Healing Architecture – das Krankenhaus auf dem Weg zum nachhaltigen Gesundheitsbau

Katinka Corts
3. November 2021
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Kann Architektur heilen? Wie lassen sich die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals verbessern? Und ist das überhaupt bezahlbar? Darüber diskutierten Expert*innen in Wien an der Gesprächsrunde „Organismus Krankenhaus nach Covid-19“. 

Michael Kerbler brachte es gleich zu Beginn der Gesprächsrunde „Organismus Krankenhaus nach Covid-19“ gut auf den Punkt: Das diesjährige Thema der Architekturbiennale von Venedig, „How will we live together?“, enthalte auch den Teilaspekt „Wie wollen wir gemeinsam und aus ganzheitlicher Sicht füreinander und für erkrankte Menschen sorgen?“. Heute werden Krankenhäuser meist als Maschinen wahrgenommen. Nur ungern geht man dorthin, und wohl jeder und jede verbindet die eine oder andere – in aller Regel eher schlechte – Assoziation mit ihnen. Für Bauten, in denen man gesund werden und Heilung erfahren soll, ist dieses Image jedoch sehr unglücklich. Daher werden immer wieder gern schönfärbende Begriffe wie „Gesundheitszentrum“ statt „Krankenhaus“ gebraucht. Viel geholfen hat derlei Feintuning an der Benennung jedoch noch nie. Zwar verbessern sich das Design und die Ausgestaltung von Krankenhausneubauten merklich, doch das Thema „Healing Architecture“ komme weiterhin, so bedauerten denn auch einige der Gesprächsteilnehmer*innen, regelmäßig zu kurz.

Healing Architecture – mehr als Oberflächen und Vorhänge

Doch was ist das eigentlich, Healing Architecture? Es geht dabei um Planungsprämissen, die durch die Gestaltung von Licht- und Luftbezug, den freien Blick in die Natur, akustisch wirksame Materialien, Farben, die bei der Orientierung helfen, sowie einem Bewusstsein für den Geruch eines Ortes eine gesundheitsförderliche Umgebung für das physische und psychische Wohlbefinden von Patient*innen und Personal herstellen sollen. Weil das wichtig ist, befand Andreas Frauscher, CEO bei Architects Collective, Errichtungskosten sollten mit den laufenden Kosten in Relation gesetzt werden. Denn mit der Investition in Healing Architecture erreiche man kürzere Spitalaufenthalte, eine höhere Personalzufriedenheit und niedrigere Krankenstände – aus betriebs- und volkswirtschaftlicher Sicht sei das zu begrüßen, Mehrkosten würden sich rasch amortisieren. Richard Klinger, ebenfalls CEO bei Architects Collective, fügte hinzu: „Dieser Zugang hängt mit Materialien zusammen, aber auch mit der baulichen Struktur. Das Themenfeld kann man nicht auf einen Vorhang und den Bodenbelag reduzieren, vielmehr geht es bis in die Grundstruktur eines Gebäudes.“

Im Bereich der Planung sei das Problem bekannt, so Klinger weiter. Der Experte für Masterplanung im Gesundheitswesen und in der Krankenhausplanung hat schon viele Gespräche geführt im Vorfeld zu Bauprojekten und die Themen waren dabei oft die gleichen. Waren die Ziele früher hoch gesteckt, ist mittlerweile jedoch klar, dass Diskussionen über das Budget und auch über technische Aspekte am Ende leider immer wieder im Vordergrund stehen. Das Nachhaltigkeitskonzept sterbe, so Klinger, meist während der Ausführung. Dabei zeigt die Erfahrung, dass das räumliche Erleben auch die Qualität des Arbeitsplatzes entscheidend beeinflusst, wenn man die Krankheitstage des Personals betrachtet. Da sich derlei Erfahrungen jedoch nicht ausreichend belegen und vor allem finanziell beziffern lassen, ist es schwierig, Auftraggeber zu einem neuen Denken zu bewegen. Zudem kommt das Geld für den Bau eines Krankenhauses in aller Regel aus einem anderen Topf als jenes für den Betrieb der Klink. Findet es die Pflege also notwendig, den Patient*innen auch Therapiewannen anbieten zu können, ist das Haus längst gebaut – und der benötigte Raum fehlt eben.

