Material als zeitliche und geografische Klammer

Susanna Koeberle
14. März 2022
Die Synagoge während des Öffnens (Foto © Iwan Baan)

 

Der aktuelle Krieg in der Ukraine erschüttert. Er reißt auch alte Wunden auf. Denn das Gelände im Westen von Kiew, auf dem kürzlich mehrere Menschen durch einen Raketenangriff ihr Leben verloren, wurde 1941 zum Ort eines der schlimmsten Massaker in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Am 29. und 30. September 1941 wurden etwa 35000 jüdische Menschen von SS-Offizieren, Einsatzgruppen und Wehrmachtssoldaten mit Unterstützung lokaler Truppen erschossen. In den folgenden Wochen und Monaten wurden auf dem Gelände von Babyn Yar mehrere zehntausend weitere Jüdinnen und Juden, sowjetische Kriegsgefangene, Kommunistinnen, ukrainische Nationalisten, Roma sowie Patientinnen einer nahe gelegenen psychiatrischen Klinik ermordet. Am Ort dieses schrecklichen Massenmordes stehen heute wenige Gedenkstätten. Geplant sind weitere Bauten, die an dieses Ereignis erinnern sollen. Letzten September wurde die Babyn-Yar-Synagoge eingeweiht. Der Entwurf von Manuel Herz ist in mehrfacher Hinsicht interessant und verdient an dieser Stelle eine besondere Würdigung, denn er gemahnt uns an unsere eigene Verletzlichkeit.

 

Die Synagoge liegt auf einem weitläufigen Gelände, das auch als Park genutzt wird. (Foto © Iwan Baan)

Manuel Herz glaubt, dass die Disziplin Architektur durchaus einen Beitrag leisten kann zu einem angemessenen Umgang mit einer solchen Vergangenheit. Allerdings wollte er bewusst eine Gleichsetzung der Schwere des Verbrechens mit der physischen Erscheinung des Bauwerks vermeiden. Er suchte nach einer „andersartigen Form des kommemorativen Bauens, einer transformativen und interaktiven“ nämlich, wie er im Gespräch erklärt. Die Synagoge von Manuel Herz ist bezüglich ihrer Bauweise untypisch und nimmt nichtsdestotrotz auf lokale Typologien und Traditionen Bezug. Der europäische Synagogenbau des 19. Jahrhunderts orientierte sich entweder an kirchlichen Bauten oder an einem orientalisierenden Baustil. In der Westukraine entwickelte sich allerdings schon im 17. Jahrhundert eine eigenständige Typologie, bei der geschnitztes und bemaltes Holz zum Einsatz kam. Diese Synagogen wurden während des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört. 

Neben dem bauhistorischen Verweis auf diese Typologie ist für Herz die Wahl des Materials Holz auch inhaltlich ein zentraler Bestandteil seines Entwurfs. Das Holz brauche tägliche Pflege, man müsse es quasi wachhalten. Genau diese Zuwendung sei der Kern der Bedeutung von Erinnerung, sagt Herz. Für die Babyn-Yar-Synagoge verwendete der Architekt über hundertjähriges Eichenholz, das aus allen Teilen der Ukraine und vor allen Dingen aus einer Zeit vor dem Massaker stammt. Das Material schafft eine zeitliche und geografische Klammer. Aufgrund seines geringen Gewichts war es möglich, das Fundament so zu bauen, dass es den Boden möglichst wenig verletzt. Der Sakralbau befindet sich auf einer Holzplattform, die über dem Grund schwebt. Das betont die Fragilität des Ortes und des Bauwerks. Gepflegt werden muss nicht nur das Holz, sondern auch der aufwendige Mechanismus, mit dem die Synagoge geöffnet wird. Wie das Buch, in dessen Namen die Gemeinschaft der Gläubigen zusammenkommt, ist auch das Gebäude aufklappbar. Durch diese performative Geste wird der Bau aktiviert und öffnet sich zudem auch für andere Menschen. Die Synagoge und das Geschehen darin werden Teil des öffentlichen Lebens. Auch das ist ein starkes Statement, gerade angesichts der Tatsache, dass der Antisemitismus im Osten – wie auch andernorts – keineswegs verschwunden ist. Der Bau bedarf also sowohl auf einer profanen und materiellen als auch auf einer spirituell-symbolischen Ebene der Pflege einer Gemeinschaft.

 

Die Synagoge ist auch während des Gottesdienstes Teil des öffentlichen Lebens. (Foto © Iwan Baan)

In geschlossenem Zustand fällt der elf Meter hohe und zwei Meter dicke Holzbau kaum auf. Sobald er sich öffnet, zeigt sich seine farbige Innenwelt. Für die Ausführung der Malereien arbeitete Herz mit lokalen Kunsthandwerkerinnen und Künstlern zusammen. Die Wände sind dicht mit Ornamenten sowie Gebeten und Segenssprüchen versehen. Das Bild an der Decke stellt die Sternenkonstellation des 29. Septembers 1941 dar, also das letzte, was die Menschen damals sahen, bevor sie erschossen wurden. Statt der Sterne wählte Herz Blumen – eine Transformation, die das Schöne mit dem Furchtbaren und Unheimlichen verbindet. Schönheit und Tod berühren sich und erinnern an unsere Vergänglichkeit, an das Wesen des Menschseins überhaupt. 

 

Blick von der Bimah (Gebetsplattform) zur Decke und zur Galerie (für weibliche Teilnehmer am Gottesdienst). (Foto © Iwan Baan)

Die Synagoge bietet in ihrer besonderen Form und Materialisierung eine Vielzahl von Lesarten, nicht nur auf religiöser Ebene. Der Bau steht auch für eine offene Gesellschaft und insbesondere in dieser Region für das Zusammenleben verschiedener Völker und Kulturen. Der aktuelle Krieg bedeutet eine Zäsur, er verhärtet Fronten, das befürchtet auch Manuel Herz. Diesem eindimensionalen Denken widersetzt sich der Entwurf. Die Synagoge von Babyn Yar ist im eigentlichen wie im übertragenen Sinn ein Buch mit vielen Seiten. 

Modell des Bauwerks (GIF mit Fotos von Manuel Herz Architekten)

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