Raumplanung sichtbar gemacht

Katinka Corts
6. April 2022
Der Grünzug Nord an der Großwohnsiedlung in Bonn-Tannenbusch, Nordrhein-Westfalen, September 2021 (Foto: Jürgen Hohmuth und Marcus Fehse, zeitort.de, Berlin)
„Auf 99% des Gebäudebestandes in Deutschland trifft zu: Das nächste Haus befindet sich in maximal 1,5 Kilometern Abstand.“

Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e. V.


Das Konzept der planetaren Grenzen besagt, dass die Stabilität des Ökosystems und die Lebensgrundlagen der Menschheit gefährdet sind, wenn eben jene Grenzen überschritten werden. Nach Einschätzung der Forscher*innengruppe unter Leitung des schwedischen Resilienzforschers Johan Rockström im Jahr 2009 wurden bereits damals mehrere der neun definierten Grenzen überschritten: die Klimakrise, der Stickstoffkreislauf und das Artensterben waren es zur Veröffentlichung der Studie. Aktuellen Untersuchungen zufolge nähern sich heute auch die Abholzung und andere Landnutzungveränderungen der kritischen Grenze. Es ist die Sorge unserer Zeit, wie die globalen und ökologischen Krisen bewältigt werden sollen.

Die Bedeutung der Landnutzung wurde erst in den letzten Jahren umfassend entschlüsselt. Gutachten des Weltklimarats und des wissenschaftlichen Beirats für globale Umweltfragen zeigten auf: Landnutzung ist deshalb ein entscheidender Faktor, weil sie viele andere Aspekte miteinander verknüpft. Es gilt, den Klimaschutz voranzubringen, gleichzeitig die Biodiversität zu schützen. Gesunde Ernährung rückt immer mehr in den Mittelpunkt, die Agrarproduktion soll umweltverträglicher und nachhaltiger sein während sowohl die forcierte Energiewende als auch Infrastruktur- und Siedlungsflächen nach Raum greifen. Nicht zuletzt hat auch die Corona-Pandemie in diesem Themenfeld ihre Spuren hinterlassen: zahlreiche Standorte werden heute neu bewertet und einer neuen Nutzung verschrieben.

Der wachsende Veränderungsdruck auf den Landschaftsraum macht auch die Konflikte sichtbarer. Wächst die Bevölkerung und expandiert damit die Siedlungsfläche, verschwinden immer mehr bisher freie Bereiche. Erschreckend konkret wurde das bereits in einer Studie von 2019, die das Leibniz-In­sti­tut für öko­lo­gi­sche Raum­ent­wick­lung (IÖR) und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gemeinsam erstellte. Die Autor*innen fanden heraus, dass es in Deutschland kaum mehr gebäudefreie Zonen gibt: Egal, wo man sich aufhalte im Land, sei das nächste Gebäude maximal 1.5 km entfernt.

 

Über den Dächern von Dorteweil bei Bad Vilbel, Hessen, September 2021 (Foto: Jürgen Hohmuth und Marcus Fehse, zeitort.de, Berlin)
„Unsere Ergebnisse machen deutlich, wie dringlich es ist, in Deutschland mehr für den Flächenschutz und auch für die Entsiegelung von Böden zu unternehmen.“

Martin Behnisch, IÖR 

Das Wohngebiet Frankfurt-Riedberg mit der Skyline, Frankfurt am Main, August 2019 (Foto: Jürgen Hohmuth und Marcus Fehse, zeitort.de, Berlin)
„Es geht darum, Aufmerksamkeit für dieses komplexe und abstrakte Thema der Raumplanung und die damit einhergehenden Landschaftsveränderungen und -gestaltungen zu schaffen. Mit reinen Fachinformationen erreichen wir die, die damit arbeiten. Ein Bildband und eine Ausstellung sprechen hingegen auch die Öffentlichkeit an.“

 Christian Schlag Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)


Das Ende 2021 erschienene Buch Die Ge­stalt des Raumes ist als analytische Bestandsaufnahme zu verstehen, die mit imposanten Luftaufnahmen aus geringer Höhe den zusammenhängenden Blick auf die Landschaft ermöglicht. Begleitende Aufsätze beschreiben den Stand der Dinge – Handlungsanweisungen sind hier aber nicht zu finden und diese sollen auch nicht gegeben werden.

Denn das Buch, die begleitende Wanderausstellung und mehrere Lesungen sollen nicht nur auf fachlicher Ebene, sondern auch publikums- und öffentlichkeitsnah wirken. Großformatige Fotografien bezeugen, dass der uns umgebende Raum das Produkt massiver und multipler gesellschaftlicher Eingriffe ist. Komplex sind die Zusammenhänge, teilweise auch widersprüchlich, und auch Nutzungskonflikte im System Raumplanung werden nachvollziehbar: Windkraftanlagen und Solarfelder treffen auf historische Kulturlandschaften, Siedlungsraum und bewirtschaftete Agrarflächen. 

Um deren Entstehungsgeschichte besser verstehen zu können, haben die Herausgeber zwischen den Bildstrecken erläuternde analytische Texte gesetzt. Gegliedert ist das Buch in die fünf Ka­pi­tel „Ge­sich­ter Deutsch­lands“, „Sied­lungs­in­fra­struk­tur“, „Ener­gie­in­fra­struk­tur“, „Frei­raum­land­schaf­ten“ und „Wandel zum Ur­bano­zän“, in denen jeweils zahlreiche Fachautor*innen zu Wort kommen. Gerade die Kombination aus den fotografischen Elementen und den analytischen Texten macht die Publikation erzählerisch und optisch ansprechend, denn weder verliert sie sich als hübsch anzuschauender Bildband, noch als Fachbuch, das der Öffentlichkeit inhaltlich unzugänglich bleibt.
 

Die Gestalt des Raumes

Die Gestalt des Raumes
Wendelin Strubelt, Fabian Dosch, Gotthard Meinel
Fotos: Jürgen Hohmuth, Marcus Fehse

23 x 30 cm
420 Seiten
400 Illustrationen
Hardcover
ISBN 9783803022240
Wasmuth & Zohlen Verlag
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Ausstellung im Zentrum für Baukultur Sachsen
ZfBK im Kulturpalast Dresden, Schloßstraße 2, 01067 Dresden (Innere Altstadt)
Di – Sa   13 – 18Uhr, Eintritt frei

Website zu Projekt und Buch mit weiteren Informationen und aktuellen Veranstaltungen

Publikation des BBSR
Regionale Landschaftsgestaltung. Eine Aufgabe der Raumplanung

Modellvorhaben der Raumordnung „Regionale Steuerung der Siedlungs- und Freiraumentwicklung“
BMWSB und BBSR fördern Modellregionen, die innovative Ansätze zur regionalen Steuerung der Siedlungs- und Freiraumentwicklung erproben. Die Förderung von je bis zu 200'000 Euro läuft über mindestens zwei Jahre. Eine Bewerbung ist bis zum 13.05.2022 möglich.

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