Unter Männern: Astra Zarina in Berlin

Eduard Kögel
7. Juli 2021
Die in Rom lebende Amerikanerin Astra Zarina plante am Märkischen Viertel Berlins mit, ihre Arbeit wurde öffentlich jedoch nicht gewürdigt (Foto: used by permission of The Civita Institute; all rights reserved)

Astra Zarina hat in den 1960er-Jahren als einzige Architektin unter vielen Architekten im Märkischen Viertel in Berlin mehr als 1000 Wohnungen entworfen und wurde dennoch nicht wahrgenommen. Warum?

Die Administration unter Bürgermeister Willy Brandt wollte nach dem Bau der Mauer 1961 mit dem Märkisches Viertel (MV) direkt an der Grenze zu Ostberlin eine neue Großsiedlung errichten. Senatsbaudirektor Werner Düttmann und die jungen Architekten Georg Heinrichs und Hans Christian Müller legten eine avantgardistische städtebauliche Figur mit fast 20 Baufelder vor. Die drei Planer wählten für den sozialen Wohnungsbau Berliner Architekten aus, die zu jung waren um bereits im sogenannten Dritten Reich gebaut zu haben. Dazu lud man die beiden Schweizer Karl Fleig und Ernst Gisel ein, aus Frankreich kamen René Gagès und der Amerikaner Shadrach Woods, sowie als einzige Frau die in Rom lebende Amerikanerin Astra Zarina. Ihre Familie war in den Kriegswirren aus Riga nach Süddeutschland geflohen, wo Astra zwischen 1947 und 1949 bei Egon Eiermann in Karlsruhe studierte. Nach dem Umzug in die USA schloss sie 1953 an der University of Seattle mit dem Bachelor und 1955 am MIT in Boston mit dem Master ab, jeweils mit Auszeichnung. Bis 1960 arbeitete sie bei Minoru Yamasaki in Detroit und erhielt dann als erste Frau den Rome Prize der American Academy sowie ein Fulbright Stipendium. Der charismatische Werner Düttmann traf Astra Zarina vermutlich auf einer Schiffspassage über den Atlantik und lud sie ein, beim MV mitzumachen, wo fast 16'000 Wohnungen gebaut werden sollten.

Astra Zarina und Douglas Haner, erster Entwurf für das MV (Foto: used by permission of The Civita Institute; all rights reserved)
Modell des zweiten Entwurfs (Modellbild: used by permission of The Civita Institute; all rights reserved)
Neue Ideen für den sozialen Wohnungsbau?

Mit 1148 Wohneinheiten übertrug man der 34-jährigen Astra Zarina im MV eines der größten Baufelder. Sie bearbeitete das Projekt in Rom mit ihrem Ehemann Douglas Phillip Haner. Der erste Entwurf zeigt eine organische, mehrgeschossige Baugruppe, die zu den umgebenden Straßen mit einer eingeschossigen Ladenzeile geschlossen ist. Die originelle Raumfigur fanden die drei Planer Düttmann, Heinrichs und Müller unpassend. Zarina zeichnete 1968 einen Comic, in dem sie das Trio als heilige drei Könige darstellte, die ihr weiter deutlich machten, ein reines Wohngebiet brauche weder Läden, Cafés oder Geschäfte. Der zweite Entwurf entstand 1966 noch in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann, von dem sie sich bald darauf trennte. Auch hier bemängelten die „heiligen drei Könige“ das Ergebnis und mahnten eine erneute Überarbeitung an. Um sicherzustellen, dass nun das Ergebnis den Erwartungen entspricht, stellte man ihr die beiden Berliner Architekten Siegfried Hoffie und Erwin Eickhoff aus dem Büro von Heinrichs zur Seite. Dazu kam eine Firma für Fertigteile, die radikale, neue Rahmenbedingungen vorgab. In ihrem auf italienisch verfassten Comic zeigt Zarina einen Fleischwolf, durch den sie nun die Fertigteile dreht, mit Hilfe der beiden Berliner Kollegen. Die „heiligen drei Könige“ halfen mit etwas gelber (GIALLO) Farbe nach und fertig war die Wohnanlage. Dazu lässt Zarina einen der beiden Kontaktarchitekten sagen: „Weißt du, du bist nicht sehr begabt dafür …“ Offen bleibt, worauf sich das bezieht: Die notwendige Diplomatie um sich in einem ignorant-technokratischen Umfeld durchzusetzen oder den Willen sich auf die ökonomische Optimierung einzulassen, auf deren Scheiterhaufen jegliche räumliche und architektonische Qualität geopfert wurde.  

