Semperpreis 2024 für Roger Boltshauser

Material zum Klingen bringen

Katinka Corts
29. Mai 2024
Haus Rauch in Schlins, gebaut 2005–2008 (Foto: Beat Buehler)

Von Lehmspezialist Martin Rauch inspiriert, sei er über »eine emotionale Faszination für das Material« in das Thema Lehmbau eingestiegen, sagte Roger Boltshauser im August 2023 im Interview mit Susanna Koeberle. Drei Kleinbauten für eine Sport- und Freizeitanlage der Stadt Zürich waren es damals, bald darauf plante er das Wohnhaus Rauch im österreichischen Schlins. Das ist mittlerweile fast 20 Jahre alt und war damals mit seinen dicken Stampflehmfassaden und den darin eingebrachten Zwischenlagen aus gebrannten Ziegeln ein Pionierbau der neueren Zeit.
Mit einigen der neueren Projekte, wie dem Ensemble auf dem Baufeld F in der Europaallee Zürich (2019) und dem Verwaltungsbau der Wasserwerke in Zug (2021), ging Boltshauser einen anderen Weg. Gefügte Elemente prägen die Fassaden, sie wirken wie ein zusammengestecktes Muster aus Glasbausteinen und Betonelementen im Wechsel mit Glas- und Steinflächen. 
Dass damit die Freude an anderen Baustoffen nicht erloschen ist, zeigt der Entwurf für das Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof – vergangenes Jahr überzeugte der Wettbewerbsbeitrag von Boltshauser Architekten die Jury. Die Fassade des zurückhaltend gestalteten Baus wird aus gestampftem Trasskalk gefertigt werden, die Fertigstellung ist für das Jahr 2026 geplant.

»Gerade Nachhaltigkeitsthemen erfordern in meinen Augen kollektives Arbeiten, das kann man nicht alleine bewältigen, es braucht Teamwork. Ich entwerfe, forsche und unterrichte prozessorientiert, nicht resultatorientiert.«

Roger Boltshauser

Roger Boltshauser (Foto: Michael Artur König) 
Einsatz für Materialbewusstsein

»Wir Architekt*innen sind gefordert, Alternativen und Visionen zu entwickeln«, so Boltshauser im Gespräch. Diesbezüglich müsse man auch die Architekturschulen miteinbeziehen: Dort würde geforscht, zugleich könnten diese Themen in Semesteraufgaben durchgespielt und weiterentwickelt werden. Boltshauser, der seit 2018 einen Lehrstuhl für Entwurf und Konstruktion sowie ein Forschungslabor an der ETH Zürich hat, sucht gemeinsam mit seinem Team und seinen Studierenden nach neuen Strategien »für eine Architektur, die angenommen wird, bewohnbar und flexibel ist und die verschiedenen Tendenzen überleben kann«. 

Die Skalierbarkeit derartiger Bauweisen hängt von der Entwicklung hybrider Bausysteme ab. Historische Bauten sind als Mischkonstruktionen von Lehm, Holz und Ziegel gefertigt, möglich sind jedoch auch Kombinationen von Lehm, Stahl und Beton. »Es gibt unzählige Anwendungsmöglichkeiten, es muss nicht immer eine tragende Stampflehmwand sein. Es geht jetzt darum, intelligente Hybridsysteme zu entwickeln« befindet der Architekt. Mindestens dreißig Prozent des Massivbaus könnten durch Lehmbauteile ersetzt werden, was laut Boltshauser ein unglaublicher Hebel wäre: »Ich bin überzeugt, dass man Lehm, in welcher Form auch immer, viel intelligenter verwenden kann.« 

Es liegt neben der noch aufwendigen Verarbeitung vor allem an der falschen Bepreisung der Materialien, dass Lehm im Vergleich so schlecht abschneidet. Betrachte man die Kosten über den gesamten Lebenszyklus inklusive Entsorgung, verändere sich die Rechnung. 
Es ist auch diese Betrachtung des Bauens Boltshausers, für die sich die Jury des diesjährigen Semperpreises begeistern konnte. Sie sieht in dem Architekten einen »Baumeister im traditionellen Verständnis dieses Begriffs«, dessen Bauwerke nicht nur temporäre Bedürfnisse befriedigen, sondern auch Sinn stiften.

Hochhaus H1, Zwhatt, in Bau (Visualisierung: studio blomen)
Ofenturm in Cham, gebaut 2017–2021 (Foto: KusterFrey)
Sport- und Schwimmzentrum Zürich-Oerlikon, in Planung (Visualisierung: studio blomen)
»Wir können Antworten geben, die wegen der Klimafragen plötzlich Chancen bekommen, die sie vorher nie hatten.«

Roger Boltshauser, UDK Tuesday 236

Besonders nachhaltiges Bauen, das Baukunst, Wissenschaft und öko-kulturelle Praxis verbindet – das zeichnet der Semperpreis aus. Der Preis soll im Sinne des Namensgebers die Synthese von künstlerischer Imagination und wissenschaftlich fundiertem Arbeiten an den akuten Fragen des Bauens honorieren, so die Auslober. 
Über die Vergabe des Preises entscheidet eine Jury aus Mitgliedern der Klasse Baukunst und dem Präsidenten der Sächsischen Akademie der Künste und wählte bereits Erich Schneider-Wessling (2007), Günter Pfeifer (2009), Frank Zimmermann (2011), Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch (2013), Undine Giseke (2015), Christoph Ingenhoven (2019) und zuletzt Florian Nagler (2022).
Am 24. Oktober 2024 wird Boltshauser den Preis im Archiv der Avantgarden der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entgegennehmen. Im Herbst wird zudem eine Ausstellung Boltshausers im Zentrum für Baukultur Sachsen im Dresdner Kulturpalast zu sehen sein.


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– Es sei mehr als eine Werkschau mit vielen Bildern schrieb Elias Baumgarten 2021. Das Buch »Roger Boltshauser« begeistere mit außergewöhnlicher Detailschärfe und biete all jenen, die sich für Denkwelten, Haltungen und Theorie interessieren, jede Menge Futter, urteilt er in seiner Rezension. Zum Beitrag

– Roger Boltshauser hat 2019 gemeinsam mit Cyril Veillon und Nadja Maillard von der EPF Lausanne ein Buch zum Baustoff Lehm herausgegeben. Zur Besprechung von »Pisé – Stampflehm. Tradition und Potenzial« von Elias Baumgarten

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