IBA-Projekt Backnang: Zurück zum Fluss

Leonhard Fromm
18. Januar 2022
Wettbewerb „Quartier Backnang West“: Modell des Siegerentwurfs von Teleinternetcafe Architektur und Urbanismus zusammen mit Treibhaus Landschaftsarchitektur (Foto: Kohler Grohe)

Wie die Zukunft einer Mittelstadt aussieht, lässt sich am Architektur-Wettbewerb im schwäbischen Backnang erahnen. Das IBA27-Projekt wurde nun vorgestellt. Es zeigt eine produktive Stadt am rekultivierten Fluss, die Raum zum Leben lässt.

Die Situation ist so komplex wie ein Schaltplan: Eine Stadt mit 38'000 Einwohnern im Einzugsgebiet von Stuttgart will ein 17 Hektar großes Areal rekultivieren. Das Stadtquartier, das in etwa so groß ist wie die Altstadt von Backnang, um die es hier geht, dümpelt seit Jahrzehnten vor sich hin. Neben Firmen wie dem Technologiekonzern Tesat, der in grauen Bürogebäuden residiert, finden sich auf dem Areal verfallene Industriehallen, eine alte Mühle, etliche kleine Handwerksbetriebe, eine Secondhand-Boutique, ein Jugendzentrum, die örtliche Tafel und ein Aldi. 

Vielen Gebäuden sieht der Betrachter den Renovierungsstau an. Das städtische Technikmuseum ist der einzige sanierte Glanzpunkt. Die Murr, der örtliche Fluss, der sich durch das von Hügeln eingefasste Stadtgebiet schlängelt, wurde vor Jahrzehnten vergraben und mit 1000 Parkplätzen überbaut. Wohnraum gibt es im Quartier Backnang-West keinen, dafür aber eine Handvoll Eigentümer, deren Grundstücke auf dem Areal teils seit der Industrialisierung im Familienbesitz sind, teils neureichen Industriellen gehören. Backnang, und im speziellen das Quartier West, ist bekannt und berüchtigt für seine Lederfabriken, die längst stillgelegt sind. Aber bis heute ist der Boden mit Chemikalien von damals belastet. Die Murr diente lange als billiger Abwasserkanal.

Umfeld zum IBA’27-Projekt Quartier Backnang-West (Foto: IBA’27 / Tobias Schiller)

„Da kommt die Internationale Bauausstellung 2027 der Stadt-Region Stuttgart genau richtig“, sagt Baudezernent Stefan Setzer. Unter ihren Fittichen lobte die Mittelstadt einen Architektur-Wettbewerb aus. 103 Büros von London bis Vietnam bewarben sich. Aus 22 anonymen Arbeiten wählte die 25-köpfige Jury schließlich einen Sieger: Eine Arbeitsgemeinschaft der Büros Teleinternetcafe und Treibhaus, die aus Berlin bzw. Hamburg stammen. Die Büros für Stadtbau und Landschaftsarchitektur arbeiten seit zehn Jahren zusammen, vorwiegend für städtebauliche Projekte. Ihr Entwurf begeistert Jury, Verwaltung und Gemeinderat. Selbst bei den heterogenen Grundstückseigentümern, die mit in der Jury sitzen, findet er Anklang. 

Dabei ist das Neue ein wenig das Alte. Statt glitzernder Verkaufsprospekt-Architektur mit gläsernen Fassaden, besinnen sich die kreativen Köpfe aus dem Norden auf den schwäbischen Baubestand. Sie schaffen Raum für bis zu 1000 Wohnungen und graben den Fluss aus, wollen ihn mit zwei Hektar Grünfläche als Lebensachse des Quartiers inszenieren. Ein Höhenpark mit regional typischen Stäffele (Treppen) sorgt für gutes Klima. Die bisherige Hauptverkehrsachse, die quer durch das Viertel läuft, legen sie still und schicken sie als Fahrradboulevard in die Zukunft. Alte Industriebrachen sollen erhalten und verdichtet werden. Die Idee ist eine Gebäudetypologie, die aus Bestandssockeln besteht. Sie sollen in vielen Fällen um mehrgeschossigen Wohnraum erweitert werden. Drei Hochhäuser mit bis zu 15 Stockwerken, was in etwa 50 Metern Höhe entspricht, könnten zudem als Hochpunkte des neuen Quartiers herausragen.

