Recycling und Erneuerung: Chinesische Architekten im MoMA

Eduard Kögel
29. September 2021
Ausstellung „Reuse, Renew, Recycle“ im MoMA in New York (Foto: John Hill)

Das MoMA eröffnete am 19. September in seiner Storefront Gallery die Ausstellung „Reuse, Renew, Recycle. Recent Architecture from China“, die bis zum 4. Juli 2022 zu sehen sein wird. Es ist das erste Mal in seiner Geschichte, dass sich das New Yorker Museum zeitgenössischen Architekten aus China zuwendet.

Wie im Titel bereits angesprochen, werden ganz spezifische Aspekte der Entwicklungen vorgestellt, die mit acht Projekten von sieben unabhängigen Büros präsentiert sind. Dabei geht es um die Umnutzung ehemaliger Industriegebäude, das Recycling von Baumaterialien, Neuinterpretation historischer Bautechniken, experimentelle Umnutzung traditioneller Bauten in der Stadt und das Bauen im ruralen Hinterland der großen Metropolen. Insgesamt stehen also eher Nischenthemen im Fokus, die vor dem Hintergrund des Klimawandels jedoch in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden.

Das Büro Amateur Architecture Studio aus Hangzhou, das der Pritzker-Preisgewinner Wang Shu und seine Partnerin Lu Wenyu betreiben, ist als einziges mit zwei Projekten vertreten. Das eine ist ein kleiner Pavillon, den das Büro zwischen 2004 und 2006 in Jinhua geplant und gebaut hat. 2002 hatte der Künstler Ai Weiwei nationale und internationale Architekten eingeladen in einem öffentlichen Park entlang des Flusses eine Reihe von Pavillons zu entwerfen. Für Teile der Fassade entwickelte das Büro ein Raster aus handgemachten und individuell eingefärbten Keramikziegeln. Mit diesem Demonstrationsprojekt verbanden sie handwerkliche Tradition mit zeitgenössischer Architektur. In der Ausstellung wird ein 1:1-Modell der Fassade gezeigt. Das zweite Projekt von Amateur Architecture Studio befasst sich mit der Regeneration des Dorfes Wencun, in dem das Büro bestehende Häuser renovierte und neue Wohnhäuser, Brücken, Pavillons und eine Schule realisierte. Die Bauten wurden mit lokalen Ressourcen wie Stampflehm, Bambus oder Kalkstein ausgeführt.

Wencun Village in der Ausstellung, Amateur Architecture Studio (Foto: John Hill)
Mock-up in der Ausstellung, Amateur Architecture Studio (Foto: John Hill)

Atelier Deshaus (Liu Yichun & Chen Yifeng) wird mit dem privaten Long Museum am West Bund in Shanghai vorgestellt. Das 2001 gegründete Atelier, dessen Name sich aus Dessau und Bauhaus zu Deshaus zusammensetzt, hat das Museum 2014 fertiggestellt. Den Bezug zum Thema setzt die Integration einer Kohlentransportbrücke aus den 1950er-Jahren, sowie die Umnutzung einer zweigeschossigen Garage, die das Untergeschoss des Museums beherbergt. Heute ist das Long Museum eines der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in China. 

Ebenfalls am West Bund in Shanghai befindet sich die 2016 von Archi-Union Architects (Philip F. Yuan) entworfene Chi She Galerie. Dafür wurde ein abbruchreifes kleines Lagerhaus ertüchtigt und aus vorgefundenen grauen Ziegeln eine dreidimensionale, perforierte Fassade entwickelt. Die experimentelle Verbindung zwischen traditionellem Material und extravaganter Form konnte in dieser Präzision nur durch den Einsatz der Robotertechnologie erreicht werden. 

Das in Peking beheimatete Büro Vector Architecs (Gong Dong) ist in der Ausstellung mit dem 2018 fertig gestellten Alila Hotel nahe der Stadt Guilin vertreten, die wegen der dramatischen Karstberge als Tourismusdestination sehr beliebt ist. Die Architekten nutzten eine verlassene Zuckerfabrik aus den1960er-Jahren um und erweiterten sie mit einem Bettenhaus. In der äußeren Bauform und in der Nutzung einheitlicher Materialien werden Neubau und Bestand zusammengefasst.

