Die Stadt der Schweine

 Ulf Meyer
21. März 2018
Architecture Matters 2018 (Bild: MCBW)
Auf der Kreativwirtschafts-Woche in München Anfang März entbrannte eine Diskussion über die Ökonomie hinter der zeitgenössischen Architektur.
Zwischen Architektur, Immobilienwirtschaft und Politik gab es traditionell ein „magisches Dreieck“ der Gewichte. Diese „ménage à trois“, wie der niederländische Architekt Reinier de Graaf dieses Verhältnis nennt, ist seiner Meinung nach angesichts der „kombinierten Machtlosigkeit von Politik und Architektur“ zu einer einseitigen Dominanz der Ökonomie verkommen, die die Bedürfnisse großer Teile der Bevölkerung nicht mehr befriedigt. Etwa fünf Millionen günstige Kleinwohnungen fehlen in Deutschland derzeit. Dem gewichtigen Thema der Ökonomie hinter Stadt und Architektur stellte sich die 3. Ausgabe der „Architecture Matters“-Diskussion im Rahmen der „Munich Creative Business Week“ (MCBW), Deutschlands größtem Design-Event. Im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz kam dafür eine illustre – um nicht zu sagen disparate – Gästeschar zusammen, darunter drei einflussreiche Entscheider aus europäischen Großstädten: Jürgen Bruns-Berentelg (Leiter der HafenCity Hamburg), Elisabeth Merk (Stadtbaurätin von München) und der umtriebige Bürgermeister der albanischen Hauptstadt Tirana, Erion Veliaj.

Während in Hamburg ein Immobilienexperte ohne jegliche gestalterische Bildung die Leitung der Entwicklung des wichtigsten Stadterweiterungsgebietes der Hansestadt übernommen hat, kämpft in München eine Architektin noch mit planerischen Mitteln um den „Erhalt des öffentlichen Raums“. In Tirana hingegen, der Hauptstadt des ärmsten Landes Europas, will der Bürgermeister kurzerhand aus der geldlosen Not eine ideenreiche Tugend machen – und erklärte nicht ohne Stolz, dass er vorhabe, Architekten aus den reichen Ländern Europas wie Bjarke Ingels oder Stefano Boeri, die derzeit in Tirana große Projekte entwerfen, „nur auszunutzen“. Das sagte er mit einem schelmischen Grinsen und hielt sich für schlau.
Veliaj hat mit seinem Projekt „Tirana030“ einen Plan ersonnen, der die wilde Expansion der Kapitale stoppen soll und einen Grüngürtel mit zwei Millionen Bäumen um die Stadt herum vorsieht. Veliaj insistierte, dass Stadtentwicklung nicht am Gelde hänge und schloss mit dem Stoßseufzer, dass es deutlicher einfacher sei, eine schlechte alte Regierung zu stürzen „als eine gute zu formen“. Auf dem Pfad der non-monetären Möglichkeiten der Stadtentwicklung wollte Veliaj jedoch keiner seiner Münchner Gesprächspartner folgen. Denn angesichts des städtischen Bevölkerungs-Booms und der florierenden deutschen Exportwirtschaft geht es Architekten und Immobilienwirtschaft derzeit gleichermaßen glänzend.

