AllesWirdGut – seit 20 Jahren

Katinka Corts
3. April 2019
Sitzungssäle Alte Börse, Wien (AT) 2018 (Bild: tschinkersten fotografie)

Es sei die längste Beziehung, die sie alle haben, sagen die Eigentümer des Büros AllesWirdGut manchmal scherzhaft über ihre Partnerschaft. Es ist jetzt 20 Jahre her, dass Ingrid Hora, Andreas Marth, Friedrich Passler, Herwig Spiegl und Christian Waldner das Architekturbüro gründeten. Herwig Spiegl spricht mit uns über die Vergangenheit, Gründe zum Feiern und Zukunftspläne.

Bekannt geworden ist das Büro AllesWirdGut unter anderem für das geförderte Wiener Wohnquartier D9 in der Seestadt Aspern und Österreichs größtes Passivbürogebäude Haus in Krems. Auch in Deutschland sind die Architekten erfolgreich: In Erlangen wurde vergangenes Jahr das Landratsamt nach ihren Plänen fertiggestellt und kürzlich die Firmenzentrale der Funke Mediengruppe in Essen. Aktuell seien Projekte in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Slowakei geplant, alle in den Bereichen Wohn-, Büro- und Bildungsbauten. Heute führen wir zwei Standorte und beschäftigen in Wien und München 70 Leute“, sagt Herwig Spiegl. „Unvorstellbar zu Beginn des Büros!“ 

Haus des Lebens - Seestadt Aspern, Wien (AT) 2015 (Bild: tschinkersten fotografie)
Unerfüllte Prophezeiung und die neue Zeit

Viele Trends kamen und gingen und beeinflussten auch das Werden des Büros. Doch nicht alle Verheißungen gingen in Erfüllung: So habe zu ihren Studienzeiten jeder von einem „neuem Nomadentum“ gesprochen. Ohne festen Wohnsitz würde man leben, zu Zeiten der Globalisierung so mobil sein wie nie zuvor. „Das hat sich rückblickend – zum Glück für uns – nicht bewahrheitet“, so Spiegl. Andere Themen seien hingegen fest im Büro verankert, wie die Nachhaltigkeit beispielsweise. „Das kam damals, als wir das Büro gründeten, überhaupt erst in der Breite auf. Ein ähnliches Gefühl habe ich momentan bezogen auf BIM – man wird sehen, wo das alles hingeht.“ Eine wichtige Neuerung war auch der Bereich Marketing in der Architektur, der in den vergangenen Jahren beständig wuchs. Als etwa ein Jahr nach Gründung des Büros eine Zeitschrift erstmals über die Arbeit von AllesWirdGut berichtete, habe sich das wie ein Ritterschlag angefühlt, beschreibt es Spiegl. Heute arbeitet ein eigenes Team für den Bereich Publizieren und Marketing.

Landratsamt, Erlangen (DE) 2018 (Bild: tschinkersten fotografie)
Das Kind braucht einen Namen

Der Zeitgeist trug dazu bei, dass die fünf Gründungspartner das Büro nicht mit ihren Initialen tauften. Man musste nicht mehr dieser oder jener sein, man gehört zu einem Büro und identifizierte sich mit ihm. Es war der Weg, sich von der vorherigen Generation auch nach außen hin klar abzusetzen. „Die Jungen wollen immer anders sein“, lacht Spiegl. Bereits in den 1960er-Jahren hatte es Kollektive mit abstrakten Namen gegeben, später kamen jedoch wieder Büros auf, bei denen die namensgebenden Architekten im Vordergrund standen – und das Prinzip der Namensreihung nicht selten überstrapaziert wurde. Bei AllesWirdGut war die Benennung auch dem Umstand geschuldet, dass einige der Gründer 1999 noch studierten. „Zu Beginn hatten wir nur ein kleines Projekt, das nicht fünf Leute beschäftigen und ernähren würde. Wir überlegten, wie wir kommunizieren wollen: Sollte man nur die nennen, die aktiv an einem Projekt zeichnen, oder alle, die allgemein involviert sind?“, erklärt Spiegl. Dann die Entscheidung: Jeder trägt zum gemeinsamen Erfolg bei. „Darum nennen wir auch heute jeweils die Mitarbeiter am Projekt, die Partner jedoch nicht.“