Wettbewerb „Quartier Backnang West“: Strukturbild zum Entwurf von Teleinternetcafe Architektur und Urbanismus zusammen mit Treibhaus Landschaftsarchitektur (Grafik: Teleinternetcafe/Treibhaus)

Planerisch teilen die Architekten das Areal in vier Abschnitte: Der „City-Campus“ bildet die Brücke zur Kernstadt. Hier bleiben das Technikmuseum und die alte Lederfabrik inklusive Schornstein erhalten, ergänzend hinzu kommen urbanes und temporäres Wohnen. Bestandsgebäude (im Plan grau) sollen in Teilen und zum Teil aufgestockt werden. Freie Flächen auf den Sockeln mutieren zu erhöhten Grünflächen. Unten finden sich künftig proaktive Höfe – nutzbar vom angesiedelten Gewerbe und zum öffentlichen Aufenthalt vorgesehen. „Reihenhäuser, Vorstadtgärten und Zäune wird es im neuen Quartier keine geben“, sagt Jury-Sprecherin Jórunn Ragnarsdóttir, Stuttgarter Architektin und Mitglied des Deutschen Städtebaupreises 2020.

Den zweiten Quartiersteil nennen die Planer „Stadtwerk“, in Anlehnung an die vorhandenen Gebäude der örtlichen Stadtwerke, die erhalten bleiben. Hier findet sich auch die Nahversorgung. Ein Ziel der Stadtgestalter ist es, alle alltagsnotwendigen Geschäfte und Dienstleister binnen 15 Minuten zu Fuß zu erreichen. Ein Schwerpunkt soll in diesem Gebiet soziales Wohnen sein. Wohnraum findet auch hier in der Höhe statt. Drittes Quartier ist die „Wohn-Fabrik“. Sie ist mit den anderen Quartieren in östlicher Richtung via Park-Aue verbunden und hat produktive Landschaftsflächen an ihrem Westende.

Visualisierung des CityCampus: Produktiver Hof mit Forschung, Gewerbe und Wohnen (Visualisierung: Teleinternetcafe/Treibhaus)

Dazwischen liegen ein Gewerbepark und wieder Gebäude mit diesmal großformatiger Sockeltypologie: Oben Wohnen, unten Gewerbe mit Räumen für eine Fahrradwerkstatt, Car-Sharing und andere Dienstleister. Aus Sicht des Siegerteams eignet sich dieser Quartiersteil für genossenschaftlichen Wohnbau, der mittels Tauschwohnungen Mehrgenerationenformate generieren soll. Die Senioren-WG kooperiert mit der Azubi-WG im gleichen Gebäudetrakt, so die gesellschaftliche Vision der Planer. 

Die Park-Aue schließlich ist die große Grünfläche des Entwurfs. Sie ist öffentliches Gelände und, wie der Name schon sagt, eine vom Fluss geprägte Uferlandschaft, die auch als Überflutungsfläche dienen soll. Hier könnten mehrere Brücken und wassernahe Parks entstehen, vielleicht auch neue Badestellen. Die wegfallenden 1000 Parkplätze verdichten die Stadtgestalter übrigens in drei Parkhäusern, die in den jeweiligen Quartiersteilen aufzustellen wären. So wird die Stadt der Zukunft autofrei – und das im Heimatland von Mercedes, Bosch und Porsche. Ganz schön mutig.

Ein Wort noch zum Verfahren selbst. Auch hier hat „Backnang Mut bewiesen, einen neuen Weg auszuprobieren“, bescheinigt IBA27-Intendant Andreas Hofer. Das anonyme Skizzenverfahren stelle sicher, dass Ideenreichtum, Kompetenz und Auseinandersetzung mit dem Ort für die Auswahl der Teilnehmer ausschlaggebend waren. Dass am Ende nun zwei deutsche Büros den Sieg einfahren, spricht für die Qualität ihrer Arbeit im internationalen Vergleich.

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