Baudenkmäler zum schönen Schein?

Ulf Meyer
6. März 2019
Bild: DoCoMoMo

Die DoCoMoMo-Konferenz in Berlin fragte nach dem Erbe des Bauhauses. Ein bunter Blumenstrauß an Themen war vergangene Woche die Antwort.

Einen Star-Architekten, der sich als Ziel seines Entwurfes vorgibt, „möglichst unsichtbar zu sein“, hört man nicht alle Tage. David Chipperfield hat sich bei der Sanierung der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe in Berlin aber genau dieses Ziel gesteckt, wie er zum Gefallen des versammelten Publikums aus 24 Ländern zum Auftakt der DoCoMoMo-Konferenz in der Berliner „Werkstatt der Kulturen“ formulierte. Mies‘ „Stahl-Tempel“ erweist sich zwar bei der Renovierung, die „dem Aufribbeln eines Pullovers gleicht“, so Chipperfield, als unerwartet manuell und einfach gebaut. Die „zugleich substanziellen und immateriellen Qualitäten“ des bahnbrechenden Kunstmuseums dürften aber bald wieder eindrucksvoll zu erleben sein, denn Chipperfield nimmt sich bei der grundlegenden Sanierung entwurflich völlig zurück.

Unter dem Titel „100 Years Bauhaus – What interest do we take in the Modern Movement today?“ fand die Konferenz zum Umgang mit dem Erbe der Moderne statt, in diesem Jahr erstmals in Berlin (statt wie zuvor in Karlsruhe). Es ist zugleich die dritte Konferenz des EU-Projekts „Reuse of Modernist Buildings“ (RMB), das Michel Melenhorst leitet. Er hatte nach Gusto und persönlichen Beziehungen die wichtigsten Referenten eingeladen. DoCoMoMo ist eine Vereinigung zur „Documentation and Conservation of Buildings of the Modern Movement“ und wurde 1988 in Eindhoven gegründet. 

Chipperfield stellte in seinem Beitrag zwei entscheidende Fragen: Ob sich nicht die Denkmalpflege allzu oft vor den Karren des Tourismus und Städtemarketings spannen lässt, ob also nicht – in Chipperfields Worten – so „aus Altbauten meist Prada-Shops“ werden. Das baukulturelle Erbe gilt ihm in solchen Fällen als „entführt“ und der Architekt als „Komplize bei dem Verfahren, aus Land Geld zu extrahieren“, wie Chipperfield es nannte. Er appellierte daran, den Sinn für „nicht berührbares Kulturerbe“ zu entwickeln und mehr Augenmerk auf die „nicht-monumentalen und weniger wichtigen Gebäude“ zu werfen.

Neue Nationalgalerie (Bild: [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons)
Die Moderne im Ausland

„Bedeutung, Relevanz und Nachhaltigkeit der Moderne im 21. Jahrhundert“ umfassend zu diskutieren stellte sich als zu hoch gegriffenes Ziel der Konferenz heraus, die einen bunten Strauß an Themen bot: Während Hoda Sadrolashrafi beispielsweise vom Umgang mit dem baulichen Erbe der Moderne in Teheran berichtete, blickte Deborah Ascher Barnstone von der University of Technology in Sydney in ihrem Beitrag auf „Freak Architecture“ als welche die Moderne einst in Australien der Lächerlichkeit anheim gegeben wurde. Die Orientierung an Großbritannien löste sich auch in der Architektur erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch das Beispiel aus Teheran trägt politische Implikationen: Das kaiserliche Qasr-Schloss aus dem 18. Jahrhundert war 1929 von Nikolai Markov zu einer modernen Haftanstalt umgebaut worden. Der Ayatollah Khomeini saß darin ein. Das Qasr-Gefängnis wurde 2012 als Museum neu eröffnet und gilt nun als beliebtester Kunst-Ort der Riesen-Stadt.