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Nachhaltig gestalten für mehr Wohlgefühl

Die kleine Gesprächsrunde im Wiener Gleis 21 hatte zum Ziel, Probleme aufzuzeigen und mit Entscheidungsträgern in eine Diskussion über das „postpandemische Krankenhaus“ zu kommen. Im vergangenen Jahr wurden weltweit Krankenhäuser und ihr Personal hart auf die Probe gestellt und stark belastet. Laut einer Online-Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) im April 2021 gab ein Drittel der Beschäftigten in Pflege- und Gesundheitsfachberufen an, ihren Beruf in den nächsten zwölf Monaten aufgeben zu wollen oder zumindest eine Reduktion ihres Pensums anzustreben.

Neben gerechter Bezahlung wünschten sich die Befragten auch nachhaltige Anpassungen der Arbeitsbedingungen. Klingers Frage, ob man sich eine Klinik des Wohlbefindens überhaupt leisten wolle und könne, brachte Kerbler zur Ergänzung: Was kommt denn auf uns zu, wenn wir auf Vorrat denken müssen? Muss man sich von dem Gedanken verabschieden, dass ein Haus nach der Erstellung fertig ist? Muss man es als ein wachsendes Objekt denken? 

Lungenfachärztin und Arbeitsmedizinerin Sylvia Hartl, die der Lungenabteilung der Klinik Penzing in Wien vorsteht, bejahte dies. Ein Krankenhaus funktioniere organisch und müsse ständig flexibel anpassbar sein, das hätte die Corona-Pandemie gerade erst gezeigt. Problem sei, dass der Betrieb einen ethischen Auftrag habe, dabei aber ökonomische Bedingungen erfüllen müsse. Zwar sei es bereits möglich, viele Bedürfnisse zu formulieren, aber für geeignete Maßnahmen bräuchte es veränderbare Räume. Laut Hartl kommt das Investment in das Patientenwohl in zehnfacher Weise zurück. 

Auch Beate Czegka, Pflegevorständin der Tirol Kliniken GmbH, ist überzeugt: „Ein Healing Environment können wir aus der Sicht der Pflege nur unterstützen. Wir kommen oft darauf, dass sich vieles rechnet und es gar nicht soviel mehr kostet mit Healing Architecture zu planen. Wenn wir diese Überlegungen in der Planung von Anfang an machen, ist es weniger teuer, als nachträglich Um- oder Zubauten zu realisieren.“ In der grundlegenden Planung sei das Interesse am Thema durchaus vorhanden, bestätigt Klinger, aber während des Prozesses gehe das Thema oft verloren: „Das Bewusstsein dafür, dass Healing Architecture gleich wichtig ist wie Technik und Funktion, ist noch nicht ganz da.“ Die Technik gewinne immer, sobald der Rotstift ins Spiel komme, weiß Klinger aus jahrzehntelanger Erfahrung.

Heinz Ebner, der selbst Mediziner und Psychotherapeut ist und schon lange im Gesundheitswesen als Berater arbeitet, kann sich die „atmende Klink“ als Lösung vorstellen: Ob es nun das größere Einbettzimmer ist, die vom Personal gewünschte Stell- und Lagerfläche oder auch die Möglichkeit, im Fall einer Pandemie Ressourcen zusammenführen zu können. Das sei zwar ein wichtiger Punkt, entgegnete Siegfried Gierlinger, Technischer Direktor des Universitätsklinikums AKH Wien, das größte Problem bleibe jedoch nach wie vor die Personalknappheit im Pflegebereich.

