Düsseldorf urban – oder: Düsselstadt

 Ulf Meyer
5. September 2018
Städtebaulich gibt es keine Ähnlichkeiten zwischen New York und Derendorf (Bild: Stefan Schilling)
Die Hauptstadt des größten Bundeslandes wächst auf ehemaligen Brachen. Ulf Meyer hat sich im Entwicklungsgebiet umgesehen.
Dass der Name „Düsseldorf-Derendorf“ das Wort „Dorf“ gleich zweimal enthält, ist irreführend. Tatsächlich gehört das „Neue Düsseldorfer Stadtquartier“ im Stadtteil Derendorf zu den urbansten Quartieren, die Düsseldorf zu bieten hat. Entlang der Bahnlinien zwischen Flughafen, Messegelände und Stadtzentrum ist in dem einst stark industriell geprägten Stadtteil Derendorf ein neues Viertel herangewachsen, das auf einem schmalen, „krawattenförmige“ Areal mit alternierende Bebauungsbändern vormacht, wie Städtebau in Mitteleuropa heutzutage geht: Das Kölner Büro ASTOC hatte in einem Workshop-Verfahren im Jahr 2000 ein Konzept mit öffentliche Freiräume, „Stadtgärten“ genannt, vorgeschlagen, dessen Erfolge nun zu besichtigen sind.

