Mit Rudolf Hamburger durch die Zeit

Katinka Corts
18. November 2020
Der Neubau Victoria Nurses’ Home war Teil des britischen Country Hospital in Shanghai. Für Rudolf Hamburger war er das erste Projekt im Dienste des Shanghai Municipal Council. (Bild: © Nachlass Familie Hamburger)

Die Biografien von Architekt Rudolf Hamburger und seiner Frau Ursula sind herausragend, führte Rudolfs Weg doch 1930 tief in das Neue Bauen in Asien während Ursula später für verschiedene Geheimdienste arbeitete und schließlich unter dem Namen Ruth Werner Autorin in der DDR wurde. Autor Eduard Kögel hat sich über Jahre mit Rudolf Hamburger befasst und veröffentlichte nun ein umfassendes und sehr lesenswertes Buch über ihn.

Der Anfang ist nicht leicht geschrieben, zu viele Eindrücke sind noch versammelt nach der Lektüre des Buches. Der Lebensweg von Architekt Rudolf Hamburger (1903–1980) ist das Thema des Buches, ja, aber es gibt so viele Nebenschauplätze und beeinflussende Faktoren, dass man sich eher in einem kompakten, kontinenteübergreifenden Historiendrama wähnt. Der jüdisch-bürgerliche Hamburger ging Anfang der 1930er-Jahre gemeinsam mit seiner Frau Ursula via Moskau und mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Shanghai – während in Deutschland Weltwirtschaftskrise herrschte, erlebte Shanghai einen Bauboom. Studiert hatte Hamburger bei Hans Poelzig, so trug er auch die Ideen des Neuen Bauens mit sich. In der Stadtverwaltung der Internationalen Konzession – eine der drei Verwaltungszonen neben der Französischen Konzession und der chinesischen Stadtverwaltung – arbeitete er bald als Architekt. Während er mit einigen großen Bauprojekten begann, arbeitete seine Frau für die Presseagentur Transocean und mit der amerikanischen Journalistin Agnes Smedley, die als Korrespondentin für die Frankfurter Zeitung schrieb.

Das im September 1935 eröffnete Gefängnis (heute Tilanqiao-Prison ) in der Ward Road (heute Changyang Lu) ist immer noch in Betrieb. Es befindet sich im Stadtteil Hongkou. Rudolf Hamburger entwarf einen Bau für 30 weibliche Häftlinge und einen weiteren für 150 männliche Häftlinge. Das Moderne daran war, dass eine Person den sechsgeschossigen Männertrakt mit kreuzförmigem Grundriss vom Zentrum aus überwachen konnte. (Foto: © Nachlass Familie Hamburger)

Nach politisch ruhigeren Jahren (für Rudolf), brachten im Frühherbst 1935 die aktuellen Entwicklungen in Europa Hamburger dazu, aktiv etwas gegen die Nationalsozialisten in Deutschland tun zu wollen. Ursula informierte den russischen Militärgeheimdienst – für den sie indessen tätig war –, die Familie reist daraufhin nach Moskau. Kögel schreibt dazu im Buch: „Die Entscheidung, mit unbestimmtem Ziel nach Europa zurückzukehren, richtete sich gegen sein Talent. Nie wieder sollte Rudolf Hamburger so starke architektonische Mittel finden wie jene, die er in seinen ersten Jahren als Architekt in Shanghai entwickelt hatte.“ 
Zahlreiche Stationen wurden es für die Hamburgers, die Kögel im Kapitel „Emigration im Kreis“ beschreibt – Polen, Schweiz (hier ließen sich die Hamburgers 1939 scheiden), Sowjetunion und Iran. In Teheran arbeitete Rudolf Hamburger wieder als Architekt, wurde dann aber von Moskau der Doppelspionage bezichtigt und kam verurteilt bis 1952 in ein Arbeitslager. Drei Jahre lebte Rudolf danach in der Verbannung in der Ukraine. In dieser Zeit fand sein Kommilitone und Freund Richard Paulick – dem Rudolf 1933 bei der Emigration nach Shanghai geholfen hatte – wieder Kontakt mit ihm. Wie genau Hamburger, der in seiner temporären Heimat als staatenloser Ausländer galt – weder Kriegsgefangener noch politischer Emigrant – schlussendlich an neue Papiere gelangte, geben die Dokumente nicht wieder. 1955 jedenfalls erreichte er Ost-Berlin und begann eine Arbeit bei der Stadtverwaltung Dresden im selben Jahr, bevor er ab 1959 Chefarchitekt in Hoyerswerda wurde. Die neue, sozialistische Wohnstadt Hoyerswerda sollte Wohnort für die Arbeiter des Braunkohlekombinats werden.