 

Differenzierte Gestaltung der Wohnanlage im zweiten Entwurf (Foto: used by permission of The Civita Institute; all rights reserved)
Aus dem Comic von Astra Zarina (Foto: used by permission of The Civita Institute; all rights reserved)
Das Verschwinden der Architektin

Doch damit nicht genug. 1972 publizierte der Senat für Bau- und Wohnungswesen die offizielle Plandokumentation für das MV. Bereits in der Übersicht zum Bauvorhaben, wo alle Architekten gelistet sind, fehlt ihr Name, ebenso beim ersten städtebaulichen Plan von 1965. Stattdessen steht HANER, der Name ihres Mannes. Bei keinem anderen Büro mit mehreren Architekten kommt das vor. Im Plankopf des Architekturentwurfs steht eindeutig Astra Zarina, Douglas Phillip Haner Architects. Bei den städtebaulichen Plänen von Dezember 1966 steht erneut nur HANER und Zarina bleibt unterschlagen. Bei der Übersicht zur Grundrissdokumentation taucht dann zum ersten Mal „A. Zarina“ auf. Allerdings folgt für das ausgeführte Projekt gleichberechtigt Eickhoff, Hoffie, Zarina, in alphabetischer Reihenfolge. In einer weiteren Broschüre des Senats (1975) werden alle Architekten und ihre Wohnbauprojekte ausführlich gewürdigt, die ausländischen Architekten sogar hervorgehoben, nur Astra Zarina blieb unbenannt. Das sind nur zwei Beispiele aus offiziellen Dokumentationen, denen man noch viele weitere beifügen könnte.

Einige Baublöcke in der originalen Farbigkeit der 1970er-Jahre (Foto: Heinrich Kuhn. Bildnutzung mit freundlicher Genehmigung von Sabine Krueger)
Die energetische Sanierung brachte eine neue Farbigkeit, konnte aber die städtebaulichen Probleme nicht verbessern. (Foto: Eduard Kögel, 2021)

Die Auslassung ist symptomatisch und wirft Fragen auf. Die in Rom lebende amerikanische Architektin hatte zwei Jahre bei Egon Eiermann studiert, war also mit dem deutschen Diskurs vertraut und es gab keine sprachlichen Barrieren. Wieso verschwindet sie dennoch in der Dokumentation und in der Rezeption? Wieso wurden ihre Ideen zum Stadtraum und zu den Grundrissen nicht offen diskutiert? Immerhin war sie die einzige Architektin. Neben der sicherlich vorhandenen Ignoranz gegenüber Architektinnen, mag auch der sagenhaft schlechte Ruf – noch vor der Fertigstellung des MVs wurde es zum Synonym für das Versagen der Moderne – mit dazu beigetragen haben, detailliert darüber zu diskutieren. Aber damit lässt sich nicht erklären, wieso ihr Name so oft ganz verschwand. Wer sich heute aus der Genderperspektive mit der Architektur befasst, wird in der Baugeschichte im 20. Jahrhundert schnell feststellen, dass hier kein Einzelfall vorliegt. Sie selbst nahm es mit Humor und schrieb in einem späteren Bewerbungsschreiben: „The project was delivered on time and constructed within the budget. (The architect Astra Zarina survived but became neither rich nor famous.)“
Astra Zarina fokussierte ihre fachliche Expertise in den folgenden Jahren auf den Erhalt historischer Bauten in Italien und auf die Ausbildung. Zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Tony Costa Heywood arbeitete sie bis zu ihrem Tod 2008 eng mit dem in Seattle beheimateten Northwest Institute for Architecture and Urban Studies in Italy (NIAUSI) zusammen, um für das Bergdorf Civita di Bagnoregio eine Perspektive zu entwickeln.

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