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Mehr Zeit für die Vorarbeit

Wie könnte so ein Weg aussehen, der zu gehen ist für das ganzheitliche Planen von Gesundheitsbauten? Zu Beginn, also noch vor den eigentlichen Planungen zu einem Projekt oder vor einem Wettbewerb, braucht es genug Zeit, um die wichtigen Bedürfnisse zu sammeln. „Solche Diskussionen muss man führen und in einen konstruktiven Prozess bringen. Es darf auch gestritten werden“, so Ebner. „Es muss sichergestellt sein, dass es Reflexionsprozesse gibt, dass Menschen sich Zeit nehmen. Dafür müssen Ressourcen da sein, das ist der Einstieg in die Geschichte. Bei Planungsprozessen vermisse ich das meistens.“ Siegfried Gierlinger bekräftigte das: „Die Projektabwicklung ist Zeit- und Kosten-getrieben. Qualität ist der dritte Pfeiler der Planung. Wenn die Qualität stimmt, ist die Zeit nicht ganz so wichtig, bei den Kosten wird es schwierig. Aber ich muss die Diskussion zulassen können und zuhören. Wenn ich etwas Neues baue, dann erwarte ich von den Beteiligten, dass man die Kreativität zulässt.“

Die Pandemie hat gezeigt, dass falsche Ausrüstung zu Zeitverlust und zu starker Konzentration von Personal führt. Das Ein- und Ausschleusen der Patient*innen hat nicht funktioniert, und oft mussten Gänge im laufenden Betrieb umgebaut werden. Auch bei der Genesung wurden die Unzulänglichkeiten deutlich, wie Sylvia Hartl sich erinnert: Man will die Patienten qualitätsvoll entlassen und zuvor die Möglichkeit haben, Angehörige – zum Beispiel in der Bedienung von mobilen Atemgeräten – zu schulen. „Wenn wir schnell sein müssen, entsteht ein enormer Druck auf Angehörige. Hier ist es wichtig, Würde, Sicherheit und Vertrauen zu geben.“ Im mikroflexiblen Krankenhaus sei ein solcher Umgang möglich, wie Hartl zu berichten weiß. In der Wiener Klinik Penzing sei eine Station nach den Regeln des FengShui ausgestattet. Die Menschen, die dort Patient*innen sind, fühlen sich besonders wohl. Natürlich seien Holzoberflächen im Raum in der Bewirtschaftung aufwendiger als säurefester Industriebeton. Es käme jedoch allen zugute, auch dem Personal, wenn sich die Patient*innen wohlfühlen. Hier seien die Architekt*innen aufgerufen, derlei Themen aufzugreifen und aktiv in die Projekte zu bringen. „Es geht darum, Geborgenheit zu schaffen für Menschen, die verletzt sind“, so Hartl. „Das kann man nicht durch Nettigkeit auffangen, sondern es braucht eine angemessene Umgebung.“

Vorfeldforschung und Beteiligung

Was kann nun also helfen, im Laufe der Zeit eine andere Baupraxis zu entwickeln und Healing Architecture mehr Raum zu geben? Die Gesprächsrunde brachte den wichtigen Appell an alle Planenden, Zeit für die Vorfeldforschung einzufordern und andere Interessengruppen zu beteiligen. Patient*innen zu befragen sei hingegen meist schwierig, da der genesenen Person in der Regel die Vergleichsmöglichkeit fehle. In der abschließenden Diskussion wurde auch deutlich, dass die ethische Haltung des Krankenhauses entscheidend ist. Wenn die Institution selbst den Anspruch hat, das Haus nicht als Maschine, sondern als Genesungsort anzusehen, könnten Planungen anders vonstatten gehen, als sie es heute tun.

So kommen wir zurück zur Frage, welche Arbeitsbedingungen für die Pflege notwendig sind, damit dieser schöne, menschliche und lebensunterstützende Beruf mehr geschätzt wird. Ein einfaches Beispiel brachte Beate Czegka: Übergewichtige Menschen schämen sich oft, wenn zwei oder drei Pfleger*innen notwendig sind, um sie zu bewegen. Sie seien krank und geschwächt und würden dabei merken, wie sie allen zur Last fallen. Wie einfach wäre es, so Czegka, in der Planung von vornherein in ein paar Zimmern pro Etage Lastkräne einzuplanen! Es ist eine große Erleichterung für Patient*innen, Pflege und Angehörige, zu sehen, dass der Aufenthalt im Krankenhaus nicht unnötig Probleme bereitet. Das passe genau zum eigentlichen Auftrag eines Gesundheitsortes, denn letztlich gehe es vor allem zu Anfang der Planung um eine Haltung, die den ethischen Auftrag der Heilung und Genesung erfüllt und mit den wirtschaftlichen Zielen einer Klinik in Einklang bringt. Heinz Ebner versucht die Investitionsfrage inmitten aller Anforderungen zu vereinfachen: Man müsse wie überall abwägen – wie viel gibt man für die Maschine aus und wie viel für das Wohlbefinden. Man brauche den Mut zu sagen: Weniger Nutzfläche ist akzeptabel, wenn dafür ein bisschen mehr Wohlgefühl entsteht.

