Gelesen: The Bones of Architecture

Elias Baumgarten
18. September 2019
Lesenswert: «The Bones of Architecture» (Foto: Elias Baumgarten)

Jedes Bauwerk ist aus einer Vielzahl von Elementen zusammengesetzt. Das wichtigste ist seine Tragstruktur. Denn ohne sie würde es in sich zusammenfallen. Doch wie lassen sich aus ihr heraus Räume gestalten? Antworten auf diese Frage liefert das neue Buch «The Bones of Architecture».

Der technologische Fortschritt eröffnet Architekt*innen und Ingenieur*innen heute enorme Möglichkeiten bei der Ausgestaltung von Tragwerken. Jene können auf vielfältige Weise Generatoren architektonischer Formen sein. Die Freiheiten sind über die letzten Dekaden immens gewachsen. Das Buch «The Bones of Architecture», das beim Triest Verlag erschienen ist und unter Federführung von Mario Rinke entstand, fragt nach verschiedenen Positionen und Gestaltungsstrategien und möchte unterschiedliche Herangehensweisen bei der Entwicklung von Tragstrukturen bergen. Dazu werden von sieben europäischen Büros (6a architects, Alejandro Bernabeu, Brandlhuber+, Bruther Architects, Rui Furtado, ingegneri pedrazzini guidotti, Johansen Skovsted Arkitekter) jeweils drei ausgewählte Projekte präsentiert. Über 200 Fotos, Zeichnungen und Pläne werden dabei kombiniert mit kurzen Texten in englischer Sprache. So entsteht ein inspirierender Katalog. Dieser ist eine Einladung an die Leser*innen, beim Schmökern und Schauen selbst Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken. So lernt man beim Studium der Projekte beispielsweise, dass Arno Brandlhuber gerne robuste Strukturen zur freien Aneignung entwirft, während Johansen Skovsted mithilfe des Tragwerks klar definierte Räume mit eindeutigem Programm vorzugeben pflegt. Und während letzterer die Tragstruktur unauffällig ins Gewebe des Baus einflicht, entwickelt das Büro pedrazzini guidotti bisweilen kraftvolle und unmittelbar ablesbare Skelette.

Blick ins Buch (Fotos: Elias Baumgarten)

Ergänzt werden die Projekte durch zwei Aufsätze von Ákos Moravánsky, der sich mit der Kulturgeschichte anatomischer Konstruktionen in der Architektur auseinandersetzt, und von Herausgeber Mario Rinke. Hinzu kommen drei Interviews mit dem Ingenieur Rui Furtado, Arno Brandlhuber und Bruther Architects. Sie geben die Haltung der Befragten wieder und verdeutlichen ihre Sichtweise der Tragstruktur. Besonders spannend liest sich das Gespräch mit Rui Furtado, denn der Portugiese gibt Einblick in die Zusammenarbeit mit Gestalter*innen. Wir lernen dabei zum Beispiel, dass der Ingenieur und sein Team niemals nur eine Lösung für das Tragwerk offerieren, sondern stets versuchen, ein Konzept zu entwickeln, das alle weiteren Notwendigkeiten wie die Haustechnik oder das Gebäudeklima berücksichtigt.

Das 240 Seiten starke Buch dokumentiert, was kürzlich an der Ausstellung «The Bones of Architecture» in Lissabon gezeigt wurde. Trotz englischer Sprache lassen sich die Texte flüssig und ohne Anstrengung lesen. Die Gestaltung der Publikation ist aufgeräumt und sehr ansprechend. Von aussen wirkt das Buch mit Hardcover überaus wertig und fasst sich angenehm an. Schade allerdings ist, dass das Buch typografisch nicht zu Ende durchgearbeitet scheint, was beim Lesen gerade der längeren Essays unangenehm auffällt. Ein Wermutstropfen sind überdies die grobkörnigen Abbildungen: Mitunter wirken die an sich schönen und inspirierenden Fotos «verschwommen» und trübe.

The Bones of Architecture

The Bones of Architecture
Mario Rinke (Hrsg.)

170 x 240 mm
240 Seiten
200 Illustrationen
Hardcover
ISBN 9783038630449
Triest
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