Neubauten als "Spardosen"
Die Niedrig-Zins- und Nicht-Wohnungsbaupolitik in Deutschland hat in den letzten Jahren jedoch provoziert, dass Neubauten oft nicht mehr nach ihren Wohnqualitäten betrachtet werden, „sondern als Spardose“. Es wird „nicht mehr für Menschen gebaut“, so de Graaf, sondern allein aus wirtschaftlichem Kalkül. Schnell muss der Bau derzeit vor allem gehen, denn der Immobilien-Boom könnte bald schon wieder vorbei sein. Dabei kommt überlegte Architektur schnell unter die Räder. Einerseits wird Architektur von Bauherren als „Alleinstellungsmerkmal“ ihrer „Produkte“ geschätzt, andererseits ist die Gestaltung in einem prosperierenden Käufermarkt oft egal.
Der umstrittene Berlin Soziologe Andrej Holm (von der Partei Die Linke) beklagte in seinem Vortrag mit dem schönen Titel „Die Stadt, der Staat und das Geld“ die „soziale Blindheit des Marktes“ und wünscht sich – ganz wie sein intellektuelles Vorbild, der britische Soziologe David Madden, Autor des Buches “In defense of housing” – den starken Staat als Bauherren zurück. Dabei sind die deutschen Städte, Ost wie West, noch immer schwer damit beschäftigt, die Ungetüme des Sozialwohnungsbaus früherer Dekaden zu „verdauen“, zu urbanisieren und zu bewirtschaften. Holm träumt nicht nur vom potenten sozialistischen Versorger-Staat, sondern auch von der Wiederentdeckung des „modularen Bauens“. Ein Schelm, wer dabei an den Plattenbau denkt!
Stadtplaner sollten Holm zufolge „daran arbeiten redundant zu werden und sich selbst abzuschaffen“, sie sollen „nur noch moderieren“, ihre Expertise ist für ihn schlicht „obsolet“ geworden – ganz wie für Donald Trump die NATO. Holm war bis zu seiner Abmahnung und Beurlaubung wegen einer nicht angegebenen Stasi-Mitarbeit als junger Mann Sozialwissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin. Sein Lieblingsthema sind die „Sozialen Kämpfe in der neo-liberalen Stadt“. Von Dezember 2016 an war er kurzzeitig von der rot-rot-grünen Landesregierung in Berlin sogar zum Staatssekretär für Wohnen berufen worden.

Bauboom überformt deutsche Städte
Ohne funktionierenden sozialen Wohnungsbau in Deutschland bleibt der (Stadt-) Politik nur „der Anreiz und die Provokation“ (de Graaf), um privaten Bauherren soziale Aspekte ihrer Bauvorhaben abzupressen. „Ökonomie und Planer brauchen einen Ehe-Vermittler” behauptet de Graaf, der einzige geladene Architekt auf dem Münchner Podium. Von der Umsetzung des gesellschaftlichen volonté generale (wie Rousseau es einst nannte) kann im Städtebau in deutschen Großstädten heute keine Rede mehr sein. „Zu verschieden sind Sprachen und Kulturen“ der beiden Sphären in den letzten Jahren des Booms geworden, urteilte de Graaf – und das ist noch freundlich formuliert.
Weil es in Deutschland kaum Erbbaurecht-Modelle gibt und die meisten Städte wenig Bauland besitzen, sind ihre Hände gebunden. Meist erlegen sie sich selbst den Zwang auf, ihre Grundstücke meistbietend zu versteigern, um die Stadtkasse kurzfristig zu füllen. Da ist der Ansatz der Hafen-City, bei ausgewählten Projekten zwei Drittel der Vergabe-Kriterien nicht nach Preis, sondern nach der Güte des Konzeptes zu vergeben, ein interessanter Ansatz, auch wenn er zu spät kommt, um aus Deutschlands bekanntestem Neubauviertel einen „Lebensraum für alle“ zu machen.
„Die Immobilienwelt wirbt in ihren Prospekten mit den Qualitäten, die wir Politiker ihnen zuvor mühsam abgerungen hat“, bemerkte Merk indigniert. Soweit scheint die Welt in Ordnung zu sein. Die Münchner Stadtbaurätin plädiert angesichts möglicher Hochwasser- oder unerwarteter Immigranten-Ströme die „Unsicherheits-Planung“ in ihrer Stadt zu perfektionieren. Eine Bankrott-Erklärung der Planung?