Rudolf Hamburger 1955, direkt nach der Rückkehr aus der Sowjetunion, auf der Dachterrasse von Richard Paulicks Wohnung in der damaligen Stalinallee in Ost-Berlin (Foto: © Nachlass Familie Hamburger)

Das dichte Leben Hamburgers und die zahlreichen Stationen, teilweise voll Glück und Erfolg, teilweise von Angst und Gefahr geprägt, arbeitet Eduard Kögel unglaublich präzise heraus. Vergessen werden auch nicht die begleitenden Figuren, die Rudolf über sein Leben hinweg prägen und formen sollten. Sie tauchen in Form von Briefen, Anekdoten und kurzen biografischen Einschüben auf. Das Resultat ist ein umfassendes Bild über einen Menschen und ein Verständnis darüber, wie jemand zu einer Persönlichkeit heranreift. 
Das Buch reiht sich mit seinem Umfang gut in die bestehende Sammlung der DOM-Publikationen Grundlagen ein. Neben dem Inhalt ist es auch die Sprache und Vermittlungskunst Kögels, die das Buch äußerst lesenswert und mitreißend macht. Das kann nicht jede Biografie von sich behaupten. Gerade die Kombination des eher ruhig wirkenden, für Shanghais Verwaltung bauenden Rudolfs mit seiner umtriebigen Frau Ursula, die in Briefen erschreckt über die widrigen Lebensumständen der Chinesen berichtete und sich mehr und mehr radikalisierte, lassen gleich zu Beginn des Buches Tempo aufkommen. Später, ohne Ursula als zweite Hauptperson, ist es besonders das Drama um die Person Rudolf Hamburgers, der sich zeitlebens mit militärischen Geheimdiensten aller Couleur verstrickt.

Rudolf Hamburger 1960 in seinem Büro in Hoyerswerda vor dem großen Plan der neuen Stadt. (Foto: © Nachlass Familie Hamburger)
Katinka Corts: Mit dem Buch über Rudolf Hamburger bist Du Teil der erfolgreichen und mittlerweile recht großen DOM-Publishers-Reihe Grundlagen geworden, in der seit 2013 bereits 85 Bücher in verschiedenen Sprachen erschienen sind. Wie reiht sich Hamburger ein?

Eduard Kögel: Die Biografie von Hamburger zeigt das Leben eines jüdischen Architekten und sein Weg durch Exil, Widerstand und die politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Da oft das Thema Exil aus der Perspektive derer gezeigt wird, die es dann in einem anderen Land „zu etwas gebracht haben“, fand ich es wichtig auch Lebenswege darzustellen, die über die gegebenen politischen Rahmenbedingungen hinaus eine Position fanden, die sich jedoch nicht in einem bedeutsamen fachlichen Beitrag niederschlug. Dabei geht es nicht um Sieger und Verlierer, sondern um die Bandbreite der Exil-Geschichten. 

KC: Der Titel macht Lust auf Lektüre – mit „Widerstand” und „Geheimdienst” bereits auf dem Cover erwartet man eine interessante Persönlichkeit. Wie bist Du auf Hamburger ursprünglich aufmerksam geworden und was fasziniert Dich so an seiner Person?

EK: Nachdem ich mich begann mit Hamburger zu befassen, kamen nach und nach Aspekte zu Tage, die ich so ursprünglich nicht erwartet habe. Die dominate Erzählung über seinen Werdegang war auch in der Familie nicht von geheimdienstlichen Aspekten geprägt. Nach und nach schälten sich beim Studium der originalen Akten in den Geheimdienstarchiven Geschichten heraus, die nicht nur sein eigenes Leben betreffen, sondern die Auskunft geben über die ideologischen Abgründe und Fallstricke des 20. Jahrhunderts. Deshalb schien es mir wichtig, an seinem Beispiel aufzuzeigen, wie Brüche und Kontinuitäten in der deutschen Nachkriegsarchitekturszene Spuren hinterlassen haben. Dazu kommt bei Hamburger, dass sein Leben als literarische Vorlage diente für verschiedene Bücher.

