Gemeinsam!

Inge Beckel
14. Juni 2017
Gemeinschaft im Haus... (Bild: Mark Niedermann)

«Together!», heißt die neue Ausstellung im Vitra Design Museum. Ihr Thema ist das gemeinschaftliche Wohnen, zu sehen sind Bauten aus Europa und darüber hinaus. Worauf sie gleichzeitig hindeutet, ist ein Wechsel vom Quantitativen zum Qualitativen.

Verantwortlich für die Ausstellung sind Ilka und Andreas Ruby sowie Mattias Müller und Daniel Niggli vom Zürcher Büro EM2N. Das Kuratorenteam bespielt in Weil am Rhein vier Räume: einleitend einen historischen. Dort werden Vorläufer und Ideen des gemeinschaftlichen Wohnens (und Arbeitens) gezeigt. So thematisiert etwa eine Tafel New Lanark in Schottland, eine Produktionsgemeinschaft, die im frühen 19. Jahrhundert unter Robert Owen berühmt wurde. Oder es läuft ein Film zur Jugendbewegung im Zürich der frühen 1980er-Jahre. So gehören zum gesellschaftspolitischen Kontext nicht allein Bauten, sondern ebenso Besetzungen, squatting, und andere Formen zivilen Ungehorsams.

Der nächste Raum ist ganz anders: Erhöht steht eine Ansammlung von 21 Projekten, nachgebaut im Maßstab 1:24. Es gibt zahlreiche Beispiele aus der Schweiz – in der Tat hat das Land hinsichtlich gemeinschaftlichen Wohnungs- respektive Siedlungsbaus international eine Vorreiterrolle inne. Gleichzeitig werden vergleichbare Projekte zum Beispiel aus Kopenhagen, Berlin, Wien, Seoul, Tokio oder Los Angeles diskutiert.

... und Gemeinschaft drumherum (Bild: Mark Niedermann)

Modellhaft
Den Ausstellungsmachern aber geht es nicht um die einzelnen Häuser, die – Solitären gleich – auf Sockeln thronen, sondern vielmehr um die Schnittstellen zum öffentlichen Raum. Um das Zusammentreffen von Privat und Öffentlich. Oder in Nigglis Worten darum, was Siedlungen an ihre Stadt zurückgeben können. Während das Innere der Bauten in den Modellen nur schematisch dargestellt ist, sind Straßenräume, Straßencafés, Fußwege, gemeinschaftliche Höfe oder Spielplätze im Detail und mit Maßfiguren nachgebaut. Das Ganze ergibt ein dichtes Stück Stadt, das die Qualitäten urbanen Wohnens beim Hindurchschlendern aufleben und einen zuweilen in mediterrane Gassen versetzt fühlen lässt.

Der dritte Raum nun wendet sich dem Innenleben zu und baut einen Ausschnitt aus einer Clusterwohnung nach. Während in der Schweiz oder etwa auch in Deutschland der Flächenkonsum pro Einwohner bei gegen 50 Quadratmetern liegt, gehen die Kuratoren von 35 pro Person aus. Beim Rundgang betritt man den gemeinschaftlichen Ess- und Aufenthaltsbereich, von dem aus man in private Cluster gelangt, etwa eine Einheit einer alleinerziehenden Mutter mit Kind. Der Ort ist anschaulich und macht die Nähe untereinander, ebenso die Rückzugsmöglichkeiten in derlei Grundrissen physisch spürbar. Der vierte Raum im Obergeschoss des für diese Ausstellung offen und hell belassenen Gehry-Baus ist eine Art Arbeitsbereich. Konkret werden fünf Projekte mit ihren Entstehungsprozessen und die Art der Finanzierung aufgerollt. Denn nicht alle Projekte wurden bottom up entwickelt. Längst gibt es professionelle Investoren, die sich für derlei Wohn- und Lebensformen interessieren.