Funke Media Office, Essen (DE) 2019 (Bild: tschinkersten fotografie)
„Es ist nicht selbstverständlich, dass man etwas anfängt und es 20 Jahre später noch mag. Immer noch verstehen wir uns blind, wollen gern noch mindestens weitere 20 Jahre so weitermachen.“

Herwig Spiegl

Von der Website zum Instagram-Channel

Den Titel AllesWirdGut noch im Hinterkopf, liest man von 70 gleichberechtigten Freundinnen und Freunden, hört von überstundenfreien Arbeitszeiten und in der Teamliste tragen die Bürohündinnen Miuda und Traudel Partyhüte. Alles eitel Sonnenschein im Projektalltag also? „Natürlich nicht“, gibt Spiegl zurück. „Aber es dreht sich doch alles immer wieder um die Frage, wie man die Beteiligten für ein gemeinsames Ziel begeistert. Wir verhandeln in unserem Beruf Befindlichkeiten, das hat viel mit Emotionen und Sinnlichkeit zu tun. Deshalb versuchen wir, grundsätzlich optimistisch an Dinge heranzugehen und das Bestmögliche zu erreichen.“

Nach außen kommuniziert AllesWirdGut vielfältig – auch ein Bereich, der sich in den letzten Jahren stetig gewandelt hat. „Wir wollen die Wertschätzung der Projekte und der Mitarbeiter zeigen – aber natürlich hat es auch mit Eitelkeit und Selbstdarstellung zu tun“, so Spiegl augenzwinkernd. Die Bürogründer gehören zu der Generation, in der Büros anfingen, eigene Websites zu haben. Die Blüten dieser neuen Welt habe man interessiert verfolgt und sich angepasst: Was mit der eigenen Website und einem Facebook-Account anfing, umfasst heute auch Instagram und Pinterest. Bald habe man aber auch festgestellt, wie kurzlebig die sogenannten Sozialen Medien seien und wie breit man dort auftreten könne, wenn man wolle. „Das muss man sich aber auch leisten können und man muss all diese Kanäle – neben dem Tagesgeschäft, denn wir wollen ja bauen – bewirtschaften wollen“, relativiert der Architekt. Wichtig bleibe dem Büro aber auch das Medium der Postkarte. „Das ist vielleicht eher für eine andere Generation passend, aber die versenden wir gern als Ergänzung.“ 

Schulcampus, Hamburg (DE) 2019 (Bild: tschinkersten fotografie)
Wettbewerb um junge Architektinnen und Architekten

Die Wörter „überstundenfrei“ und „Architekturbüro“ scheinen irgendwie schwer unter einen Hut zu bringen. Ich hake nach. Doch Spiegl relativiert nicht, sondern konkretisiert: Alle sollen die Arbeitszeit einhalten und nicht abends lange sitzen. „Wir machen das nicht, weil wir alle so nett sind, sondern weil wir glauben, dass dadurch alle ausgeruhter, frischer und engagierter arbeiten“, erläutert Spiegl. „Der autoritäre Chef funktioniert heute nicht mehr! Heute muss man um Mitarbeiter buhlen, es herrscht ein Wettbewerb. Wir wollen guten Köpfen das Beste bieten.“ Heute werde nicht mehr nur das Geld verhandelt, sondern auch viele andere Aspekte spielten für junge Architektinnen und Architekten eine Rolle bei der Entscheidung für oder gegen ein Büro. Den Leuten sei es viel wert, wenn ihnen klar versprochen werde, dass normale Arbeitszeiten gelten. Hobbys sollten gelebt werden, davon würden laut Spiegl alle profitieren: „Die Leute brauchen ihren Ausgleich.“

„Der Begriff ‚Gefahr im Verzug‘ ist für alle ganz klar und es ist gut, dass es ihn gibt. Er sollte aber auch so benutzt werden und nicht inflationär. Es tut gut, auch mal nicht verfügbar zu sein.“