KC: Du bist seit vielen Jahren eng mit dem asiatischen Raum und der dortigen Architektur verbunden. Welche Spuren gibt es heute noch von Hamburger dort und wie wirken sie nach?

EK: Rudolf Hamburger hat in Shanghai zwischen 1930 und 1935 vier große Bauten errichten können, von denen drei noch stehen. Das Schwesternwohnheim wurde kürzlich „saniert“ und ist heute nur noch schwer zu erkennen. Die Schule wurde ebenfalls „erneuert“, ohne dass dabei die Ursprungsidee sonderlich Berücksichtigung fand. Die Gefängnisbauten stehen noch und werden als solche genutzt. Seit 2008 steht der gesamte Gefängniskomplex unter Schutz, und man wartet nun bis die Nutzung verlegt wird, damit man das Quartier der Kreativ-Industrie zuführen kann. Wann es so weit ist und wie das dann aussieht, ist mir bislang nicht bekannt.

KC: Hamburger stammte aus einem Elternhaus, das für die damalige Zeit sehr fortschrittlich war – der Vater Albert Max Hamburger führte eine Textilfirma und ließ eine Wohnsiedlung für seine Arbeiter bauen, die Mutter Else gründete Hort und Kinderbetreuung für die Arbeiterkinder. Rudolf war ebenso in diesem Hort integriert, lernte verschiedene Familienmodelle kennen. Diese offene Denk- und Handlungsweise muss prägend gewesen sein – hat er sich das lebenslang erhalten?

EK: Ja, ich denke im Gegensatz zu seiner Frau Ursula (Heirat 1929, Scheidung 1939), die viel stärker in radikalen kommunistischen Idealen verankert war, blieb Rudolf sein Leben lang den humanistischen Idealen verpflichtet. Ich bin überzeugt, dass das mit dem liberalen jüdischen Elternhaus zu tun hat, und dass er von den Idealen der Familie geprägt war. Das heißt einerseits Verantwortung übernehmen und andererseits bestimmte Rahmenbedingungen nicht unterschreiten.

KC: Du meintest im Gespräch einmal, „eigentlich hätte es ja ein Film werden sollen, jetzt ist es ein Buch“. Magst Du darüber etwas erzählen?

EK: Das Leben seiner geschiedenen Frau wurde noch zu DDR-Zeiten verfilmt, (auf Grundlage ihres Buches „Sonjas Rapport“ *). Da auch seine Geschichte in einem von geheimen Aktionen geprägten Umfeld angesiedelt ist, und dabei an vielen Stationen in den Dokumenten filmreife Szenen geschildert wurden, kann ich mir vorstellen, dass sein Leben auch eine spannende Serie ergeben würde, in deren Hintergrund die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge dargestellt sind.

* Ruth Werner war die wohl bedeutendste Agentin des 20. Jahrhunderts. In Shanghai lernt sie 1930 GRU-Spion Richard Sorge kennen, stellt ihr Haus für illegale Treffs zur Verfügung und arbeitet selber als Spionin. Nach der Trennung von Rudolf Hamburger arbeitete in vielen Ländern: Für Stalin sendet sie aus der Mandschurei und aus Polen, für die „Rote Kapelle“ aus der Schweiz, in England ist sie die Kontaktperson für den Physiker Klaus Fuchs und gibt die Formel für die Atombombe an die Sowjets. Als Oberst der Roten Armee beendet sie ihre Kundschaftertätigkeit und lebt als Buchautorin in der DDR. Im Buch „Sonjas Rapport“ arbeitete sie ihr Leben biografisch auf, die Verfilmung folgte 1982.

Architekt im Widerstand. Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste

Architekt im Widerstand. Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste
Eduard Kögel

21 x 23 cm
336 Seiten
170 Illustrationen
Softcover
ISBN 9783869227610
DOM Publishers
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