Jörg Schlaich (1934 – 2021)

Gebaute Poesie

Falk Jaeger
7. September 2021
Jörg Schlaich, 2013 (Foto: Amin Akhtar)

Mit einer ganz selbstverständlichen Weltoffenheit führte er sein Leben bis ins hohe Alter. Jörg Schlaich war leise und bescheiden, dabei aber selbstbewusst und ohne die Allüren vieler Stars, die die Architekturszene weltweit bespielen. Am 4. September ist Jörg Schlaich gestorben.

Der Zungenschlag war nicht zu überhören, Jörg Schlaich war in der Wolle gefärbter Schwabe. 1934 geboren im Remstal im Weinort Kernen bei Stuttgart. Nach der Schulbildung in Stetten und Waiblingen, also nicht gerade in Weltstädten, lernte er erst etwas Ordentliches, Schreiner nämlich, bevor er in Stuttgart und Berlin Bauingenieurwesen studierte. Seine schwäbisch-pietistische Prägung im elterlichen Pfarrhaushalt hielt ihn nicht davon ab, sich in der Welt umzusehen, zum Beispiel in Cleveland, Ohio als Assistent für Stahlbetonbau zu arbeiten und dort seinen Master zu machen.

In Stuttgart gab es einen Staringenieur, Fritz Leonhardt, der Pionier der Fernsehtürme. In dessen Büro trat Schlaich 1963 ein, wurde sieben Jahre später Partner des renommierten Büros Leonhardt und Andrä, bis er sich 1979 zusammen mit Rudolf Bergermann selbstständig machte. Schlaich beerbte Leonhardt auch 1974 auf dessen Lehrstuhl für Massivbau an der Universität Stuttgart, den er 27 Jahre lang führte und wo er Generationen von Bauingenieuren ausbildete und prägte. Er trug maßgeblich bei zum Ruf Stuttgarts als Mekka international führender Ingenieure und Tragwerksplaner, für das weitere Protagonisten des experimentellen Bauens wie Frei Otto, Werner Sobek, Jan Knippers, Achim Menges und Transsolar stehen.

Fußgänger- und Fahrradbrücke Erzbahnschwinge im Westpark in Bochum (Foto: NatiSythen, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Jörg Schlaich hatte drei Leidenschaften: Brückenbau, Leichtbau mit Seilnetzkonstruktionen und die Förderung der Solarenergie. Und immer war ihm die Gestaltung ein besonderes Anliegen, auch die Zusammenarbeit mit fähigen Architekten. Beim Objektbau sah er seine Aufgabe darin, die Ideen der Architekten baubar zu machen. Oft war er der entscheidende Mann im Hintergrund, der die Dinge erst ermöglichte, das Olympiadach in München zum Beispiel, das in der öffentlichen Wahrnehmung mit den Namen Frei Otto und Behnisch verbunden ist. So entstanden in kongenialer Zusammenarbeit Bauten wie die Alsterschwimmhalle in Hamburg (1973, mit Walter Neuhäußer), das Züblinhaus Stuttgart (1984, mit Gottfried Böhm) und viele andere signifikante Bauten.

Blick vom Olympiaberg auf das Olympiastadion (Foto: Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
 

Bei Brückenbauwerken sind Ingenieure meist auch als Gestalter verantwortlich. Sehr zum Leidwesen von Jörg Schlaich, der oft genug die Misere der Brückenbaukunst anprangerte. Zum Beispiel bei den unzähligen Brücken der Bahn, deren unsensible, die Landschaft zerstörende Gestalt seinen Zorn weckte. So erarbeitete er 2008 im Auftrag der DB einen „Leitfaden Gestalten von Eisenbahnbrücken“. Seitdem hat sich einiges gebessert, haben neue Projekte Brücken- und Ingenieurbaupreise erringen können.

Bei den eigenen Brücken schien es, dass er, vom Beton-Massivbau her kommend, immer mehr das Leichte, Filigrane suchte und so zwangsläufig zu Hänge- und Netzkonstruktionen kam. Gebaute Poesie sind die Fußgängerbrücken zur IGA 1993 in Stuttgart, die „Erzbahnschwinge“ in Bochum, die „Grimberger Sichel“ über den Rhein-Herne-Kanal, die keine simplen Stege waren, sondern aufgrund ihrer besonderen, eleganten Formen zu besonderer Namensgebung animierten.

Aussichtsturm im Höhenpark Killesberg, Stuttgart (Foto: pjt56, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons)
 

Eine Form im Übrigen, die dem Bestreben erwuchs, die Ingenieurtechnik auszureizen und immer größere Leistung mit immer weniger Materialeinsatz zu schaffen. Denn Jörg Schlaich war überzeugt davon, dass es Aufgabe der Ingenieure sei, das Bauen zu minimieren, nachhaltig zu agieren, die Umwelt soweit als möglich zu schonen. Frühzeitig hat er sich deshalb der Nutzung der Sonnenenergie zugewandt. Sein Herzensprojekt, das Aufwindkraftwerk, das er viele Jahre lang unermüdlich propagierte, ist zu seinem Leidwesen nicht über einen kleinen Prototypen 1981–86 in Spanien hinausgekommen. Größere Projekte in Australien und Namibia scheiterten an der Finanzierung.

Längst ist das Büro schlaich bergermann partner zum international agierenden Unternehmen mit Filialen von New York bis Shanghai gewachsen. Es wird heute vom Sohn Mike Schlaich und den Partnern Knut Göppert, Andreas Keil, Sven Plieninger, Knut Stockhusen und Michael Stein getragen. Elegante WM-Stadien entstanden in aller Welt (mit Seilnetzdächern selbstredend), Brücken von Seattle bis Neu-Delhi, Hochhäuser in Manhattan, technisch immer an der Spitze der Entwicklung. Prof. Dr.-Ing. Dr. e.H. mult.  Jörg Schlaich ist am 4. September 2021 im Alter von 86 Jahren gestorben. Sein Forscher- und Erfindergeist lebt im Büro fort.

Jörg Schlaich und Rudolf Bergermann (Foto © schlaich bergermann partner)

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