Spreefeld Berlin (Bild: Ute Zscharnt)

Nun muss hier gleichzeitig erwähnt werden, dass – neben den vorgestellten historischen Beispielen – gemeinschaftliches Wohnen und entsprechende Siedlungen und Häuser länger schon diskutiert und gebaut werden. Man denke etwa an die vielen selbst organisierten Hausgemeinscheinschaften insbesondere von älteren Menschen. Als frühes Beispiel einer stark auf die Gemeinschaft hin konzipierten Siedlung sei weiter exemplarisch Halen (1955–62) des Atelier 5 genannt. Oder aus Österreich die Siedlung Alt Erlaa aus den 1970er-Jahren in Wien von Architekt Harry Glück (1925–2016), wo sich einerseits ein Schwimmbad auf dem Dach – wie auf einem der ausgestellten Projekte – und andererseits sehr unterschiedliche Lebensgemeinschaften finden, die sich einfach über mehrere Wohnungen organisieren (vgl. Schweizer eMagazin 16/14). Eine Lösung, die generell oft praktiziert wird.

Individualität trotz Gemeinschaft – Wohnen im Cluster (Bild: Mark Niedermann)
Spreefeld Berlin (Bild: Ute Zscharnt)

Mehr qualitativ denn quantitativ
Vergegenwärtigt man sich das heute Gebaute, muss man ehrlicherweise sagen, dass die Wohn- und Lebensformen, die die Ausstellung thematisiert und in ausgewählten Beispielen zeigt, wohl kaum ein Prozent am Gesamtvolumen ausmachen. Gleichzeitig ist das Thema aktuell und beschäftigt heute viele Menschen. Denn eines ist klar: Obwohl noch immer ein Großteil des Gebautem Wohnungen aufweist, die mehr oder weniger, mit Blick auf das bürgerliche Familienmodell, normiert sind, haben sich die Lebensformen der Menschen längst diversifiziert und mehrfach facettiert.

​Neben der Kernfamilie gibt es Patchworkfamilien, die verschiedensten Paare beherbergen: Studierende, Alleinlebende oder «unvollständige Familien», wie sich die Schweizer Architektin Berta Rahm 1950 ausdrückte. Darunter verstand sie «verwitwete, geschiedene oder unverheiratete Frauen mit eigenen oder Adoptivkindern, Großmütter mit Enkeln, Geschwister, Vater mit Tochter oder Sohn sowie Freundinnen, Studienkameraden, Arbeitskollegen, die es vorziehen, als Wohnpartner zusammen zu hausen» (Bertha Rahm, «Wohnmöglichkeiten für Alleinstehende», in: Werk, Nr. 11, 1950, S. 325–331). Rahm forderte schon damals vehement, den Fächer des Angebots zu öffnen und die Vielfalt der Lebensentwürfe auch im Bau der Wohnungen zu respektieren.

Arbeitsbereich in der Ausstellung (Bild: Mark Niedermann)

Was die Schau in Weil am Rhein ebenfalls klar macht, ist, dass das Streben nach «mehr» der Tendenz nach abnimmt. Anders formuliert, zeichnet sich am Horizont ab, dass Menschen wieder beginnen, mehr am Qualitativen denn Quantitativen Gefallen zu finden. Man denke an die reduzierte Fläche pro Kopf zugunsten jener der Gemeinschaft. Generell streben die präsentierten Bauten nicht nach Luxus, weder geht es um grandios ausgestattete Bäder oder Küchen noch um den neuesten technischen Schnickschnack. Was sich viele Leute heute offensichtlich wünschen, ist just nicht ein Mehr an Komfort und Luxus oder eine repräsentative Wohnung, sondern vielmehr menschliche Gemeinschaft, Austausch und Kommunikation, ohne auf ein individuelles – wenn auch kleines – «Nest» verzichten zu müssen.

Die Ausstellung ist bis zum 10. September 2017 zu sehen und bietet ein reichhaltiges Begleitprogramm. Dazu erschienen ist der Katalog «Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft».

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