Herwig Spiegl

Das starke Miteinander stelle man über alles, auch im Büro- und Projektalltag. Zweimal wöchentlich werde daher ein Workshoptag gemacht, an dem die Chefs im Büro verfügbar seien. Die Projektteams buchen sich Termine, zu denen alle gemeinsam über die anstehenden Fragen diskutieren. Die vier heute im Büro verbliebenen Gründer (Ingrid Hora verließ 2001 das Büro), die von Beginn an diese Diskussionskultur etabliert haben, stehen zum System. Es tut gut, die andere Meinung anzuhören und sie in die eigene Meinungsbildung zu integrieren“, erläutert Spiegl. „Das war etwas, das wir von der Uni mitbrachten, und so haben es all die Jahre weitergetragen.“

alles isst gut - die Kantine von AllesWirdGut (AT) 2018 (Bild: tschinkersten fotografie)
Alles isst gut

Bei diesem Ansatz verwundert es auch nicht, dass AllesWirdGut vergangenes Jahr einen weiteren Schritt ging und eine Bürokantine eröffnete. „Wir hatten mit den Jahren das gemeinsame Mittagessen, das zu Beginn unseres Büros Usus war, sehr vermisst. Aber in der Umgebung täglich gemeinsam essen zu gehen, war sowohl finanziell als auch logistisch unmöglich.“ Als sich die Gelegenheit bot, Räume im Erdgeschoss des Hauses zu übernehmen, zögerte man nicht lange. Die Kantine ist ein Ort, der mit dem Büro verbunden ist und gleichzeitig den Abstand vom Alltagsgeschäft ermöglicht. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können hier frisch, gut und günstig essen. Zudem nutzt AllesWirdGut den neuen Ort für eigene Feste wie das alljährliche Forum, für Geburtstagspartys oder Netzwerkanlässe. „Wir haben so viel positives Feedback dazu erhalten wie in den 19 Jahren zuvor nicht“, lacht Spiegl.

Das Team von AllesWirdGut (Bild: tschinkersten fotografie)
Gefeiert wird im Mai

Auch hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht das Büro gut da. In Österreich gibt es neben dem Mutterschutz auch die Väterkarenz. Gemäß Bürophilosophie muss aber auch der reibungslose Wiedereinstieg der Frauen sichergestellt sein. „Wir waren schließlich auch mal in der Situation und haben über die Jahre unterschiedliche Teilzeitmodelle für Väter und Mütter entwickelt, um sicherzustellen, dass unsere Mitarbeiter auch wiederkommen.“ Die hohe Anzahl junger Leute – das Durchschnittsalter liegt nach eigenen Angaben bei 36,31 Jahre – und die dennoch geringe Fluktuation im Büro bestätigen das.

Am ersten Mai, was Spiegl im Hinblick auf das Zusammenfallen mit dem Tag der Arbeit als amüsanten Zufall bezeichnet, jährt sich die Gründung des Büros zum 20. Mal. Mitte Mai wird das gefeiert. Wie die Zukunft aussehen könnte, dazu habe man keine strategische Planung. „Die Maschine läuft ganz wunderbar und gut“, meint Spiegl. Künftig werde das Thema der Nachfolge aufkommen, denn die Partner fänden es schön, wenn ihr Büro noch lange bestehen könnte. „Als Chef wünscht man sich wohl oft, stärker zurück zu den Wurzeln zu kommen – das Bild vom Stift in der Hand und der Skizzenrolle auf dem Tisch“, so Herwig Spiegl. „Trotz dieser Sehnsucht sind wir gleichzeitig wahnsinnig gespannt, was zukünftig alles passieren wird hinsichtlich der Digitalisierung der Architektur.“

Wir gratulieren zum Jubiläum, wünschen viele weitere interessante und zugleich fordernde Projekte und weiterhin ein so sympathisches Miteinander! 

Open Air Festspiel Arena, St. Margarethen (AT) 2008 (Bild: Hertha Hurnaus)
Stahlhof Belval-Ouest, Esch-sur-Alzette, Luxemburg 2011 (Bild: Roger Wagner)

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