Die Baustruktur orientiert sich an der Bebauung der Gründerzeitviertel, ist in unterschiedliche Dichten gegliedert und hat im Süden eine (kleine) Hochhaussilhouette. Ein „urbanes und lebendiges Stadtquartier“ wollten die Planer ermöglichen, und legten deshalb die Erschließungsstraße neben die Bahntrasse nach außen, um das Quartier vor Lärm zu schützen. Die Hälfte der Flächen blieb unbebaut. Die Zwischennutzung der Bahnhallen wurden zum Katalysator der Entwicklung. Niedrige Mieten machten in den Hallen Nutzungen möglich, die das Areal im öffentlichen Bewusstsein verankert und einen positiven Standort-Effekt hatte. Entgegen der ursprünglichen Einschätzung fanden die Wohnungen eine stärkere Abnahme als die Büros.
Die FOM-Hochschule von J. Mayer H. hat Eingänge auf verschiedenen Ebenen (Bild: DavidFranck)
Dieses Phänomen erleben derzeit wohl alle deutschen Großstädte. Der Güterbahnhof Derendorf wurde 1990 stillgelegt. Die Stellwerke sowie die Gleisanlagen wurden abgerissen. Große Teile des Areals lagen brach. 2001 mit der Eröffnung des Flohmarktes Les Halles in den alten Güterbahnhofshallen, der durch ein Café, Club und Restaurant ergänzt wurde. Fahrradgeschäfte, Weinhandel, Theater, Restaurants, Mode- und Möbelgeschäfte etc. Ab 2005 wurden die alten Gebäude, beginnend mit der Güterbahnhofshalle, abgerissen. Das Industrieareal war einst von der Schlösser-Brauerei und dem Rheinmetall Konzern geprägt. Auf dem ehemaligen Rheinmetall-Gelände, dem Gelände der Ulanen-Kaserne sowie dem Schlachthof und der Brauerei wurde der „Entwicklungsbereich Derendorf Nord“ umgesetzt: Pionier war das Stadtquartier „Les Halles“ auf dem Gelände des Güterbahnhofs von dem Düsseldorfer Architekten Reiner Götzen (mit Jörg Toepel, Ringleben + Langenbahn und Fritschi Stahl Baum). Die Grundstruktur bildet nach Westen offene "U's". An der Straße liegen private Hausgärten. vier und sechs Vollgeschossen plus Staffelgeschosse. Jedes Haus unterscheidet sich durch Breite, Geschossigkeit, Material und Farbe, die Außenanlagen stammen vom Berliner Büro Lützow 7.
Das Gebäude-Ensemble Clara und Robert von slapa oberholz pszczulny | sop architekten verbindet zwei Neubauten mit dem historischen Saarhaus (Bild: sop architekten, krischerfotografie)
Im Jahr 2009 hatte das Münchener Büro Nickl & Partner den Wettbewerb gewonnen, aus dem Schlachthofareal den zentralen Campus der Fachhochschule zu machen. Alle Fachbereiche der FH wurden an einem Campus vereint. Die Großviehhalle und Pferdeschlachthalle wurden umgenutzt und um fünf Neubauten ergänzt, die alle vom Campusplatz zugänglich sind. Bibliothek, Mensa und Hörsaalzentrum bilden einen „Campusplatz“, zu dem sich auch die drei Fachbereichsgebäude orientieren. Die Großviehhalle nimmt Bibliothek sowie die Campus-IT auf. Das Hörsaalzentrum ist die „Adresse“ der Fachhochschule. Ein in Nord-Süd-Richtung verlaufender Grünzug ist das grüne Herz des Hochschulgeländes. Bandfassaden mit Sonnenschutz aus Metall erzeugen auf dem Campus ein einheitliches architektonisches Gesamtbild.
Auch die private FOM-Hochschule, an der 1'500 Berufstätige studieren, hat sich mit ihrem Neubau Derendorf als neue Heimat ausgesucht. Ihre Architektur ist ungleich spektakulärer. Die geschwungenen Balkone und Auskragungen sind unverkennbar das Werk von J. MAYER H. aus Berlin. Er hat sich von den Bahntrassen, Brücken und Rampen auf dem Areal inspirieren lassen und sie in eine Gebäudeform übersetzt, die Außentreppen und Balkone als dekorative Bänder um das Haus geschlungen und das Gebäude an eine Brücke anschließen. Als kommunikativen Raum wurde das Treppenhaus im Foyer mit kreuzenden Läufen und Podesten gestaltet.
Die Fassaden wirken wie Lofts in Brooklyn (Bild: Stefan Schilling)
In dem „Clara und Robert“-Bürohaus treffen Alt und Neu aufeinander. Der ehemaligen Saarhaus-Kaserne wurde ein Neubau regelrecht übergestülpt. SOP Architekten (Slapa Oberholz Pszczulny Architekten, vormals JSK Düsseldorf) haben die gelben Klinkerfassaden mit einer Haube aus geschliffenem Aluminium kombiniert. Die Pufferzone zwischen Backstein und Leichtmetall füllten sie mit Cortenstahl und Glas. Die um 1890 errichtete Kaserne war eine der größten im Rheinland. Das Haus wurde nach dem Komponistenpaar Clara und Robert Schumann benannt. Der Klinker-Alt- und der Aluminium-Neubau sind L-förmige Körper und miteinander verzahnt. Ein Volumen fügt sich mit der Stirnseite, das andere mit der Längsseite in den Straßenverlauf ein. „Clara“, der größere Part, besticht mit einem leuchtenden Glaskubus: Eine Auskragung über vier Etagen, die aus einer Hülle aus gebürsteten Aluminium hervorragt. Der Bestandsbau „Robert“ hingegen hat eine verglaste Fassade an der Dachaufstockung. Ebenfalls mit Corten sind die Veränderungen des Bestands gekennzeichnet.
Das Derendorfer Bügeleisen? (Bild: Stefan Schilling)
Neben den namentlichen Bezügen zu Frankreich im neuen Düsseldorfer Quartier nutzt ein Teil explizit ein anderes Vorbild: Das Wohnungsbauprojekt „New York – The Village“ wurde von dem Büro MSM Meyer Schmitz-Morkramer Architekten aus Köln entworfen. Das Ensemble aus fünf Häusern mit 55 Wohnungen nahm sich ein Beispiel an Manhattan. Riesige Wohnungen mit Größen von 140 bis 270 Quadratmetern und drei Meter hohe Fenster sollen „Loft“-Atmosphäre verströmen. Alle Häuser haben Klinker-Fassaden. Aufgrund seines tortenstück-förmig spitz zulaufenden Grundstücks wurde das westlichste Gebäude „Bügeleisen-Gebäude“ genannt – wie das „Flatiron-Building“ in New York. Solche direkten Bezüge drohen, peinlich zu wirken. In den letzten Jahren wurde das neue Stadtviertel von drei Hochhäusern bekrönt, auch wenn sie für New Yorker Maßstäbe absolut winzig sind. Diese im wahrsten Sinne des Wortes herausragenden 60 Meter hohen Wohntürme (eines dient als „25hours“-Hotel) wurden von HPP Architekten (Düsseldorf) entworfen. Im Jahr 2011 hatten sie den Wettbewerb gewonnen. Die Wohnungen im „Quartier Central“ in Pempelfort bieten weite Blicke auf die Skyline von Düsseldorf – und die Zukunft der Stadt.
Hochhäuser v.l.n.r.: 25hours, HPP; „Pandion D’Or“, HPP; „Ciel et Terre“, Molestina; „Pandion Le Grand“, Hadi Teherani (Bild: © HPP Architekten / Foto: Andreas Horsky)
Insgesamt sind etwa 1300 neue Wohnungen, überwiegend hochpreisig, im neuen Düsseldorfer Stadtquartier gebaut worden. Mit S-Bahn vor der Tür, Arbeitsplätzen und zwei großen Bildungsstätten hat Derendorf das Zeug, ein funktionierendes Stadtviertel zu werden, nicht nur eine Schlafstadt am Innenstadtrand. Das städtebauliche Konzept von ASTOC hat sich als flexibel genug erwiesen, die gestiegene Nachfrage nach Wohnen, die während der Planungszeit entstand, zu ermöglichen. Sollte Düsseldorf, das durch das neue Quartier einen Urbanisierungsschub erlebt hat, eine Umbenennung in Düsselstadt erwägen?

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