10 Jahre Museum für Architekturzeichnung in Berlin

Denken mit dem Zeichenstift

Falk Jaeger
9. Juni 2023
Jakow Tschernichow (1889–1951), Architekturfantasie: Ansicht eines Kraftwerks 1920er- Anfang der 1930er-Jahre. Reißfeder, Tusche, Deckweiß, 104 × 104 mm (Bild: Sammlung Sergei Tchoban, Inv.-Nr. D0145)

Im Quartier der ehemaligen Brauerei Pfefferberg, in direkter Nachbarschaft des Internationalen Architekturforums Aedes und Olafur Eliassons Atelierbetrieb, hatte der in Sankt Petersburg gebürtige und ausgebildete Architekt Sergei Tchoban (Tchoban Voss Architekten Hamburg/Berlin) für seine Sammlung ein eigenes Museum errichtet, das weltweit einzige spezialisierte Museum für Architekturzeichnung. Tchoban, selbst einer der bedeutendsten Architekturzeichner und mit eigenen Ausstellungen im In- und Ausland präsent, ist Förderer, Impresario und Kurator dieser Kunstsparte, die mit dem Aufkommen des elektronischen Entwerfens ihre Bedeutung als Gebrauchsgraphik in der Baupraxis verloren hat und heute nur noch zum Bereich der Schönen Künste zählt. Seine Sammlung bedeutender Blätter aus sechs Jahrhunderten mit Schwerpunkten 17. und 18. Jahrhundert sowie russische Konstruktivisten der 1920er-Jahre hat er zum Großteil in eine Stiftung eingebracht. 

Der signifikante Museumsbau, aufgetürmt aus vier tanzenden Kuben, ist aus beigefarbenem Beton errichtet, der wie steinmetzmäßig bearbeiteter Sandstein aussieht und mit Fassadenreliefs dekoriert ist. Die Reliefmotive entstammen der ersten Zeichnung, mit der Tchoban seine Sammeltätigkeit begann, einem Blatt von Pietro di Gonzaga aus dem beginnenden 19. Jahrhundert. So wird die Zweckbestimmung des Baus im Sinn einer narrativen Architektur schon von außen deutlich.

Michail Filippow (*1954), Wasserkraftwerk, 1991. Aquarell, Feder, Tinte, Kreide; 2 Blätter je 945 × 575 mm (Bild: Sammlung Tchoban Foundation, Inv.-Nr. TF1051 © Michail Filippow)
Thomas W. Schaller (*1959), From the City. Architekturfantasie 1990. Aquarell, Bleistift, Deckweiß; 670 × 445 mm (Bild: Sammlung Tchoban Foundation, Inv.-Nr. TF0837 © Thomas W. Schaller)

Die Ausstellungsflächen auf zwei Geschossen sind nicht üppig. Sie bieten Platz für etwa 70 Exponate, für Kabinettausstellungen also, zur kontemplativen Betrachtung der meist sehr feinnervigen Zeichnungen. In Zeiten der kaum zu bewältigenden Mega-Ausstellungen tut es gut, sich auf die stillen Qualitäten der wunderbaren, ausgesuchten Blätter einer überschaubaren Ausstellung zu konzentrieren.

Tchoban hat ein internationales Netzwerk aufgebaut und beispielsweise mit eigenen Ausstellungen in St. Petersburg und Moskau, in Paris und London, in Mailand, Rom und Peking den Grundstein für gegenseitigen Austausch gelegt. Für die Gastausstellungen im Gegenzug sind strengste Auflagen zu erfüllen was Sicherheit, klimatische und konservatorische Bedingungen betrifft.

Das älteste Architekturmuseum der Welt, das Londoner Soane‘s bestritt denn auch die Eröffnung mit einem Paukenschlag: »Piranesis Paestum – Neuentdeckung der Meisterzeichnungen«, mit raren Handzeichnungen des Künstlers, der für seine berühmten Kupferstiche der »Imaginären Gefängnisse« und der römischen Veduten sonst nur Vorskizzen angelegt hatte. Die Pariser École des Beaux-Arts zeigte die von Jean Mariette herausgebrachten Entwürfe von Hôtels particuliers, die Albertina Wien »Meisterzeichnungen« von Bernini und Johann Bernhard Fischer von Erlach bis Hans Hollein und Zaha Hadid.
Tchobans Kontakte nach Russland nutze er für die Zusammenarbeit mit der  Tretjakow-Galerie in Moskau oder der Eremitage in St. Petersburg. Hin und wieder traten russische Partner und Bauherren aus Tchobans Moskauer Büro als Sponsoren auf. Diese Drähte sind freilich seit Corona und seit dem Ukraine-Krieg gekappt.

Hubert Robert (1733–1808) Architekturfantasie. Innenansicht eines Palastes 1776. Rötel; 357 × 439 mm (Bild: Sammlung Sergei Tchoban, Inv.-Nr. T0101)
Richard Neutra (1892–1970), Entwurf für das Haus Hammerman in Bel Air, Kalifornien
1954. Pastell, Wachsmalkreide, Bleistift; 608 × 915 mm (Bild: Sammlung Sergei Tchoban, Inv.-Nr. T0717 © The Neutra Institute for Survival Through Design)

Mit dem Potenzial seiner eigenen Sammlung und jener, die er in die Stiftung eingebracht hat, sowie mit den Partnern in aller Welt ist das Museum jedoch auf diese Kontakte nicht angewiesen. So gab und gibt es weiterhin im Wechsel mit den Kooperationen eigene Produktionen über einzelne Architekten wie Hans Poelzig und Alvaro Siza, James Wines (SITE) und Boris Iofan, Thom Mayne und Aldo Rossi oder über Themen wie AKIRA, den ersten japanischen Animationsfilm, Mark Fishers Rockkonzertshows, Russische Avantgarde oder Deutsche Filmarchitektur 1918–33.

Die Jubiläumsausstellung ist nun so etwas wie ein Best-of, eine Zusammenstellung quer durch die Jahrhunderte zu fünf verschiedenen Themenkomplexen (Urskizze, Türme der Fantasie, Visionäre Stadt- und Wohnwelten, bautechnische Utopien und Welttheater) und als solche sicher eine der faszinierendsten und kurzweiligsten der bisherigen Ausstellungen. Sie breitet aber auch die ganze Vielfalt der Genres, der grafischen Techniken und darstellerischen Möglichkeiten aus, derer sich die Baukünstler über fünf Jahrhunderte hinweg zur Darstellung ihres architektonischen Denkens bedient haben.

ARCHIVISION 
10 Jahre Museum für Architekturzeichnung Berlin

Ausstellung: 2. Juni – 3. September 2023
Ausstellungsort: Tchoban Foundation, Christinenstraße 18A, 10119 Berlin
Öffnungszeiten: Mo–Fr 14–19 Uhr, Sa/So 13–17 Uhr

 

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