Long Museum in Shanghai, Atelier Deshaus (Foto: Su Shengliang)
Chi She Gallery in Shanghai, Archi-Union Architects (Foto: Bian Lin)

Das Büro ZAO/standardarchitecture (Zhang Ke) ist mit dem experimentellen Micro-Hutong vertreten. Der Umbau eines kleinen Hofhauses in Peking erlaubt neue Nutzungen für die lokale Gemeinschaft. Das Projekt steht stellvertretend für die Arbeiten des Büros in der Pekinger Altstadt, wo sie weitere traditionellen Hofhäuser mit behutsamen Eingriffen zu neuem Leben erweckten. Gerade hier, wo die alte eingeschossige Baustruktur aufgrund des Bodenwertes unter extremem Druck steht, bedarf es neuer Ansätze, die auch in Zukunft tragfähige Lösungen ermöglichen. 

Das Studio Zhu-Pei, das ebenfalls in Peking seinen Sitz hat, ist mit dem spektakulären Imperial Kiln Museum vertreten, das 2020 in der Porzellanstadt Jingdezhen eröffnet wurde. Der Architekt verwendete für die Gewölbe recycelte Ziegelsteine aus den Brennöfen, die aus technischen Gründen alle zwei bis drei Jahre ausgetauscht werden müssen. Er übernimmt hier ein Nachnutzung, die von der lokalen Bevölkerung seit Jahrhunderten praktiziert wird. Aber auch in Geometrie, Struktur und Material hat sich Zhu Pei von den Brennöfen inspirieren lassen. 

Das poetischste Projekt mit dem kleinsten Eingriff kommt vom Pekinger Büro DnA_Design and Architecture, das von Xu Tiantian betrieben wird. Sie ist mit dem Bambus-Theater in der Region Songyang vertreten, wo sie seit 2014 in vielen Dörfern mit kleinen Eingriffen eine positive Veränderung im Selbstverständnis der lokalen Bewohnerschaft erreichen konnte. Inspiriert von einem Rollbild des Malers Qiu Ying aus dem 16. Jahrhundert, das zeigt, wie der schnellwachsende Bambus durch geschicktes Zusammenbinden einen kreisrunden Naturraum definiert, entstand ein Raum für die Operngruppe im Dorf Hengkang.

Alila Hotel nahe Guilin, Vector Architects (Foto: Su Shengliang)
Micro Hutong in Peking, ZAO/standardarchitecture (Foto: Wu Qingshan)

Die Projekte entstanden über den Zeitraum von zirka 20 Jahren und reflektieren auf unterschiedliche Weise die Themen Erneuerung und Recycling, die auch in China mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Die Größe der gezeigten Projekte macht deutlich, dass es sich hier bislang eher um ein Nischenthema handelt, das die Realität der gigantischen Herausforderung zur Sanierung der urbanen Megastrukturen oder der erneuerungsbedürftigen frühen Wohnhochhäuser aus den 1980er- und 1990er-Jahren noch nicht erreicht hat. Dass dies in den nächsten Jahren ansteht, ist alleine schon wegen der grauen Energie vonnöten, die in den großen Bestandsgebäuden gebunden ist. Dennoch ist es für die Architekten in China wichtig, dass diese Ansätze nun auch im MoMA in New York gezeigt werden, denn dadurch gewinnen sie in ihrem Heimatland an Bedeutung. 

Die Ausstellung organisierten Martino Stierli, The Philip Johnson Chief Curator of Architecture and Design, und Evangelos Kotsioris, Assistant Curator, Department of Architecture and Design. Li Xiangning von der Tongji Universität in Shanghai beriet die Kuratoren. Die Ausstellung kosten keinen Eintritt und kann ohne Zeitticket besucht werden. 

Porzellanmodel des Imperial Kiln Museum in der Ausstellung, Studio Zhu-Pei (Foto: John Hill)
Bambus-Theater in Songyang, DnA_Design and Architecture (Foto: Wang Ziling)

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