Ansicht des METU-Campus in Ankara, gebaut 1961–1980 (Bild: SALT Research, Altuğ-Behruz Çinici Archive via flickr)
Ayşen Savaş erläuterte H-BIM

Derlei Einblicke in den Umgang mit dem Erbe der Moderne in anderen Teilen der Welt ist interessant, die schiere Masse und Disparität der Beiträge ließ das Thema der Konferenz jedoch aus dem Fokus geraten. Der interessanteste Beitrag zum eigentlichen Konferenz-Thema kam aus Ankara: In ihrem Vortrag “Constituting an Archive” zeigte Ayşen Savaş von der Middle Eastern Technical University (METU), wie mit Hilfe ihres neu-entwickelten „Heritage-BIM“-Tools, das sie H-BIM nennt, moderne Dokumentationsmethoden als Werkzeug der Denkmalpflege der Moderne eingesetzt werden können. Das Architektur-Gebäude der METU, entworfen von Altuğ und Behruz Çinici, gilt nicht nur als Höhepunkt der türkischen 1960er-Jahre-Architektur, sondern auch als bewusster Spross des Bauhauses. Die Getty-Stiftung fördert die Dokumentation und den Erhalt dieses Gebäudes, das wie alle Gebäude seiner Generation nach mehr als 50 Jahren Dienst Gebrauchsspuren zeigt und thermisch nicht mehr heutigen Ansprüchen genügt.

Museo Soumaya (Bild: Raystormxc / Thomas Lendl [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons)
Keine Rückschau für Mexiko

Organisator Melenhorst erwies der Veranstaltung einen Bärendienst mit der Einladung von Fernando Romero aus Mexico-City als zweiten Keynote-Speaker. Er verlor über die „Mexikanische Moderne“ – anders als angekündigt – in seinem Vortrag kein Wort, sondern sollte als „Bauhäusler von heute“ inszeniert werden. Romeros „Museo Soumaya” stellte der Koolhaas-Schüler stolz als „the most instagrammed building in the world“ vor. Dass er es für seinen Schwiegervater, den Multi-Milliardär Carlos Slim, den reichsten Mann der Welt, entwarf, blieb allerdings unerwähnt. Slims Vermögen entspricht etwa 6% des Bruttosozialprodukts von Mexiko und hat mit den sozialdemokratischen Bauherren der 1920er-Jahre wohl nichts gemein. Romero versuchte – als Entwerfer von utopischen Hyperloop-Bahnhöfen und Mega-Flughäfen – sich „in die Tradition der Modernisten zu stellen“, wie Melenhorst behauptete, aber die Ähnlichkeiten verfangen nicht. Oder doch? 

Es war Jasmine Benyamin von der University of Wisconsin in Milwaukee, die an der heroischen Geschichtsschreibung der Moderne kratzte: Ihr Vortrag behandelte Walter Gropius‘ Hang zur (manipulierten und selektiven) „Operative History“. Diesen Begriff prägte Manfredo Tafuri und brandmarkte ihn als „ideologische Herangehensweise an historische Fakten“. Die Moderne steht bei Kunstgeschichtlern im Verdacht, die „historische Amnesie“ zu ihrem Prinzip erkoren zu haben. 

Geschichtsunterricht tauchte am Bauhaus bekanntlich erst unter Hannes Meyer 1928 auf. Gropius wollte Geschichte schreiben anstatt sie zu unterrichten. Auf der Berliner Konferenz wurden genaue Nachweise der Selbst-Inszenierung der Bauhäusler und ihre dreiste Plünderung des Werkbund-Erbes und von Henry van de Velde dargeboten. Die Architekturgeschichtsschreibung von Architekten betrieben leidet unter „Vereinfachungen im Namen der Konsolidierung“, wie Benyamin es nannte und geistreich auf’s Korn nahm. Für sie sind Architekten schlicht lausige Architekturhistoriker. 

Dem allgemeinen Bauhaus-Rummel im Jubiläumsjahr tun diese wichtigen Spitzfindigkeiten freilich keinen Abbruch. Das Bauhaus wird dabei mehr zu Tode geliebt als verstanden oder reflektiert.

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