"Schweine abfüttern"
Der Philosoph Julian Nida-Rümelin führte in seinem Vortrag zum Thema „Stadt und Gemeinwohl“ in höhere Sphären: Gewohnt eloquent und pointiert verglich er die philosophischen Gedankenschulen, die von der „Stadt der Erkenntnis“ (Platon) über die „Stadt des Zusammenhalts“ (Aristoteles) über die „Stadt des Nutzens“ in der Aufklärung zur „Stadt der Autonomie“ (bei Immannuel Kant) führt. Aristoteles nannte es die “Philia politike”, die freundschaftliche Nähe der Bürger über Eigeninteressen hinaus, die aus Stadtbewohnern eine Bürgerschaft machen kann. Die utilitaristische „Kalkulation von Interessen“ begann im 18. Jahrhundert mit dem Ziel, die „Summe des Wohlergehens“ zu maximieren. Kant schließlich forderte, dass die „Politik den Bürger verschonen soll“, wie Nida-Rümelin es nannte. Kant nannte seine Mitbürger erstmals „Autoren ihres eigenen Lebens“ und gründet darauf seine neue Vorstellung menschlicher Würde. Von dieser Geisteshaltung zeigten sich die Münchner Diskutanten weit entfernt. Während Sokrates im Gespräch mit seinem Bruder Glaukon noch von der „aufgeschwemmten“ Stadt sprach, der „Stadt der Schweine, die abgefüttert werden müssen“.
Prüfstein für eine „gute, lebenswerte Stadt“ ist für Nieda-Rümelin der „Spielraum für Gestaltung“. Als regel-feindlich positionierte sich hingegen de Graaf, da Regeln nicht nur „das Böse“, sondern allzu oft auch „die Kreativität gleich mit verhindern“ – ein typischer Architekten-Affekt, der sich immer wieder als falsch erweist.
Chris Dercon, der neue Intendant der Volksbühne Berlin, will seine Erfahrungen beim PS1 in New York und der Tate Modern in London nutzen, um „ein neuartiges Mischwesen“ aus dem berühmtem Berliner Theater zu machen. Für experimentelle Produktionsformen, die das Theater relevant erhalten sollen, fordert er eine neue „kulturelle Infrastruktur“, die Produktion erlaubt statt nur Konsum, die temporär ist und deren Publikum sich immer neu zusammensetzt. Dercon träumt von „schrumpfenden Museen und Theatern“, denn ihre fortwährende Expansion ist seiner Meinung nach für kulturelle Institutionen oft nur „die letzte Zuflucht“. Nida-Rümelin widersprach: Statt ephemerer, fluider Eventkultur möchte er staatliche Symbole und Kulturpaläste bauen. Denn Identität entsteht für Nida-Rümelin aus „langen Fäden“, Silhouetten und Strukturen der Stadt und ihren kulturellen Orten.

Dem ökonomischen Ungleichgewicht beikommen
Der britische Autor David Goodhart hat die Unterscheidung zwischen sogenannten „Somewheres“ mit einer zugeschriebene und „Anywheres“ mit selbst erschaffener Identität erfunden und herausgefunden, dass ein Großteil der (nicht britischen) Bevölkerung selbst in hyper-globalisierten Zeiten wie unseren absolut immobil ist. „Wohlhabende Akademiker, die weniger als 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen, dominieren Politik und Gesellschaft – unabhängig von der Partei, die an der Macht ist“, schreibt Goodhart. Sein amerikanischer Kollege Benjamin Barber hat in seiner Streitschrift “If Mayors ruled the world” den schwindenden nationalstaatlichen Einfluss auf die Entwicklung der Städte auf den Punkt gebracht. Die „Stadt als politische Einheit“, die deliberative verfasste „Polis als gestalteter Lebensraum“ wie Nieda-Rümelin sie aus der griechischen Antike unserer Zeit empfahl, erscheint geeignet, ökonomische Ungleichgewichte zugleich zu mildern und zu ertragen. Das Münchner Diskussionsforum stieß damit eine gewaltig große Tür zur Stadt der Zukunft auf – Stoff für viele Folgedebatten!

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