Baukultur auf dem Schulweg

Simone Hübener
21. November 2012
Konkrete Projekte an Schulen, geeignetes Unterrichtsmaterial und die Fortbildung der Lehrer sind die drei Bausteine für eine gelungene Architekturvermittlung an Kinder und Jugendliche. 

Egal ob Regensburg, Dortmund, Rottenburg am Neckar oder Berlin: Städte, in denen von Vereinen und Initiativen Projekte zum Thema "Architektur macht Schule" angeboten werden, finden sich mittlerweile (fast) überall in der Bundesrepublik. Trotz all dieser Bemühungen, ist an eine flächendeckende Verankerung in den staatlichen Schulen noch immer nicht zu denken. Woran das liegen mag und welche Fortschritte es dennoch gegeben hat, erfuhr Simone Hübener unter anderem auf einer Veranstaltung der Bundesarchitektenkammer, die am 22. Oktober in Berlin stattfand.

Bei "Architektur macht Schule" denken die meisten in erster Linie an eine Verankerung im  Kunstunterricht. Damit schränkt man die Möglichkeiten, die das Thema bietet, allerdings viel zu sehr ein. Denn auch in Fächern wie Deutsch, Physik, Mathematik und Geschichte lassen sich viele Lerninhalte und Zusammenhänge mit architektonischen und baukulturellen Beispielen vermitteln und erklären. Dies zeigen auch die "Curricularen Bausteine für den Unterricht" der Wüstenrot Stiftung, die auf deren Webseiteheruntergeladen werden können. Für "Geschichte/ Sozialkunde/ Politik/ Geographie" heißt es darin beispielsweise: "Für das Fach Geschichte steht außer Zweifel, dass durch die Behandlung der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit implizit das Thema [Baukultur – gebaute Umwelt] insofern enthalten ist, als beispielsweise für die Antike die Polis, für das Mittelalter das Leben in der mittelalterlichen Stadt, für das 19. Jahrhundert die Industrialisierung – und damit auch das Leben in den Arbeiterunterkünften – als Themenbereiche in allen Bundesländern vorgegeben werden."
Während sich diese Unterlagen an die Sekundarstufe I und II richten, zeigt das neue Buch "Kinder entdecken Architektur" Projekte für die Grundschule. Dank kurzer Texte, Bilder und Angaben zum Alter der Kinder sowie der erforderlichen Zeit ist das passende Projekt schnell gefunden.

Im Rahmen der Veranstaltung "Architektur macht Schule" der Bundesarchitektenkammer präsentierten Schüler ihre Ergebnisse des Projekts "minimal – illegal". (Bild: BAK/ UteKluge) 

Die Architektenkammer des Saarlandes startete im Herbst in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung, dem Ministerium für Bildung und Kultur sowie dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) ein neues Projekt, bei dem an zwölf saarländischen Schulen lehrplanbegleitend (!) 14 Projekte umgesetzt werden. In der Pressemitteilung heißt es: "Ohne zusätzliche Stunden und ohne zusätzliche Fächer kann das Thema Baukultur bzw. Architektur in die laufenden Unterrrichtsprozesse eingebunden werden." Dies ist ein äußerst wichtiger Aspekt, denn zum einen sind die Lehrpläne tendenziell überfüllt, zum anderen erhält das Thema damit auch den Stellenwert, der ihm gebührt. Würde der Stoff im Rahmen einer Nachmittagsveranstaltung vermittelt, könnte er leicht als unnötig abgetan werden. Am Ende des saarländischen Projekts, das sechs Monate dauern soll, werden die Kinder und Jugendlichen das Erarbeitete in einer Ausstellung präsentieren.
Dass vorzeigbare Ergebnisse bei all diesen Workshops, Projekten und Seminaren für die Kinder und Jugendlichen einen großen Stellenwert haben, wurde auch bei der bereits erwähnten Veranstaltung der Bundesarchitektenkammer (kurz: BAK) deutlich. Zum Ausklang stellten die Schüler der Marcel-Breuer-Schule Berlin, die am Projekt "minimal – illegal" der BAK, der Architektenkammer Berlin und des Hauses der Kulturen der Welt beteiligt waren, mit großem Stolz ihre Bauwerke vor. Aus Materialresten alter Ausstellungen des Hauses der Kulturen der Welt, wie Dachlatten und Plastikplanen, haben sie mit großem Engagement 1:1-Modelle für Hütten von Slumbewohnern entworfen und gebaut. Die Ergebnisse beeindruckten durch ihren Tiefgang und zeigten, dass es sich lohnt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und auch künftig Zeit und Energie in die Architekturvermittlung an Kinder und Jugendliche zu investieren.

