Neue Architektur mit altem Material

Ulf Meyer
24. März 2021
Superuse Studios, Villa Welpeloo, Eschede, Niederlande (Foto © Allard van der Hoek)

Das Haus der Architektur in Graz zeigt ab 14. April, wie Baumaterialien wiederverwendet werden können. Präsentiert werden internationale Beispielprojekte.

Im Jahr 2050 werden 68 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben – das sind sechs Milliarden Menschen. Große soziale, ökologische, wirtschaftliche und auch architektonische Herausforderungen gehen damit selbstredend einher. Anlässlich seiner neuen Ausstellung „Material Loops. The Circular Economy – Bestand als Materialressource“ schreibt das Grazer Haus der Architektur (HDA) dazu: „In Städten kann ein Wertschöpfungskreislauf entstehen, der neue Geschäftsmodelle fördert und eine nachhaltige Wirtschaft ermöglicht. Zur Umsetzung sind neue gesetzliche Rahmenbedingungen erforderlich, die die Kreislaufwirtschaft fördern und Gewährleistungsfragen regeln.“

Heutige Bauprodukte sind oft komplex – in einem problematischen Sinne: Vielfach sind sie aus vielen unterschiedlichen Bestandteilen aufgebaut und weisen Beschichtungen aus Kunststoffen auf, die nur schwer wiederzuverwenden sind. Nach dem Abbruch enden solche Materialien zumeist als Sondermüll. Dieser Problematik nimmt sich die Ausstellung im HDA an – wie übrigens etliche andere und viele Publikationen derzeit. Sie stellt Architekturen, Umnutzungen und Systemkreisläufe vor. Zu sehen sind Bauten aus der Schweiz, Deutschland, Holland und natürlich aus Österreich selbst.

CITYFÖRSTER architecture + urbanism, Recyclinghaus, Kronsberg, Deutschland (Foto © Olaf Mahlstedt)

Das sogenannte Recyclinghaus von CITYFÖRSTER architecture + urbanism im deutschen Kronsberg wurde 2019 fertiggestellt. Mehr als die Hälfte der Baustoffe sind wiederverwendet. Neue Materialien wurden so eingesetzt, dass man sie am Ende des Lebenszyklus des Bauwerks einer weiteren Verwendung zuführen kann. Dies gilt zum Beispiel für die Dichtungen, die Wasserleitungen oder auch einige konstruktive Bauteile. Auch Fenster mit Dreifachverglasung konnten nicht gebraucht beschafft werden.

Die Villa Welpeloo der Superuse Studios in Enschede in den Niederlanden besteht aus alten Stahlprofilen. Sie gehörten einst zu einer Maschine für die Textilherstellung. Der Baustellenaufzug wurde wiederverwendet. Die Fassade ist mit Holzlatten verkleidet, die vormals zu alten Kabeltrommeln gehörten, die in einer örtlichen Kabelfabrik gesammelt wurden. Etwa tausend Kabeltrommeln lieferten das Material für die Fassaden und Innenwände.

de Architekten Cie, Circl Pavilion, Amsterdam, Niederlande (Foto © Ossip van Duivenbode)

Der Pavillon The Circl in Amsterdams Finanzdistrikt dient Bankern für Besprechungen, Mahlzeiten und als Bar. Die verlustfreie Demontage beim Abbau wurde von Anfang an einkalkuliert: Die Fassadenpaneele aus Lärchenholz und Aluminium können wiederverwendet werden. Das Parkett besteht aus Restholz, das aus einem Kloster und einer Bar stammt, die Bodenfliesen sind aus recyceltem Beton. Die Isolierung wurde aus 16 000 ausrangierten Jeanshosen hergestellt. Die Wände sind mit einem Akustikputz versehen, der unter anderem aus alten Bankuniformen gemacht wurde. Die Rahmen der Glasfronten aus Tropenholz stammen indes aus einem Philips-Büro in Hilversum. Die Bar wurde aus alten Bankschließfächern gebaut. Auch Abwasserleitungen und Kabeltunnel stammen aus zweiter Hand. Beim Aufspüren des Baumaterials half den Architekten eine Urban-Mining-Agentur. Alle Materialien sind in einem Open-Source-Gebäudepass festgehalten.

baubüro in situ, Mockup der Fassade des K118, Schweizerisches Architekturmuseum, Basel (Foto © Martin Zeller)
K118, Winterthur, Schweiz (Foto © Martin Zeller)

Die Arbeiten des Schweizer Büros in situ wie das K118 in Winterthur sind ebenfalls interessante Beispiele für die gelungene Wiederverwertung von Baumaterial. Der besagte Anbau wurde um fünf Geschosse aufgestockt, wobei Werkstoffe aus verschiedenen Rückbauten in der Region zum Einsatz kamen. Das Grundgerüst besteht aus einer Stahlstruktur. An dieser wurden Fassadenelemente aus Holz, die mit einer Strohdämmung gefüllt sind, befestigt. Stroh, Aushublehm und Holz waren in großen Mengen vorhanden und konnten mit minimalem Einsatz von grauer Energie verarbeitet werden. Die Südfassade wurde aus dem Material der einstigen Blechfassade der Ziegler-Druckerei im Stadtteil Grüze gefertigt. Die Treppe an der Ostfassade ist über 30 Jahre alt und zierte zuvor die Fassade des Bürogebäudes Orion in der Nachbarstadt Zürich. Von diesem Gebäude stammen auch 80 Fenster sowie Fassadenplatten aus Granit, die für die Balkonböden verwertet wurden.

Delugan Meissl Architects, MedUni Campus Mariannengasse, Wien (Visualisierung © Delugan Meissl Architects)

In Wien konnte BauKarussell 140 Tonnen Material aus einem Abrissobjekt gewinnen und verwerten. Bevor die Medizinische Universität Wien auf dem Areal des Wien-Energie-Zentrums den MedUni Campus errichtete, wurde BauKarussell beauftragt, vor Ort „Social Urban Mining“ zu betreiben. Es wurden 5000 Arbeitsstunden geleistet. Von Hand wurden 81 170 Kilogramm Material sortenrein getrennt und für die weitere Verwendung vorbereitet, darunter Leuchtstoffröhren, Zwischendecken sowie Buntmetalle. Es fanden 20 Langzeitarbeitslose Beschäftigung. Von Schwerlastregalen über Handläufe bis hin zu Uhren wurde das Material von BauKarussell in einem Bauteilkatalog erfasst und schließlich für den Einsatz in neuen Projekten vermittelt. So fanden hundert Jahre alte Paternosterkabinen ihren Weg ins Wiener Aufzugsmuseum, ein Start-up richtete eine Fahrradreparaturwerkstatt mit Bauteilen aus dem Objekt ein und eine Glasdecke sowie Handläufe aus der Zeit des Jugendstils wurden im Böhmischen Prater in Szene gesetzt.

Für die Ausstellung wurden also recht disparate, aber durchweg hochinteressante Projekte zusammengestellt. Los geht es am 14. April – der Besuch empfiehlt sich sehr. Hoffentlich wird auch die Schau selbst recycelt und an weiteren Orten gezeigt!

Die Ausstellung wird am 14. April 2021 eröffnet. Sie ist bis 4. Juli dieses Jahres im Haus der Architektur an der Mariahilferstraße 2 in Graz zu sehen. Bitte beachten Sie, dass Einschränkungen aufgrund der Pandemie möglich sind.

Im Rahmen der Schau soll am 2. Juli eine Konferenz zum Thema „Circular Economy“ stattfinden. Außerdem erscheint zur Ausstellung eine Publikation.

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