträumlichen Beziehungen und den Zugang zur Museumsinsel und zelebriert den „Zugang zu den Schätzen, die die Museen bergen“, wie die Architekten es nennen. 

Im Licht glitzernde Marmorzuschläge in den hellen Beton-Fertigteilen binden das Gebäude farblich in die Stein- und Putzfassaden der Museumsinsel ein. Im Inneren des Neubaus dominiert hingegen glatter Sichtbeton, dessen Kälte mit Walnuss- und Eichenholz-Oberflächen, Handläufen und Beschlägen aus Bronze und Fußböden aus Muschelkalk gemildert wird. Alle Details sind handwerklich von hoher Qualität.

Terrasse (Foto: © Luna Zscharnt für David Chipperfield Architects)

Dass die James-Simon-Galerie ein architektonischer und städtebaulicher Erfolg werden würde, war lange nicht abzusehen, denn ihr Bauherr irrlichterte durch die lange Planungsgeschichte: Der Entwurf, den wir heute sehen, wurde nie zu einem Wettbewerb eingereicht und über ihn ist auch nie entschieden worden. Denn es ist die bis zur Unkenntlichkeit überarbeitete zweite Variante eines Entwurfs, der allerdings im groß ausgelobten, internationalen Wettbewerb nicht gewonnen hatte. Chipperfield hatte den 2. Platz im Wettbewerb belegt und Giorgio Grassi den ersten. Der italienische Rationalist scheiterte jedoch und der 4.-Platzierte Frank O. Gehry aus Los Angeles wurde daraufhin (zusammen mit Chipperfield) eingeladen, seinen expressiv-dekonstruktivistischen Entwurf zu überarbeiten. Erst in dieser Phase begann Chipperfield einen Entwurf zu ersinnen, der die neo-klassische Eleganz bemüht, städtebaulich eine „kritische Restaurierung“ anstrebt und Chipperfield schließlich den prestige-trächtigen Auftrag für die sensible Schließung der Baulücke am Kupfergraben einbrachte. Sein Wettbewerbsbeitrag sah Steg-Glas-Fassaden in einem schlichten Kubus vor. Die Planung wurde durch den Bund gestoppt. Noch nachdem der Bundestag die zunächst geplanten Baukosten in Höhe von 73 Millionen Euro bewilligte, formierte sich Kritik: Eine Bürgerinitiative forderte ein Volksbegehren gegen den Entwurf. Erst Chipperfields Entwurf von 2007 fand Konsens. Selbst dann dauerte die Umsetzung noch elf lange Jahre. Angesichts der Konflikte um den Neubau des Museums der Moderne von Herzog de Meuron an dem dauerhaft vermasselten Kulturforum in Berlin lässt das traumwandlerische Verhalten des Bauherren Böses erwarten.

Oberes Foyer (Foto: © Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects)

Aber nun steht sie da: Die Berliner Louvre-Pyramide. Chipperfield hat sich mit diesem zweiten Geniestreich so stark in das Ensemble der Berliner Museumsinsel eingeschrieben wie vor ihm wohl nur Karl Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler. Die James-Simon-Galerie bindet die bestehenden Bauten zusammen und krönt damit die Idee Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der das Konzept der tempel-artigen Museumsinsel einst formuliert hatte, als „Freistätte für Kunst und Wissenschaften“.

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