Material-Faszination

Susanna Koeberle
14. Oktober 2020
Die Vielfalt an Formen und Funktionen ist enorm. (Foto: Aslan Kudrnofsky / MAK)

Eine Ausstellung im Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien zeigt die wunderschöne Sammlung von Bakelit-Objekten des Galeristen Georg Kargl (1955–2018). Sie regt auch zur Reflexion über unsere Dingwelt an.

In der Masse entfalten Dinge eine ganz eigene Faszination. Das Auge schweift über die Objekte, weiß zunächst nicht, wo es ruhen soll, und wird dann instinktiv vom einen oder anderen Gegenstand stärker angezogen. Was die Sammlung von 300 Objekten im MAK Wien vereint, ist ihr Material: Bakelit. Der Wiener Galerist Georg Kargl (1955–2018) war offensichtlich fasziniert von diesem Werkstoff und sammelte über Jahrzehnte Erzeugnisse aus dem Material, das heute kaum mehr verwendet wird. Der erste vollsynthetische, industriell produzierte Kunststoff revolutionierte die Alltagskultur der 1920er- bis 1950er-Jahre. Die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Bakelit zeigen sich in der Schau sehr schön: Elektronische Geräte, Kommunikationsmittel, Leuchten, Fotoapparate und allerlei formschöne Aufbewahrungsobjekte liegen in Gruppen gegliedert auf einer tiefen, sonnengelb gefärbten Ausstellungsfläche in der Mitte des Raumes. Die meist dunklen Stücke heben sich auf der leuchtenden Unterlage ab, und man erkennt als Betrachterin auch den eigentümlichen Glanz des auf Phenolharzen basierenden Werkstoffs sehr gut. In den ringsum angeordneten grazilen Vitrinen können Besucher*innen noch näher an die Gegenstände heranzoomen. Bei einzelnen Objekten zeigt sich eine feine Marmorierung, die fast organisch wirkt. Mit Bakelit imitierten Hersteller bewusst auch andere Materialien. Der Werkstoff hatte nicht nur besondere ästhetische Qualitäten, er war wegen seiner Säure- und Hitzebeständigkeit gerade in der Elektroindustrie gefragt.

Ansicht der Ausstellung „Bakelit. Die Sammlung Georg Kargl“, die gerade im Wiener Museum für angewandte Kunst zu sehen ist. (Foto: Aslan Kudrnofsky / MAK)

Bakelit trägt den Namen seines Erfinders: Der belgische Chemiker Leo Hendrik Baekeland (1863–1944) forschte in den USA ab 1899 an einem kostengünstigen Isolationsmaterial für die Elektroindustrie als Ersatz für bis dahin eingesetzte Naturmaterialien wie Schellack und Zelluloid. 1907 konnte er seinen Werkstoff auf Basis des Kohlenwasserstoffproduktes Phenol patentieren. Den vollsynthetischen Kunststoff benannte er „Bakelit“. Ab Markteinführung im Jahr 1920 wurde Bakelit das Material der Stunde für die Technik und Elektroindustrie im Zeitalter der Konsumgesellschaft und industriellen Massenproduktion. 

Die Ausstellung „Bakelit. Die Sammlung Georg Kargl“ umfasst Stücke aus dem Zeitraum zwischen 1930 und 1970, die eine strenge Ästhetik verbindet. Diese resultiert aus einer Beziehung zwischen erwarteter Funktion, technologischen Eigenschaften und Möglichkeiten des Materials sowie verfügbaren Verfahren. Der große Verdienst der Ausstellung liegt dabei nicht nur in der didaktischen Aufarbeitung dieses außergewöhnlichen Materials und seiner Geschichte. Besonders hervorzuheben ist das Ausstellungsdisplay des Künstlers Mladen Bizumic, das wesentlich zur besonderen Wirkung dieser Präsentation beiträgt. Die Gegenstände oszillieren dadurch zwischen archäologischen Artefakten und Alltagsobjekten. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf unsere Dingwelt, die uns täglich umgibt, aber über die wir im Grunde kaum etwas wissen. Dass Bakelit heute fast nicht mehr hergestellt wird, hängt mit ökologischen und wirtschaftlichen Überlegungen zusammen. Weder abbau- noch recycelbar steht es auch für eine Entwicklung der Industrie, die zu den heutigen dramatischen Verhältnissen (Ressourcenraubbau, Umweltverschmutzung und Klimawandel) geführt hat. Es liegt auch etwas Erschreckendes in unserer Materialblindheit. Vielleicht kann der Umweg über das Schöne zu einer grundsätzlichen Reflexion über Materialien und ihre Bedeutung führen.

Besonders hervorzuheben ist das gelungene Ausstellungsdisplay des Künstlers Mladen Bizumic. (Foto: Aslan Kudrnofsky / MAK)

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