Verstehen, was Verlust bedeutet

Katinka Corts
20. Juni 2021
Gegenstände aus einer sudetendeutschen Heimatstube (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Markus Gröteke)

Am 20. Juni jährte sich das Inkrafttreten der Genfer Flüchtlingskonvention zum 70. Mal. Sie bietet Millionen Menschen Schutz und ein Leben in Sicherheit – Dinge, die wir Nicht-Kriegsgeplagten und Nicht-Vertriebenen als selbstverständlich ansehen. Für die Erinnerung an die Geschichte aber auch ihr Fortschreiben eröffnete nun im Berliner Deutschlandhaus das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung.

Wer heute an Flucht denkt, hat womöglich Bilder von Menschen vor dem geistigen Auge, die in überfüllten Schlauchbooten das Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland überqueren. Ein prägendes Bild im Europa der vergangenen Jahre. Doch diese Flucht, die uns Europäern am stärksten präsent ist, ist nur ein kleiner und sehr beschränkter Blick auf das, was täglich Millionen Menschen betrifft. Laut UNO fliehen aktuell weltweit so viele Menschen vor Krieg, Konflikten und Verfolgung wie nie zuvor. Auf 82,4 Millionen wurde ihre Zahl Ende vergangenen Jahres geschätzt, 42% davon sind minderjährig. Als wichtigste Herkunftsländer führt die UNO Syrien, Venezuela, Afghanistan, den Südsudan und Myanmar an.

Blick in das erste Obergeschoss (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Dawin Meckel)
Wendeltreppe in das zweite Obergeschoss der Ständigen Ausstellung (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Markus Gröteke)

Nachdem uns 2015 die prekäre Lage der Geflohenen deutlich schien und ein „Wir schaffen das!“ Hoffnung versprach, verblasste die Erinnerung mit den Jahren. Erst als das Lager in Moria auf der griechischen Insel Lesbos brannte, erinnerten wir uns (ganz erschrocken!), dass das Problem der Geflohenen immer noch besteht: kein Zuhause, ein Leben im Lager und Kinder, die teilweise nur diesen Ort als Zuhause kannten. Geld kam nach dem Brand zwar aus Brüssel, Griechenland stand aber als Ersteinreiseland entsprechend der Dublin-Verordnung weiter alleine mit der Verwaltung der europäischen Migration und der Bearbeitung der Asylanträge da. Und: während wir in Mitteleuropa pandemische Ängste durchstanden und Unsicherheit über die Lieferung der korrekt zertifizierten FFP2-Masken bestand, fürchteten auch tausende unterversorgte Lagerinsassen – ja, ich erlaube mir, sie Insassen zu nennen – die Corona-Pandemie und versuchten, sich mit einfachen Masken aus Zeltstoff zu schützen. Auch Europa fürchtete Corona in den Lagern, zumindest teilweise aber wohl mit anderen Hintergedanken: Was, wenn das Virus im Lager grassiert und mutiert – kommen die neuen Varianten, die vielleicht noch gefährlicher sind, dann aus dem Lager raus und zu uns? 
Im März dieses Jahres fasste Barbara Wesel in einem lesenswerten Artikel klar zusammen, wie wir zur heutigen Flüchtlingspolitik gekommen sind. Das europäische „Flüchtlingsproblem“ besteht immer noch, weiterhin nimmt die Türkei mehr als die Hälfte der Geflohenen auf. Auf eine klare Asylpolitik der EU wartet man weiterhin. Im Film „Miraggio“, den ich vergangenes Jahr beim Zurich Film Festival gesehen habe, porträtieren die Schweizer Regisseurin Nina Stefanka und die Übersetzerin Balkissa Maiga sechs junge Männer, die aus unterschiedlichen Gründen aus Mali flohen und nun seit Jahren in Italien auf das ersehnte neue Leben warten. Diesen Seelenzustand des verzweifelten Wartens, den Stefanka im Film abbildete, eint wohl alle Geflohenen weltweit.

Der Raum der Stille nach einem Entwurf von Königs Architekten aus Köln (Foto: Königs Architekten, Köln)
Foto: Königs Architekten, Köln

Wenn wir heute mit Flucht konfrontiert sind, erscheint uns das Thema fremd. Man findet es schlimm, die Menschen tun einem leid. Dass auch ein großer Teil der Deutschen zum Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Flucht war, ist ähnlich fern und fremd für uns. Vor 77 Jahren flohen Millionen Menschen aus Schlesien, Pommern und dem Sudetenland vor der vorrückenden Roten Armee und hofften auf ein neues Zuhause, ohne das alte je zu vergessen. Einige von uns haben heute noch Großeltern, die selber Flüchtlinge waren. Hört man ihre Geschichten von Vertreibung, vom panischen Packen der Wagen, von den nächtlichen Märschen über die gefrorene Ostsee, vom Verstecken in den Wäldern abseits der Wege, von der Angst vor dieser nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 und dem Mord an 27 Millionen Menschen unglaublich verletzten, gekränkten und zugleich übermächtigen Armee aus dem Osten, von den schweren Anfängen westlich der Oder – können wir uns das wirklich vorstellen? Wie ist es, sich mit einem neuen Ort anzufreunden, wenn man doch den alten nie verlassen wollte und zeitlebens den Schlüssel des eigentlichen Zuhauses behält?