 

Zeit und Geld investieren auch die Aktiven in Österreich, die in diesem Gebiet schon immer ganz vorne mit dabei waren. In diesem Herbst brachten sie die Thematik sogar mit einem zweitägigen Symposium auf die Biennale nach Venedig – Respekt! Zu den Referenten zählten zwar viele in diesem Zusammenhang Bekannte, wie Riklef Rambow, Susanne Hofmann und Renate Stuefer, doch sie teilten ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Venedig mit einem weitaus breiteren Publikum, als dies in ihren Heimatländern der Fall ist.
Allerdings können Schulen (noch) bei Weitem nicht das leisten, was in Sachen Architekturvermittlung an Kinder und Jugendliche nötig wäre. Deshalb bedarf es der wertvollen Arbeit anderer Institutionen, Organisationen und Vereine. Bereits seit langem fest verankert ist dieser Bereich im Bildungsangebot des Deutschen Architekturmuseums. 2010 erschien in Zusammenarbeit mit dem Kopaed-Verlag das Buch "Von Häusern und Menschen". Von Mitte Dezember bis Mitte Januar treffen sich im Auditorium Kinder und sicherlich auf viele ebenfalls verspielte Eltern und Großeltern zur Lego-Baustelle.

Architekturgymnastik: Bauwerke lassen sich alleine oder in Gruppen auch von Menschen darstellen. (Bild: Simone Hübener) 
 

Ebenso wichtig wie die Projektförderung ist die baukulturelle Grundausbildung der Pädagogen. Denn Planer und Lehrer sprechen bislang noch viel zu oft verschiedene Sprachen und weisen nur wenige Kompetenzen im jeweils anderen Bereich auf. Daran ändert sich nun glücklicherweise Schritt für Schritt etwas, denn neben dem DAM engagieren sich beispielsweise auch das Lehrernetzwerk "Architektur und Schule" der Landesarbeitsgemeinschaft Bayern und die Bauhaus-Universität Weimar. Hannes Hubrich kümmert sich dort im Rahmen von Seminaren und Lehrveranstaltungen um die Architekturvermittlung in der Kunsterzieherausbildung. Dadurch werden die künftigen Gymnasiallehrer bereits im Vorfeld ihrer Tätigkeit mit dem Thema vertraut gemacht, für architektonische Themenfelder sensibilisiert und ihnen wird die Scheu davor genommen, sich gemeinsam mit ihren Schülern über die gebaute Umwelt Gedanken zu machen. Das Lehrernetzwerk "Architektur und Schule", das seit 2008 stetig wächst, veranstaltet neben Lehrerfortbildungen auch Projekte an Schulen und entwickelt Materialien und Methoden für den Unterricht. Für diese erfolgreiche Arbeit wurde es mit den UIA Architecture & Children Golden Cubes Awards 2011 in der Kategorie "Schule" ausgezeichnet. Anerkennung für ihre Arbeit gilt gleichermaßen allen anderen Engagierten, damit sich im Kleinen weiterhin viel tut und irgendwann der große Durchbruch gelingt. sh

Anmerkung: Das Programm der Lehrerfortbildungen im DAM für das neue Jahr stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

künftige Veranstaltungen:
schulRAUMkultur. Symposium zu Lernwelten und Baukultur, 28.-30.11.2012 im OÖ Kulturquartier in Linz (A)
Wettbewerb "RaumGestalten"; Einsendeschluss für den nächsten Jahrgang: 30.11.2012
Tagung "Denkmal trifft Schule – Schule trifft Denkmal", 6.+7.12.2012 in der Villa Elisabeth in Berlin

ältere Artikel zu diesem Thema, die im eMagazin von german-architects.com erschienen sind:
eMagazin #18|2008: Architektur macht Schule?
eMagazin #34|2008: Architektur macht Schule!
eMagazin #26|2011: Es geht voran
eMagazin #17|2012: Linien, Flächen, Volumen – Eine Ausstellung über "Architektur an Schulen" in Stuttgart
eMagazin #20|2012: Hören und gehört werden

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