Gelingen könne das, wenn vor dem Start der eigentlichen Planung ausreichend Zeit und Commitment zur Diskussion von Vision und Nutzen eines Gesundheitsbaus eingeräumt werden. Solche Diskussionen müsse man führen und in einen konstruktiven Prozess bringen, so Heinz Ebner, und es dürfe auch gestritten werden! Ebner weiter: „Es muss sichergestellt sein, dass es Reflexionsprozesse gibt, dass Menschen sich Zeit nehmen – dafür müssen Ressourcen da sein.“ Michael Kerbler fasste das Gesagte schließlich zusammen: Es braucht mehr Rückbesinnung auf die Patientenorientierung und mehr Diskussion und Reflexion. Eine Art gemeinsames Partizipationsmodell zu Beginn eines Projektes? Richard Klinger stimmt zu: „Es muss im Vorfeld des Planungsprozesses mehr diskutiert werden.“ Und Sylvia Hartl betont, dass man sich endlich zum lernfähigen Organismus Krankenhaus bekennen müsse, da sonst verschlafen werde, wie man die bestehende Struktur weiterentwickeln kann.

Die Teilnehmenden im Überblick
Michael Kerbler, Moderation
Er zählt zu den prominentesten Rundfunkjournalisten Österreichs und arbeitete fast 38 Jahre in unterschiedlichen Funktionen für das ORF.
 
Richard Klinger, CEO von Architects Collective
Er studierte an der TU Wien und an der Akademie der bildenden Künste. Er ist Mitbegründer von Architects Collective. Klinger gilt als Experte für Masterplanung im Gesundheitswesen und insbesondere in der Krankenhausplanung.
 
Andreas Frauscher, CEO von Architects Collective
Auch er studierte an der TU Wien und ist Mitbegründer von Architects Collective. Frauscher hat große Erfahrung als Projektleiter in allen Leistungsphasen der Architekturplanung für Bürogebäude, Krankenhäuser und Wohnbauten. Neben seiner praktischen Tätigkeit unterrichtet er an der TU Wien.
 
Beate Czegka, Abteilungsvorständin des Pflegemanagements der Tirol Kliniken GmbH
Sie ist Koordinatorin der Initiative „Demenz braucht Kompetenz“. Davor war sie unter anderem Pflegedirektorin im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien und im Spital der Elisabethinen in Klagenfurt.
 
Sylvia Hartl, Abteilungsvorständin der Lungenabteilung der Klinik Penzing Wien
Sie ist Pneumologin und Arbeitsmedizinerin. Hartl betreut viele Menschen mit speziellen Bedürfnissen wie Frührehabilitation unter Beatmung und Langzeitsauerstoff sowie Infektionen mit Isolationsbedarf.
 
Heinz Ebner, Geschäftsführer & Partner bei der BDO Health Care Consultancy GmbH
Er ist Mediziner und Psychotherapeut mit zusätzlichem Abschluss im Krankenhaus-Management. Seit vielen Jahren ist er in der Beratung im Gesundheitswesen tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt dabei auf der klinischen Betriebsorganisation von Krankenhausprojekten.
 
Siegfried Gierlinger, Technischer Direktor des Universitätsklinikums AKH Wien
Er ist verantwortlich für das infrastrukturelle Facility-Management sowie das Technische Facility Management mit dem besonderen Schwerpunkt der baulichen Erneuerung des Klinikums.

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