Jury zum Architektinnen-Preis DIVIA vorgestellt

Wo sind die Architektinnen?

Katinka Corts
7. April 2022
Grafik: Anja Matzker, Foto: Jasmin Schuller

Nach wie vor erhalten Architektinnen, verglichen mit ihren männlichen Kollegen, nicht die Anerkennung, die sie verdienen. Das wollen Ursula Schwitalla und Christiane Fath ändern: Zusammen mit zahlreichen Botschafter*innen setzen sich die Kunsthistorikerin und die Architektin für die stärkere Sichtbarkeit der Frauen im Architekturberuf ein und haben dafür im Juni 2021 den Verein „Diversity in Architecture“ – kurz: DIVIA – gegründet. Gestern stellten sie im Berliner DAZ die Jury für den dazugehörigen Architekturpreis vor. 


Vorurteile, strukturelle Benachteiligung, männliche Führungselite: Es gibt viele Gründe, wieso immer wieder dieselben Architekten mit ihren Büros im Rampenlicht stehen, wieso ihre Präsenz immer wieder medial reproduziert wird. Einen toxischen Starkult um alte weiße Männer nennt Ursula Schwitalla das. Immer noch sind Architektinnen in der Führung und im akademischen Bereich unterrepräsentiert – und damit auch in der öffentlichen Wahrnehmung. „Wenn selbst im Jahr 2016 beim Eröffnungspodium von der Architekturbiennale in Venedig neben Alejandro Aravena nur ältere Herren sitzen, dann kann da etwas nicht stimmen“, so die Kunsthistorikerin. 

Aus der von ihr kuratierten Vortragsreihe „Architektur Heute“ an der Universität Tübingen über Frauen in der Architektur entwickelte Ursula Schwitalla das Buch „Women in Architecture“, das vergangenes Jahr im Verlag Hatje Cantz erschienen ist. Doch könne, so sagte sie gestern, ein eigener Preis für Architektinnen noch wesentlich mehr Sichtbarkeit für Frauen in der Architektur ermöglichen. Das Verhältnis zwischen ausgezeichneten Architekten und Architektinnen bei allen Auszeichnungen läge aktuell bei 80:20 – Frauen kämen mittlerweile zwar mehr ins Blickfeld, aber nur sehr langsam.

„Wir sorgen uns um alle Minderheiten in der Architektur, aber unser erster Schritt ist, Frauen sichtbar zu machen. Wenn wir den Gender Gap mit dem DIVIA-Award reduziert haben – als Teil des größeren Mosaiks – richten wir den Blick auf andere Ungerechtigkeiten.“

Dr. Ursula Schwitalla, Chair & Founder. Kunsthistorikerin, Vorsitzende der Tübinger Kunstgeschichtlichen Gesellschaft e.V., Lehrbeauftragte und außerordentliches Mitglied des BDA. 

Die Gründerinnen von DIVIA: Ursula Schwitalla und Christiane Fath (Foto: Jasmin Schuller)
„Es ist ein bisschen absurd, dass man im Frühjahr 2022 hier steht und erklärt, warum ein solcher Preis wichtig ist. Ich wünsche euch und uns, dass der Preis sehr schnell fortschreitet und die aktuelle Fixierung auf Frauen in ein paar Jahren hinter sich lassen kann. Ich wünsche mir große Diversität in der echten Arbeitswelt.“

Dr. Dirk Boll, Co-Founder. Professor am Institut für Kultur- und Medienmanagement an der Universität für Musik und Theater in Hamburg

„The Challenge is very big in front of us. What really strikes me about DIVIA is that there are representatives from all over the world. These ambassadors and representatives in all these countries are able to really reach beyond our personal networks; they are able to build those bridges. It will take more time and more effort but it is really worthwhile.“

Melodie Leung, Zaha Hadid Architects

Foto: Jasmin Schuller
„It’s a pleasure to be part of the first jury for the diversity in architecture award. I’m passionate about architecture, I’m also passionate on opening up the field to new talent, especially for women and other minorities. They have so much to contribute to the field and for reasons that perhaps we can explain but are not fair, they’ve been neglected in the past. I think that the way forward for communities is through great architecture, understanding cities, and bringing in diversity in everything we do create the most rich, interesting, and positive ways forward.“

Martha Thorne, Architektin. Dekanin der IE School of Architecture and Design in Madrid.


Beim nun biennal zu vergebendem Preis soll das internationale Advisory Board eine Longlist erstellen, aus der die Jury zunächst eine Shortlist macht und schließlich eine Gewinnerin kürt. Alle fünf Finalistinnen werden danach ihre Arbeit im Rahmen einer Wanderausstellung sowie einer Publikation zeigen können, die Ausstellung soll jeweils in Berlin, Wien, São Paulo und im Herkunftsland der Preisträgerin zu sehen sein. Die Initiator*innen sind sich einig: Bestenfalls wird der Preis in einigen Jahren nicht mehr explizit auf die Förderung von Architektinnen ausgerichtet sein und kann dann dazu beitragen, anderen Minderheiten zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. 

In der männerdominierten Arbeitswelt kann auf den Beitrag der vielen Fachfrauen in der heutigen Zeit schlichtweg nicht mehr verzichtet werden. Sichtbar machen von Architektinnen, ihre Arbeiten anerkennen und würdigen, Architektinnen zu role models für jüngere Generation machen – was so selbstverständlich klingt, ist laut Melodie Leung, die bei Zaha Hadid London arbeitet und sich für DIVIA als Botschafterin einsetzt, ein langer Weg: „It will take more time and more effort, but it is really worthwhile. It's great to be part of it and to kick that off – but we have a lot to do ahead of us.“ 

 

Grafik: DIVIA

Andere Artikel in dieser Kategorie