Blick in die Bibliothek (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Markus Gröteke)

Damit die Berichte der Augenzeuginnen und Augenzeugen von damals nicht in Vergessenheit geraten, werden ihre Erzählungen seit Jahrzehnten emsig dokumentiert. Am 23. Juni eröffnet im Berliner Deutschlandhaus das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Vor elf Jahren gewann das österreichische Architekturbüro Marte.Marte den Wettbewerb zur Umgestaltung und Erweiterung des Gebäudes, das aus den 1930er-Jahren stammt. Als Lern- und Erinnerungsort schildert die Ausstellung die europäische Geschichte der Zwangsmigrationen vom 20. Jahrhundert bis in unsere Zeit. Im Mittelpunkt stehen Flucht und Vertreibung von rund 14 Millionen Deutschen im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Politik, die von Anbeginn aggressiv auf Krieg ausgelegt war.
Auf mehr als 5‘000 m2 befinden sich neben der ständigen Ausstellung auch Sonderausstellungen, eine Bibliothek mit Zeitzeugenarchiv und ein Raum der Stille. Letzteren entwarf das deutsche Büro Königs Architekten aus Köln. Bei der Neugestaltung des Gebäudes blieb die denkmalgeschützte Fassade erhalten, im Inneren trennt eine Lichtfuge Bestand und Erweiterungsbau. Die optisch ruhige Atmosphäre von Sichtbeton und weißen Wänden ist angemessen hinsichtlich der inhaltlich schweren Kost der Ausstellung, die vom Stuttgarter Büro Atelier Brückner gestaltet worden ist. Beeindruckend ist auch die 30 mal 30 Meter große Sichtbetondecke, die den Hauptraum überspannt und lediglich an den drei Treppenhäusern und einem Aufzugsschacht in den Ecken aufgelagert ist.

„Im Dokumentationszentrum geht es um Flucht und Vertreibung der Deutschen, aber auch um die vielen anderen Menschen, die Zwangsmigration erleben mussten und bis heute erleben. Im Geist der Versöhnung schließen wir damit eine Lücke in der deutschen Erinnerungskultur. Wir sagen: Vertreibungen sind ein Unrecht und benennen die Verursacher des Leids. Unsere Empathie gilt allen Flüchtlingen und Vertriebenen. Historische und politische Phänomene werden sachlich und auf dem Boden der Wissenschaft erklärt. Auf diese Weise wirken wir Polarisierungen, aber auch Relativierungen entgegen. Das neue Haus versteht sich als ein Diskussionsangebot für alle Interessierten.“

Direktorin Dr. Gundula Bavendamm

Das Zentrum kann fortan täglich außer montags kostenfrei besucht werden. Eine Besonderheit ist der Bibliotheksraum, in dem Besucher*innen ihrer eigenen Familiengeschichte nachspüren und in miteinander verschalteten digitalen Archiven Dokumente über die Wege ihrer Ahnen einsehen können. Doch das Zentrum ist nicht nur ein Ort der Vergangenheit, vielmehr werden Besucher*innen über die Jahre immer mehr eigene Geschichten beitragen können. Viele der Ausstellungsstücke wurden der Stiftung von Zeitzeugen übergeben, gemeinsam mit der damit verbundenen Geschichte. Das wird auch künftig so sein, denn auch die Geschichte der aktuellen Flüchtlingsbewegung rund um das Mittelmeer wird weiter Eingang in die Ausstellung finden. Ein starkes Bild dazu ist eine digitale Weltkarte, auf der Museumsgänger*innen die Wege ihrer Familie eintragen können – als Spuren ihrer eigenen Vertreibung oder als Wege der Flucht ihrer Verwandten. Und das Museum wird aufwühlen. Hat man erst einmal all die Preziosen gesehen, die Menschen mit auf ihre Flucht nahmen als Erinnerung an ihre Heimat, wird man sich zwangsläufig fragen: Was würde ich nicht zurücklassen? Woran hängen meine Erinnerungen?

Wendeltreppe zum zweiten Obergeschoss der Ständigen Ausstellung (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Markus Gröteke)
Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung Versöhnung
Stresemannstraße 90, 10963 Berlin

Bauherrschaft: Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Architektur: marte.marte Architekten, Feldkirch (A)

Raum der Stille: Königs Architekten, Köln

Ausstellungsgestaltung: Atelier Brückner, Stuttgart

Projektsteuerung: tp management GmbH, Berlin

Innenausstattung & Bibliothek: Raumkonzepte + Interior Design | Zauleck, Berlin mit art vos (NL)

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Öffnungszeiten ab 23. Juni 2021 Di–So10–19Uhr  

Bibliothek & Zeitzeugenarchiv Di–Fr10–19Uhr

Eintritt frei mit Zeitfensterticket

Öffentliche Führungen Do 17 Uhr, Sa und So15Uhr 

Führung in engl. Sprache So 16:30 Uhr

Vorgestelltes Projekt

Benjamin von Pidoll | Architektur

Haus Mau

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